Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Literatur

#01 2009 / Susanne Fritz

FLUSSLÄUFE, LEBENSLÄUFE

FLUSSLÄUFE, LEBENSLÄUFE —  Wasser bahnt Wege und wird selbst zum Weg. Menschen, Tiere und Güter sind über den schnell strömenden Inn gereist und aus Tirol in die weite Welt gelangt. Wir gehen auf historische Spurensuche, begleiten einen Aspiranten auf die Wiener Kaiserkrone, einen indischen Elefanten, Tiroler Salz, Kupfer und Silber sowie Schiffsleute, die nicht schwimmen können, ein Stück ihres – mal hoffnungsfrohen, mal rauen – schicksalhaften Wegs.  //  Ursprünge  Auf knapp 1.100 Metern Höhe bei meinem Geburtsort Furtwangen im Schwarzwald entspringt die Breg, längster Quellfluss der Donau. Mein Vater war seinerzeit für die Einfassung der Donauquelle zuständig, die im Schatten immergrüner Fichten und am Rande einer Kuhweide aus dem Berg tritt. Ihr Besuch gehörte zum festen Repertoire unserer Sonntagsausflüge, Gäste führte man gern zur Quelle. Zunächst war es ja nur ein Rinnsal. In Verbindung mit den Daten aber, die eine Bronzetafel verriet, wurde die unscheinbare Pfütze zum Wunder. Von hier bis zur Mündung im Schwarzen Meer seien es 2.888 Kilometer, dabei durchquere die Donau acht Länder, ist dort zu lesen, und wir waren Zeugen ihres Aufbruchs, der sich völlig unspektakulär anließ. // „Vom See der zum Fluss wurde /Aus Sehnsucht nach fremden Flüssen und Städten“, heißt es in einem Gedicht Sarah Kirschs. Am Ursprung des bedeutenden europäischen Stromes ahnte ich sie, jene Sehnsucht nach fremden Flüssen und Städten, die einen antreiben kann, Grenzen zu überwinden, gegebene Formen zu sprengen und sich ins verlockend Unbekannte zu begeben, hin zu anderen Ufern. Hier, unweit einer wichtigen Wasserscheide zwischen Nordsee und Schwarzem Meer, fühlte ich mich mit der Fremde verbunden, noch ehe ich einen Begriff von ihr hatte. Das kalte, klare Wasser, das unsere nackten Füße umspülte, trat, von unseren sehnsüchtigen Augen verfolgt, eine weite und sehr abenteuerliche Reise an, und wir reisten in unseren Herzen, in unserer sich ständig verfeinernden Vorstellungskraft ganz selbstverständlich mit ihm. Wasser bahnt Wege und bietet selbst einen Weg. Orte werden aus dem und übers Wasser mit Lebensnotwendigem versorgt; zugleich hebt es ihre Festigkeit auf, indem es ihnen bewegliche Spiegelbilder schenkt und sie in Stationen verwandelt auf seinem Weg zur fernen Mündung. Es verbindet verschiedenste Ort- und Landschaften, Sprachen, Sitten und Kulturen – wie es auch zur Grenzziehung dienen kann. //  Treiben lassen  Nun mag meine Erinnerung mir ein absurdes, wissenschaftlich nicht haltbares Bild bewahrt haben: Meine erste Begegnung mit dem Inn im September 2006 war wenig erfreulich. Ein tiefgrauer Himmel lastete über dem Tal. Die bedrohlichen Wolken hatten auch das Wasser befallen. In seinen trübgrauen Verwirbelungen versuchte ich meine nächste Zukunft zu lesen. Unvermeidlich fragte ich mich, was ich hier wohl verloren hätte und wagte kaum, an die bevorstehende Nacht zu denken, wenn dieser seltsame Ort mit seinem so trübseligen wie ungeduldigen, ja aggressiven Fluss in Dunkelheit gehüllt und ich selbst seinen Geistern ausgesetzt sein würde. // Als ich später mehr über die regionalen Gegebenheiten lernte, erheiterte mich die Vorstellung, dass der Inn in „meine“ Donau floss – oder war es umgekehrt? Immerhin bringt der unbeständige Gebirgsfluss zu ihrer Vermählung im Mittel wie zu Pegelspitzenzeiten während der Schneeschmelze die größere Wassermenge als die stetigere Donau mit sich. Die Namensgebung erfolgte aber kaum aus matriarchalischem Prinzip, sondern begründete sich vielmehr historisch und auch geografisch: Die Donau ist mit 547 Kilometern bis Passau um rund 30 Kilometer länger als der Inn, ihr Bett sehr viel tiefer, weshalb der Inn die Donau überströmt und seine hellgrüne Farbe noch lange nach dem Zusammenfluss erkennbar bleibt. // Vielleicht war meine anfängliche Beunruhigung auch durch einen schlichten und doch deutlich spürbaren Rhythmuswechsel bewirkt worden. Nach mehrstündiger Autofahrt, zuletzt über die stark frequentierte Inntal Autobahn, wieder Boden unter den Füßen zu haben, war mir zunächst willkommen, der Wechsel aber von motorisierter Fortbewegung in die organische Langsamkeit, die Versetzung vom Fahrzeug in den eigenen Körper, rief vorübergehend Schwindelgefühle und Übelkeit hervor. Wie auch immer. Auf einer Brücke zu stehen und an den Rändern einer durch den Fluss entzweigeschnittenen, mir fremden und im Herzen gleichgültigen kleinen Stadt entlang zu blicken, Bergmassen ringsumher, die mich zu erschlagen versprachen, unter mir ein überaus nervöses, ja übellauniges Wasser, das regelrecht talabwärts zerrte wie ein angeleintes Tier, das sich frei zu machen versuchte, bestärkte mich in dem Verdacht, einmal mehr fehl am Platz zu sein. // Am liebsten hätte ich mich über das Geländer hinausgebeugt, mich hinabfallen und von der kräftigen Strömung forttragen lassen nach Kufstein, Rosenheim, Wasserburg, Passau, weiter nach Wien, Budapest und Bukarest! Auf der Höhe von Braunau, wo der Inn die Grenze zwischen Bayern und Österreich markiert, hätte ich die Augen fest verschlossen, um von einer Geschichte zu träumen, die anders verlaufen wäre als das uns bekannte Verbrechen, hätte von glücklichen Kindern geträumt ohne jeden Machtanspruch, frei von Verletzungen, Grausamkeit und gefährlicher Geltungssucht, um schließlich erschöpft und glücklich von meinen utopischen Visionen am Schwarzen Meer zu überwintern. Nun bin ich nicht in den Inn gegangen, um stromabwärts in eine andere, vermeintlich heiterere Welt zu gelangen (der eben anklingende A. H. hat bekanntlich erst Jahrzehnte nach seiner kurzen Braunauer Kindheit Selbstmord verübt im fernen Berlin), doch der Gedanke an meine mögliche Flucht erleichterte mir das Bleiben, genauso wie ich damals in unmittelbarer Nähe der Donauquelle meine Kindheit und Jugend verbringen konnte in der Gewissheit, mich eines Tages treiben zu lassen vom Ort meiner Geburt egal wohin. Flüsse sind Versprechen und bereits ein Teil Erfüllung. Übrigens lichtete sich mein erster betrüblicher Eindruck des Inns während meines Schwazer Aufenthaltes rasch, um einer vitalen Neugierde und Anteilnahme an Inntaler Lebenswelten und wunderbaren Freundschaften Platz zu machen. //  Elefantentheater  In 2.484 Metern Höhe entspringt der Inn aus mehreren Quellen südwestlich des Lunghinsees am Malojapass im Schweizer Engadin, unweit der einzigen europäischen Dreiwasserscheide Adria/Nordsee/Schwarzes Meer. Zunächst durchfließt er den Silser-, den Silvaplaner- und den St. Moritzsee und in seinem weiteren Verlauf die drei Länder Schweiz, Österreich und Deutschland. Sein lateinischer Name lautet Aenus, sein rätoromanischer En; im Oberengadin wird er auch Sela genannt. Über Jahrhunderte stellte er eine bedeutende Verkehrsader dar, schon die Römer nutzten ihn als Wasserstraße. Während des Mittelalters und zur Zeit der großen Bergwerke gelangten wertvolle Bodenschätze wie Kupfer, Silber und Salz über den Inn auf die Weltmärkte. Mit Eröffnung der Eisenbahnlinie Innsbruck – Kufstein im Jahr 1858 und dem Bau zahlreicher schleusenloser Kraftwerke kam die Innschifffahrt bis auf wenige verbleibende Abschnitte zum Erliegen. // Auch der berühmte Elefantenbulle Soliman war Mitte des 16. Jahrhunderts auf dem Wasserweg von Hall nach Wien gereist. Stellen wir uns jene Etappe als eine der angenehmeren seines alptraumhaften Weges vor. Als Geschenk Johannas, der Tochter Kaiser Karls V. und Isabellas von Portugal, an Maximilian, den Neffen Karls und späteren Kaiser Maximilian II., sollte er der erste Elefant in Wien werden. Bis dahin hatte er eine lange Strecke zu Wasser und zu Land zurückzulegen, und ich täusche mich sicher nicht darin, dass er keinen seiner Schritte dabei freiwillig machte oder auch nur ansatzweise den Gesetzen seiner Gattung gehorchte. // Das für Europäer exotische Tier wurde um 1540 in den portugiesischen Kolonien auf dem indischen Subkontinent geboren und war von dort nach Lissabon gelangt, wo der vielseitig gebildete, feinsinnige Maximilian, dem man eine Schwäche für Raritäten nachsagte, es kennen lernte und schließlich von seiner Cousine geschenkt bekam. Max’ untrügliches Gespür für theatralische Wirkungen, verbunden mit einem ausgeprägten Ehrgeiz verführte ihn zur später erfolgsgekrönten Idee, mit dem Elefanten und einem stattlichen Gefolge quer durch Europa zu reiten. In Barcelona ging’s an Bord bis Genua, von dort wanderte man nordwärts über Mailand, Cremona, Mantua, Trient, Bozen über den Brennerpass. Heutzutage unterwegs auf der chronisch überlasteten Ferienautobahn fällt es schwer, sich in die damals Reisenden zu versetzen, geschweige denn in die Elefantenhaut, zumal bei der herrschenden winterlichen Witterung – wenn Soliman bekanntlich auch nicht der erste orientalische Dickhäuter war, dem man eine Überquerung der Alpen zugemutet hatte. In Hall auf der Alpennordseite schließlich ging es wieder an Bord, was die kräftezehrende Winterreise erleichterte. // Wo immer der Tross anlangte, sorgte das massige Tier mit den imposanten Stoßzähnen bei Volk, Adel und Klerus gleichermaßen für Aufsehen. In Genua trafen eigens zum Event Diplomaten aus Böhmen ein, in Trient wurde das gerade dort tagende Konzil unterbrochen, kurz: Die Reise geriet zum diplomatischen Großereignis, dem Maximilian nicht weniger als seine späteren kaiserlichen Würden in Wien zu verdanken hat, weshalb in diesem Zusammenhang auch von „Elefantendiplomatie“ zu lesen ist. Entlang des Inntals mussten Maximilian und sein Gefolge mehrfach pausieren, im Januar in Wasserburg aus eigenen Gesundheitsgründen, im Februar in Mühldorf, da seine Gemahlin Maria ein Kind erwartete. //  Kriege, Karrieren, Kapitalisten  Die kuriose Karawane hat bis zum heutigen Tag sichtbare Spuren hinterlassen. Des Elefanten Konterfei erschien auf Münzen geprägt, wurde an Gebäude gepinselt. Außerdem ging das Event in zahlreiche Namen und Bezeichnungen ein. So nannte der damalige Wirt Andrä Posch im Südtiroler Brixen, wo Soliman kurz vor Weihnachten 1551 eintraf, sein Gasthaus kurzerhand „Am Hellephanten“ und ließ ihn an die Fassade malen, wo er noch heute zu sehen ist. Das Tier durfte hier zwei Wochen lang pausieren, während Maximilian in Bozen mit den Tirolern in zähen Verhandlungen lag, obschon er in Innsbruck aufgewachsen war und ihre Sprache sprach. Das traditionsreiche Brixner Hotel mit bester Tiroler Küche ist noch immer stolz auf seinen ersten richtig berühmten Gast und schreibt auf seiner Homepage, das Fresko stünde „für die Begegnung zwischen Abendland und Orient als Sinnbild für die Einheit der Welt“. // Interessanter Gedanke! Damals war das aus seiner morgenländischen Heimat nach Europa verschleppte Tier wohl eher ein Symbol für deren Kriegszustand. Als sein Namensgeber hatte ein Erzfeind der Habsburger ungefragt Pate stehen müssen. Seitdem der Osmanenherrscher Sultan Süleyman der Prächtige 1529 erstmals gegen Wien vorgerückt war und einige seiner Reitertrupps tiefer westwärts drangen, stand die christliche Welt unter Schock. Viele Städte wie Passau und Burghausen verstärkten umgehend ihre Wallmauern. Zu den damals heftigen Konfessionskonflikten zwischen Katholiken und Protestanten gesellte sich, als wäre des rechthaberischen Unterdrückens, Verbannens, Tötens und Expandierens im Namen des rechten Glaubens nicht schon genug, die als besonders unheimlich empfundene türkische Bedrohung. Der König von Portugal soll Maximilian also geraten haben, den Elefanten als Verballhornung des Osmanenherrschers Soliman zu nennen, damit jener „zu Euerem Sklaven und geziemend gedemütigt werde“. // Dass der Elefantenbulle mit dem eingedeutschten orientalischen Namen, der seinem Besitzer zu einer atemberaubenden Karriere verhalf, eine gequälte Kreatur war, die ein für sich selbst vollkommen sinnloses Martyrium durchleiden musste und nur anderthalb Jahre nach Ankunft in Wien aufgrund nicht artgerechter Ernährung und Haltung einging, fällt hinter dem inszenierten Megaevent ins geschichtliche Aus. // Soliman wurde nach seinem Tod zerlegt. Aus seinen Knochen fertigte man einen Stuhl, in dessen Sitz seine Lebensdaten und die Wappen der wechselnden Besitzer des Möbels eingraviert sind. Maximilian, der aus Portugal einen Ersatzelefanten geschickt bekam, ließ die Haut des Verstorbenen ausstopfen und mit Stoßzähnen aus Gips versehen. Als erstes Präparat gelangte Soliman in eine Kunstkammer in München, verschimmelte gut vierhundert Jahre später während des Zweiten Weltkriegs in einem Bombenkeller; das Leder soll in den Mangeljahren der Nachkriegszeit zu Schuhen verarbeitet worden sein. Denjenigen, die damals glücklich ein neues Paar Schuhe erstehen konnten, war die besondere Herkunft der Haut, in der ihre Füße nun steckten, und der lange, absurde Weg, den sie bereits zurückgelegt hatte, wohl kaum bekannt. //  Gefährliche Strömungen  Solimans Fahrt auf dem Inn (ob er im graugrünen Fluss sein Spiegelbild erblickt und sich selbst darin erkannt haben mag – bei eisigem Wind und Schneegestöber?) fiel in eine Zeit des wirtschaftlichen und kulturellen Umbruchs. Erinnern wir uns daran, dass aufgrund der enormen Kupfer- und Silbervorkommen die Stadt Schwaz bis 1500 zu einer der größten Städte des habsburgischen Reiches nach Wien anwuchs. Noch im Jahr 1523 stammten mit 15,7 Tonnen Brandsilber 85 Prozent der weltweit geförderten Mengen aus Gruben der Stadt am Inn (was sich mit der Entdeckung des amerikanischen Kontinents und der mexikanischen und peruanischen Minen bald radikal ändern sollte). Die ergiebigen Vorkommen im Inntal hatten auch die Fugger, die berühmten Bankiers der Päpste und „Kaisermacher“, einst von Augsburg nach Schwaz gelockt, wo sie eine ihrer bis heute erhaltenen prachtvollen Villen errichteten. // Die Erze, daneben Salz, Holz, Kalk, Tiroler Weine und Tuche, verschiffte man flussabwärts über den bedeutenden Handelspunkt Wasserburg in Richtung Wien, über den Landweg in Richtung München. Die kiellosen Flachschiffe, „Plätten“ oder „Kuchlschiffe“ genannt, wurden als schwer steuerbare Einmalschiffe am Bestimmungsort zu Bauholz zerlegt oder weiterverkauft. Die Fahrt gestaltete sich flussabwärts schnell und gefährlich. Bergan wurde sie zur Tortur. Beladen mit Waren, vor allem mit Nahrungsmitteln wie Fleisch und Weizen, aber auch mit Fett u. a. für Grubenlampen und als Schmiermittel für die Tiroler Bergwerke, wurden die Boote mit Pferdevorspann auf Treidelwegen gezogen, wobei die Pferde mehrfach auf Beibooten die Uferseite wechseln mussten, was aufwendig und risikobehaftet war. Den Schiffsleuten sagt man besondere Herbheit und einen wenig tugendhaften Lebensstil nach, was leicht verständlich wird, wenn man bedenkt, dass sie stets am Rande ihrer Kräfte arbeiteten, entwurzelt und gefährlich lebten, nicht schwimmen konnten und jederzeit ihr Leben an den Fluss, der sie ernährte, verlieren konnten – worin ihnen die Tiere wie Soliman überlegen gewesen wären: Elefanten sind gute und ausdauernde Schwimmer. Benötigte man für die Talfahrt von Hall nach Kufstein etwa fünf Stunden, waren es flussaufwärts bereits fünf Tage, gelangte man von Hall nach Wien in sechs Tagen, so waren für die Bergfahrt zwölf bis 14 Wochen zu rechnen! Was für Maximilians Karawane allerdings bedeutungslos war, war für sie der Inn doch ein Fluss ohne Wiederkehr. Wie für die besiegten osmanischen Krieger, die man im Inn ertränkt und deren Leichen man ins Wasser geworfen haben soll, sodass er sich zeitweise rot färbte von ihrem Blut. // Gehen wir einmal davon aus, dass Maximilian mit seinem Elefanten auch in Schwaz Halt machte und dort Anton Fugger besuchte, den Neffen Jakob Fuggers und seit dessen Tod Erbe und Geschäftsführer des Geldimperiums. Die Fugger hatten von jeher über Kredite und Bestechungsgelder, die so genannten „Handsalben“, ins politische Geschehen eingegriffen. Jakob Fugger hatte den zu diesem Zeitpunkt 19-jährigen Karl V. und Onkel Maximilians zum Kaiser gemacht. Mit einem der kapitalkräftigsten und beziehungsreichsten Geschäftsmänner Europas zusammenzutreffen, konnte dem aufstrebenden Max nur von Nutzen sein. // Lust macht mir die Vorstellung, die grandiosen, ehrfurchtheischenden wie katzbuckelnden Szenen der beiden Männer und ihrer Gefolge mit den Augen Solimans zu betrachten. Vielleicht wird es eines Tages möglich sein, sich in den Bewusstseinsstrom eines anderen Lebewesens einzuloggen. Elefanten sollen ja über ein enormes Gedächtnis verfügen. Wie gern reiste ich durch Solimans Erinnerungen! Würde er heute leben, wären er und sein indischer Mahaut nicht auf die damaligen Großkapitalisten gestoßen, sondern auf den Bettelorden der Tertiarschulschwestern, die jetzt im Fuggerhaus leben. Sie, die mich als Stadtschreiberin aufs Liebevollste in ihrem Kloster beherbergten, hätten die geschundene Kreatur erkannt und sie wohl am liebsten in ihrem zauberhaften Garten vor der Welt und ihren zu jeder Zeit umherstreunenden Ehrgeizlingen versteckt. Doch Solimans Geschichte verlief, wie wir wissen, weniger paradiesisch. Es mutet fast zynisch an, dass parallel zu seiner Flussfahrt Silber aus Tirol bis nach Ostindien gehandelt wurde, also in des Elefanten tropische Heimat gelangte, während jener im kalten Wien zurückbleiben musste. //  Gewässer, philosophisch  Jahrhunderte nach seinem Tod ist es mir leider verwehrt, in Solimans Kopf zu steigen. Der Anblick seiner Mumie blieb mir immerhin erspart und auch in Schuhen aus seinem Leder habe ich nicht umherlaufen müssen. In meiner Kindheit war es ein einbalsamierter Wal, den Schausteller auf einem Sattelschlepper durch den Schwarzwald karrten. Wie zum Beweis seiner einstigen Lebendigkeit wurde der schwer als Tier zu erkennende, braun glänzende und zur Formlosigkeit eingefallene Meeressäuger mit ausgewachsenen Krokodilen dekoriert, die in engen Plastikwannen um ihre Bewegungsfreiheit gebracht waren. Die Luft unter der Plastikplane war kaum zu atmen, der eingefettete Riese stank mit den bejammernswerten Krokodilen um die Wette. Unter diesen Umständen war es für das Kind schwer, seine Begeisterung und Neugierde, mit der es durch die Augusthitze zum Spektakel gelaufen war, Auge in Auge mit den ausgestellten Tieren, ob sie nun tot waren oder lebendig oder irgendetwas dazwischen, aufrechtzuerhalten. Damit klappe ich mein Notizbuch zu. Zur Belohnung könnte ich mir vom Kolmenhofwirt jetzt eine lebend frische Donauforelle kommen lassen (aus Anlass dieses Artikels bin ich in meine alte Heimat gereist), und, während ich sie mir in Mandelbutter gebraten schmecken lasse, mir vorstellen: Hätte man die Forelle nicht gefangen, könnte sie von hier ab das Donautal durchschwimmen, in Passau die Richtung wechseln, quicklebendig den Inn aufwärts wandern. Im Silser See würde sie eine philosophische Pause einlegen, während sich Friedrich Nietzsches Gestalt über ihr auf der Wasseroberfläche spiegelte; selbst von epochalen Gedanken frei, würde sie den großen Denker am Silser Ufer zurücklassen und durchs sauerstoffreiche, eisige Quellwasser weiter bergan steigen in Richtung eines zweiten Ursprungs.