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MOLEcafé

Außer Atem

#01 2009 / Peter Hümer

Medienszene Österreich

Im Juni 2009, als alle Welt von der Krise sprach, bewarb die Tageszeitung Österreich ihre neue Wirtschaftsbeilage mit dem Slogan: „Mehr Geld für jeden.“ Machen Boulevardzeitungen die Menschen dümmer? Offensichtlich ja. Die ihnen vertrauen, werden dümmer. Das Gegenargument dieser Zeitungen lautet, dass sie funktionelle AnalphabetInnen schonend ans Lesen heranführen. Das zentrale Problem der österreichischen Medienszene ist bekanntlich eine totale Marktverzerrung, wie sie in keinem anderen Land der Welt existiert. Wenn jede(r) zweite Wahlberechtigte im Land dieselbe Zeitung liest, dann ist das gefährlich. Auch dann, wenn diese Zeitung nicht hetzt. Die Kronen Zeitung hetzt aber, zurzeit und schon seit langem gegen die EU. Sie vergiftet das Klima in Österreich. Und wenn ihr Herausgeber einen politischen Günstling fallen lässt und stattdessen andere wählt, dann starrt die restliche Medienszene gebannt auf das Spektakel und wertet es durch hundertfaches Kommentieren weiter auf. Was will er? Das ganze erinnert an die so genannte Kremlastrologie zu Zeiten des greisen Breschnew. Hetze und Unterhaltung. Zur Abwechslung kann der Aufmacher auch lauten: „Exekutor kam wegen 36 Cent!“ Ein Blatt, das damit aufmacht, signalisiert, dass es sich nicht wirklich als Zeitung versteht, sondern bestenfalls als Unterhaltungsmedium. Und dennoch: 42 Prozent Marktanteil in Österreich. Es fällt schwer, das einem/einer AusländerIn zu erklären. Das journalistische Gegenüber von Hetze und Unterhaltung müsste als Massenmedium der ORF sein. Der war es auch lange Zeit, ist aber – teils aus eigenem Versagen, teils durch Verschulden der Politik – in eine Lage geraten, die seine Zukunft höchst unsicher erscheinen lässt. Zudem ist das öffentliche Bewusstsein im Schwinden, welchen verheerenden Verlust das Ende von öffentlich-rechtlichem Radio und Fernsehen für die Gesellschaft bedeuten würde. Zuweilen scheint es, als sei das öffentliche Bedürfnis nach Qualitätsjournalismus insgesamt geringer geworden. Das ist sicherlich falsch, aber VerlegerInnen und HerausgeberInnen verhalten sich oft genug, als wäre es so. Das Ergebnis ist dann oft genug entsprechend: atemloser Journalismus, produziert von atemlosen JournalistInnen. Nicht allen geht es so, aber allzu vielen. Die Arbeitsbedingungen haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten erkennbar verschlechtert, die Bezahlung und die sozialrechtliche Situation ebenso. Dazu kommt: Die gewerkschaftliche Vertretung versagt. Dem ÖGB ist bis jetzt herzlich wenig eingefallen zur „Generation Prekariat“. Wenn aber diese Gesellschaft auf Qualitätsjournalismus in Zukunft Wert legt, dann wird sie die Lage derer, die ihn produzieren sollen, grundlegend verbessern müssen.