Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Interventionen am Stammtisch

#01 2009 / Anita Moser

Am Stammtisch wird viel geredet. Und manchmal auch geflüstert.

Wenn das Bier im Glas oder die Suppe im Teller besorgniserregend hin- und herschwappt, kann er – geschickt gefaltet und unters richtige Tischbein geschoben – schon einmal nahrungs- und stimmungsrettend sein: der Bierdeckel. Darüber hinaus eignet er sich zum Stricheln der getrunkenen Biere, Bauen von Kartenhäusern, Vorführen von Zaubertricks oder schlicht als Getränkeuntersetzer. Nicht zuletzt kann er aber auch für jede Menge Gesprächsstoff sorgen, wenn man ihn – wie Social Impact – gezielt für Interventionen am Wirtshaustisch nutzt: Stammtischgeflüster nennt sich das Projekt des Linzer KünstlerInnenkollektivs, das heuer in seiner dritten Auflage stattfindet und diesmal (im Rahmen von TKI open 09) für Tirol adaptiert wurde.

Vorurteile gegenüber MigrantInnen  In den beiden Vorgängereditionen, erschienen anlässlich der EURO 08 und der Nationalratswahl 2008, waren sportliche Großveranstaltungen als Keimzellen von Gewalt, Rassismus, Homophobie und Sexismus sowie steigender Rechtspopulismus in Wahlkampfzeiten Thema. Für das aktuelle Stammtischgeflüster erforschte Social Impact in Zusammenarbeit mit VertreterInnen in Tirol ansässiger Sozialvereine (FLUCHTpunkt, Ankyra, ZeMiT u. a.) vor Ort Vorurteile gegenüber MigrantInnen und damit in Zusammenhang stehende Konfliktfelder. Auf diese wiederum nehmen die von den KünstlerInnen Andrea Lüth, Franz Wassermann, Jochen Gasser und Daniela Antretter gestalteten Bierdeckel humorvoll Bezug; Fakten und Hintergrundinformationen auf der Rückseite dienen der Relativierung stereotyper Behauptungen. Auf verbreitete Klischees wie der kürzlich von Innenministerin Maria Fekter gemachten Äußerung, die Statistik zeige sehr wohl, „dass wir in der Kriminalität überproportional Fremde haben“ (Der Standard, 14./15./16. August 2009), kann mit der Bierdeckel-Info gekontert werden, dass in der polizeilichen Kriminalstatistik nicht die verurteilten TäterInnen erfasst werden, sondern lediglich Tatverdächtige: „Diese Statistik beweist also vor allem, dass MigrantInnen häufiger verdächtigt, kontrolliert und angezeigt werden als ÖsterreicherInnen.“
Social Impact, als seit 1997 aktiver Verein für Kunst und Sozialforschung schon so etwas wie eine österreichische „Institution“ in Sachen politisch engagierter und sozialkritischer Kunst, arbeitet mit viel subversivem Witz und fasst den Begriff des künstlerischen Mediums sehr weit: Video und Fotografie, performative Praktiken wie Lectures, Gewinnspiele oder zuletzt die Subversiv Messe (im Rahmen von Linz 09), aber auch Utensilien des täglichen Gebrauchs finden Verwendung, etwa bedruckte Plastikeinkaufstaschen, eine Kollektion von Sommerkleidung oder eben Bierdeckel. Dieses unkonventionelle Kommunikationsmittel, das mit einer Erstauflage von 20.000 Stück dennoch eine Art Massenmedium darstellt, kursiert seit September in Tirol, um, ganz in der Tradition interventionistischer Kunst, irritierend in gesellschaftliche Prozesse hineinzuwirken – am Wirtshausstammtisch und im Idealfall weit darüber hinaus.