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MOLEcafé

Ästhetisch? Ja. Journalistisch? Auch.

#01 2009 / Alfredo Cramerotti

Kunst und Journalismus haben auf den ersten Blick wenig gemein, auf den zweiten aber so einiges.

Das Erforschen, Produzieren und Verbreiten von „Wissen“ findet heutzutage nicht mehr nur über Rundfunk oder klassischen Journalismus in verschiedensten Medien statt, sondern erreicht ein weltweites (spezialisiertes) Publikum auch über die „globalisierten“ Bahnen von Kunstausstellungen, Biennalen, Filmfestivals, kulturellen Events etc.
Wie klein dieses Publikum auch sein mag – und das ist es nicht –, diese Rezeption und Redistribution von Information beeinflusst unsere Vorstellung davon, wie wir Neues lernen: über die Welt und uns selbst. Dieses Zusammenspiel von Kunst und Journalismus ist mehr als nur ein Trend. Es hat sich zu einer neuen Form des Journalismus, dem „ästhetischen Journalismus“, entwickelt, dessen Intensität variiert, je nachdem in welchem Ausmaß der/die KünstlerIn die journalistische Methode anwendet. Ästhetischer Journalismus ist eine Form der Untersuchung von sozialen, politischen, geografischen, ökonomischen oder kulturellen Themen, die über die Kunstschiene funktioniert.
Man muss sich Journalismus und Kunst als mehrschichtige Aktivitäten vorstellen anstatt als klar getrennte Gebiete. Journalismus bietet einen Blick auf die Dinge, die Kunsteinen Blick auf den Blick (als Rückkopplung auf den ersten Blick). Auch wenn das eine ein kodiertes System ist, das für die Wahrheit steht (oder es behauptet) und das andere eine Reihe von Aktivitäten ist, die sich selbst bei jedem Schritt hinterfragt (oder es behauptet), so sind doch beides Methoden der Repräsentation und Vermittlung der menschlichen Verfassung. Wenn ein(e) JournalistIn recherchiert, wählt er/sie eine Reihe von Bildern und Wörtern innerhalb des zur Verfügung stehenden Kontinuums des Lebens aus (ein Auszug einer riesigen Summe an Relationen und Prozessen, die wir Realität nennen). Erschafft ein(e) KünstlerIn ein Kunstwerk, erschafft er/sie eine Geschichte, wo vorher nichts war (eine Ergänzung zur Realität). Die Verschmelzung von Hinzufügen und Weglassen begründet die Welt, in der wir leben. In Sachen Repräsentation macht es kaum einen Unterschied, ob eine Geschichte aus Fakten oder Fiktion besteht – geschaffen werden eine Darstellung und eine Erzählung. Was sich jedoch grundlegend ändert, ist, wie diese Geschichte erzählt und verbreitet wird und welche Auswirkungen dies auf unser Verhalten hat.

Hinterfragen. Der Beruf des/der Journalisten/in beinhaltet eine beinahe ethische Haltung: der größtmöglichen Anzahl von Menschen zu dienen und ein(e) Zeuge/in von Geschichte zu sein, kein(e) AkteurIn. In diesem Prozess wird der/die JournalistIn vielleicht seine/ihre voreingenommene Sichtweise und die Fehlbarkeit der Wahrheitssuche anprangern – oder auch nicht. Seit dem Zeitalter der Aufklärung – als es für die Bourgeoisie von großer Bedeutung war, öffentliches Interesse zu erwecken – ist das Fach des/der Journalisten/in zu einem Gegenstand des Abwägens geworden. Heute ist Journalismus ein permanenter Balanceakt zwischen Informationsquellen, den Interessen des/der Auftraggebers/in, der Macht, die auf den/die ReporterIn wie auch auf die Massen ausgeübt wird, und darüber hinaus der Erwartungshaltung der Öffentlichkeit. Aufgrund dessen findet Journalismus heutzutage in Presseräumen und nicht am Ort des Geschehens statt.
Sobald etwas irgendwo geschieht, bekommen wir augenblicklich Zugang zu Filmmaterial in Echtzeit, vermittelt von ExpertInnen, welche die live eingespeisten Bilder kommentieren, und digitalen CutterInnen, die mischen, überblenden, schneiden, Grafiken und Lauftext einfügen. Was wir an Allwissenheit gewinnen, verlieren wir an Kontext und Sinn. Wir haben keine Ahnung mehr von den Hintergründen eines Ereignisses, denn der Kontext geht durch die Konstruktion, Vermittlung und Auslieferung als Konsumgut verloren. Mehr Nachrichten, rund um die Uhr; mehr Journalismus, universell verständlich gemacht; mehr Ereignisse, dank der Multiplikation dessen, was berichtenswert scheint. Wir haben den Punkt erreicht, an dem wir „Metamedien“ brauchen, die erklärende Sparte. Wir denken, dass alles entweder seriös oder manipuliert ist. Für unser Urteil darüber verlassen wir uns auf MedienbeobachterInnen und KritikerInnen, kommentierende Programme, Artikel über die Interpretation anderer Artikel usw. In diesem Kontext bedeutet erklären beeinflussen.
Wenn sich Journalismus stetig zwischen seiner „Mission“ und seiner Machtposition bewegt, ist andererseits auch die Kunst einem Dualismus verhaftet: KünstlerInnen wollen ein spezielles Publikum (das globalisierte Kunstpublikum) ansprechen, gleichzeitig aber das Feld der Kunst verlassen, als ob es „realer als die Realität“ wäre. Oft werden nicht-fiktionale Arbeiten von KünstlerInnen unkritisch als verlässliche Informationsquelle, als gültige Gegendarstellung zumJournalismus der Medien gesehen. Da eine Interpretation nie neutral ist, weder in der Kunst noch im Journalismus, wird es Zeit, sich ein Konzept von Information vorzustellen,das den künstlerischen Umgang mit der Realität mit einbezieht.

Ästhetischer Journalismus. Hierin liegt der Wert des Journalismus, ästhetisch „zu sein“, anstatt nur ästhetische Mittel zu verwenden (was er sehr gut macht und immer gemacht hat). Journalismus ist notwendig, um in einer immer komplexer werdenden Zivilisation, mit Rollenteilung, Prozeduren der Verwaltung, Wissenschaft, Kultur und Technologie zurechtzukommen; er ist zum „Modus Operandi“ für den Umgang mit Dingen, die nicht aus erster Hand erlebt werden können, geworden. Die journalistische Haltung hat sich auf andere Felder ausgebreitet und konstruiert die Grenzen der Normalität für Repräsentation und Realität. JournalistInnen sind folglich KunsthandwerkerInnen, die sorgfältig Information gestalten (zugegeben oder nicht, eine Verzerrung), um ein verständliches Bild der Welt „da draußen“ zu präsentieren.
Kunst und Journalismus sind somit zwei Seiten einer einzigen Aktivität, was eine wichtige Frage aufwirft: Ist es möglich, mit Ästhetik zu arbeiten, trotzdem Raum für eine Bedeutung zu lassen, die auf der Interpretation des/der Betrachters/in gründet, und trotzdem informativ, präzise und relevant zu sein? Wenn die Verbreitung von Wahrheit von den Nachrichten auf die Kunst übergeht, wie kann man folglich die Einschränkung der Kunst in den Grenzen von Institutionen, Biennalen und einigen öffentlichen Projekten überwinden?
Ästhetischer Journalismus arbeitet an den Grenzen von Realität und Fiktion, indem er dokumentierende und journalistische Methoden verwendet, diese Mittel aber selbst reflektiert. Schließlich geht es nicht darum, Informationen zu liefern, sondern diese zu hinterfragen – die Tradition von Kunst und Journalismus umkehrend: ein Vorgang, der den Bereich der Fiktion als Ausdruck der Imagination, und Journalismus als Ausdruck der Realität infrage stellt. Wenn wir „unsere“ Realität nicht als gegeben annehmen, sondern als eine Möglichkeit unter vielen, nähern wir uns langsam dem Kern der Realität an.
Ein Problem tritt dann auf, wenn der/die KünstlerIn sich dazu verpflichtet fühlt, seine/ihre investigative Arbeit rein auf Fakten zu reduzieren. Meiner Meinung nach ist es viel wichtiger, je nach Kontext die eigene Wortwahl zu variieren, als weiterhin die Dichotomie von Fakt und Fiktion aufrechtzuerhalten. Es gibt keine zwei unterschiedlichen Arten mehr, d. h. eine objektive und eine fiktionale, mit der Welt um uns herum zu verfahren und diese zu beschreiben. Stattdessen gibt es viele verschiedene Arten einmaliger Aktivitäten der Produktion und Distribution von Information. Die Kreuzung von Journalismus mit Kunst verwendet Imagination, Erzählung und Abstraktion, um die Recherche und Vermittlung von Informationen umzusetzen. Sie versucht weder, um jeden Preis objektiv zu sein, noch Kreativität zugunsten von Neutralität abzulehnen.

Anleitung und Intuition. Die Ästhetik beschäftigt sich mit den Erfahrungen unserer Sinne; künstlerische Erforschungen werden zum Werkzeug, um sowohl die Auswahl des Materials, das uns vermittelt wird, als auch deren spezifische Gründe zu hinterfragen. Kulturelle Arbeit im Allgemeinen und speziell Kunst sind zunehmend ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, die Welt, in der wir leben, zu verstehen. Während in den 1950ern oder 1960ern die wirtschaftlichen Mechanismen unsere Hauptreferenzpunkte für die Wahrnehmung der eigenen Person in der bestehenden Gesellschaft waren (in Form von Konformität oder Antagonismus), so ist dies heute nicht länger der Fall. Kulturelle Dynamiken spielen eine immer wichtigere Rolle und die Kriterien der wirtschaftlichen Leistung sind nicht länger ausreichend, um ein vernünftiges Verständnis von Phänomenen wie dem bereits abgedroschenen Beispiel des „clash of civilizations“ zu erzielen. Es scheint so, als ob wir die Gesellschaft von oben nach unten überdenken und viele unserer Referenzpunkte in kulturellem wie in ästhetischem Sinne neu definieren sollten. Unter diesem Gesichtspunkt ist es wenig verwunderlich, dass multinationale Unternehmen und Konzerne ihr Geld in kulturelle und künstlerische Projekte investieren, um eine „Kultur“ zu erschaffen, die über nationale Grenzen und finanzielle Werte hinausreicht.
Die letzten Generationen von KünstlerInnen hatten das Gefühl, die Recherchearbeit als solche und die Verpflichtung gegenüber sozialen und politischen Ansichten nicht außer Acht lassen zu können. Dadurch beteiligen sie sich an Vorgängen der Produktion und Verteilung außerhalb der spezifischen Einschränkungen der Kunst. Dieses Merkmal könnte den zukünftigen Blick auf die Welt durch eine Re-Adaption von Journalismus und der Nachrichtenindustrie durch künstlerische Begriffe formen. Anstatt jedoch den ästhetischen Ansatz bei der Suche nach journalistischer Neutralität auszuklammern, sollte die wahre Herausforderung darin liegen, das eine mit dem anderen zu „infizieren“, um es unmöglich zu machen, die beiden Vorgehensweisen zu unterscheiden und somit dem/der BetrachterIn die typischen wirksam werdenden Mechanismen in Repräsentation und Berichterstattung bewusst zu machen.
Über etwas auf „gesicherte“ Weise im Sinne von strukturierter Information nachzudenken (wie es professioneller Journalismus tut), führt dazu, dass das Unbekannte auf das zu Erwartende reduziert wird und infolgedessen der Lerneffekt verloren geht. Darüber hinaus müssen wir, um etwas lernen zu können, zuerst das verlernen, was wir als gegeben angenommen haben.

Der vorliegende Text ist ein exklusiver Auszug aus dem demnächst erscheinenden Buch Private Investigations, veröffentlicht bei Büchs’n’Books, herausgegeben von Andrei Siclodi. Übersetzung von Marlena-Valerie Koppendorfer, Simon Welebil, Evelin Stark.