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MOLEcafé

Macht Radio ein Dorf?

#01 2009 / Sonja Prieth

Inzing, die 3.200 Personen zählende Gemeinde am Murkegel des Enterbachs, bekommt für zwei Wochen einen eigenen Radiosender. Motto: Partizipation für alle, die dazu bereit sind.

Neun Jahre lang habe ich hier in Inzing praktisch isoliert gelebt – und jetzt bin ich mitten reingestolpert ins Sozialleben!“ Die Begeisterung des gebürtigen Briten Andrew Skinner, der an der Universität Innsbruck arbeitet und in Inzing bisher nicht am Dorfleben teilgenommen hat, ist mitreißend. An diesem lauen Sommerabend haben sich einige Leute aus dem Dorf im Haus von Brigitte Scott versammelt, um über das Projekt Radio Enterbach zu reden, um zu planen, zu organisieren und sich gegenseitig zu inspirieren. Ab 10. Oktober wollen sie auf der Frequenz 95,00 MHz auf Sendung gehen und gemeinsam mit vielen anderen hörbar machen, wie facettenreich ihre Gemeinde ist.
Von 10. bis 25. Oktober 2009 werden Stimmen aus dem Dorf im Äther hörbar – eine temporäre Radiofrequenz fungiert als Kanal für die Vielfalt und Kreativität eines Dorfes und macht Partizipation für alle, die bereit dazu sind, möglich.
Vergangenen Jänner lud der Verein für Kultur Inzing zu einem ersten Informationsabend ein. MitarbeiterInnen des Freien Radios Innsbruck FREIRAD 105,9 MHz erzählten allen, die erschienen waren, was ein Freies Radio ist, wie einfach es funktionieren kann und welches Potenzial es bietet. „Es war ein fantastischer Abend!“, schwärmt Andrew Skinner: „An die 50 ganz unterschiedliche Leute sind gekommen, aus Vereinen und auch Einzelpersonen, es war eine unglaubliche Vielfalt und eine tolle soziale Interaktion. Plötzlich fühlte ich mich als Mitglied einer lebendigen Gemeinde!“ Seine Stimme wird immer lauter, während er erzählt, die anderen Anwesenden lassen sich von seinem Enthusiasmus mitreißen und versuchen, ihn zu übertönen. Alle spinnen ihre Ideen weiter – Gartenradio über Obstbaum- und Rosenschnitt planen Martin Hurmann und Rainer Maldet vom Gartenbauverein, „musikalisches Notgepäck“ stellt Brigitte Scott vom Kulturverein Inzing mit den Studiogästen einer ihrer Sendungen zusammen. Sie hätte Ideen für mindestens zehn Sendungen, erzählt sie lachend, wolle aber nicht überrepräsentiert sein in Radio Enterbach. Die 300 Stunden Gesamtsendezeit bieten jedenfalls allen Interessierten die Möglichkeit, den Rest des Dorfes an ihren Themen und Leidenschaften teilhaben zu lassen. Manche tun dies mit großem Ernst und (kultur)politischem Anliegen, andere sehen den Spaßfaktor im Vordergrund, die einen recherchieren aufwendig, andere folgen dem Leitsatz „kein Konzept ist auch ein Konzept“ – allen gemeinsam ist die Bereitschaft, sich im Dorf zu engagieren und „sich auch zu zeigen“, wie Martin Hurmann es beschreibt. „Wenn die Leute zuhören, gibt es im Dorf wieder was zum Reden“, meint er, und dazu möchte er gerne beitragen.

Kein Randdasein. Freie Radios heben die starre Rollenverteilung zwischen denen, die Informationen aussenden, und denen, die sie empfangen, auf. Sie ermöglichen freie Meinungsäußerung und sind dabei der Einhaltung von Standards verpflichtet – Diskriminierendes hat hier keinen Platz, ebenso wenig wie kommerzielle Werbung.
Der Journalist Benedikt Sauer, der zwei der drei Radio-Workshops in Kooperation mit Radio Freirad geleitet hat, berichtet von einem „ungemein kreativen Prozess, den die einzelnen Personen erleben.“ Für ihn ist es kein Zufall, dass dieses innovative Projekt – ein Dorfradio hat in Österreich Seltenheitswert – gerade in Inzing startet: „Inzing hat durch den Theaterverein eine lange Tradition der engagierten, offenen und kritischen Kulturarbeit. Und diese Arbeit hat kein Rand-dasein geführt, sondern ist im Ort auf Interesse gestoßen. Von diesem Nährboden profitiert jetzt auch das Radioprojekt.“
Die Juristin Michaela Reinisch übt sich in Radio Enterbach in der alten Kunst des Geschichtenerzählens. Sie hat überlieferte Sagen aus dem Ort aufgeschrieben und dann ins Mi­krofon gesprochen. Sie habe interessiert, warum und wie solche Sagen entstehen, „welche Ängste die Menschen bewältigen wollten, indem sie Sagen erfunden haben.“ Michaela Reinisch war bisher kaum ins Inzinger Kulturleben involviert, sie hat über die Dorfzeitung von dem Radioprojekt erfahren. Bald kann das Dorf sie hören, zwei Wochen lang fünf Minuten täglich.
Koordinator des Event-Radios ist Michael Haupt, der Obmann des Vereins für Kultur Inzing, der das Radioprojekt mit Hilfe einer Förderung im Rahmen von TKI open veranstaltet. Er wünscht sich, dass die Kommunikation im Dorf erweitert wird „und dass möglichst auch Gruppen, die nicht ins Dorfleben integriert sind, über dieses Projekt einen Einstieg finden. MigrantInnen zum Beispiel oder auch die wachsende Gruppe von Leuten, für die Inzing nur ein Schlafdorf ist.“ Bei der Rundfunk- & Telekom Regulierungs-GmbH beantragte der Veranstalter eine zweiwöchige Lizenz für ein Event-Radio und reichte ein Konzept für eine begleitende Veranstaltungsreihe ein, die Inzinger Identitätenwochen, in deren Rahmen vier diskursive Veranstaltungen und einige musikalische Events stattfinden werden. „Das Besondere dabei: Alle Veranstaltungen werden live im Radio übertragen“, erzählt Michael Haupt. Besonders relevant wird diese Live-Übertragung bei den so genannten Sofa Sessions sein, einer musikalischen Reihe, die in verschiedenen Wohnzimmern von Inzing stattfinden wird. Hier ist der Platz für Publikum naturgemäß eher begrenzt, zuhören können aber trotzdem alle von Innsbruck bis Telfs, die in Reichweite des Senders sind.
Der Sender wird auf dem Dach des Hauses von Gerhard Pisch stehen, und auch das Studio wird in diesem Haus eingerichtet.
Die Partnerin und das erst wenige Monate alte Baby von Gerhard Pisch stellen der guten Sache Platz zur Verfügung und ziehen vorübergehend um. Nach den zwei Projektwochen wird das Studio dann zum Kinderzimmer umfunktioniert. Manch anderes Kind könnte neidisch werden – denn wer sonst wird später einmal behaupten können, im ehemaligen Studio eines der ersten österreichischen Dorfradios aufgewachsen zu sein?