Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

MOLE + MOBEEDO = MOLEEDO

#01 2009 / Gregor Huber

Der erste mobile Kulturkalender für Innsbruck. Und noch mehr: ein kulturelles Experimentierfeld. 

Der Wald und die Bäume, die Stadt und die Räume: beides höchst riskante Settings, wenn es um den möglichen Verlust der Orientierung geht. Overflow macht anfällig für Verwirrungszustände. Das Internet und seine Seiten verstärken das Rauschen im (Info-)Blätterwald zu einem hirnbetäubenden Tosen. Ordnen und Filtern sind die Zauberwörter einer im Datendschungel stehenden Gesellschaft, Suchmaschinen die modernen Buschmesser. Wäre es da nicht äußerst galant, wenn man Informationen nicht suchen müsste, sondern sie einen quasi fänden? Moleedo macht das. Es ist die erste situationsbezogene Kultursuchmaschine. Parameter/Filter sind geografischer Raum, Interesse und Zeitkultur.
Moleedo dockt den virtuellen Kulturkalender an den geophysikalischen Raum an. Voraussetzung: Mensch besitzt als Interface ein GPS-fähiges Handy mit Internetzugang. Süßer das iPhone nie bimmelt, wenn sich die gewünschte Info in der richtigen Situation wie von selbst zur Verfügung stellt und dann wieder rückstandsfrei verschwindet: Du stehst vorm Treibhaus und bekommst automatisch die Info über das heutige Programm aufs Handy. Vorm Leokino und dem Kunstraum Innsbruck geht’s dir ähnlich. Situationsbasiertes Informationsmanagement ist die Grundidee von Mobeedo, der Software, die dieser Web 2.0 Applikation zugrunde liegt.
Die Welt wird in räumliche Situationen eingeteilt, der/die UserIn bestimmt, was für ihn/sie in einer Situation wichtig ist, und bekommt die Info präsentiert.

Mit feiner Technik. Technisch ist Mobeedo eine Applikation für Smartphones (iPhone, Google Phone usw.), also ein kleines Programm, das man sich auf sein Handy lädt.
Die Programmoberfläche besteht aus einer Landkarte (Google Maps, OpenStreetMaps), auf der verschiedene Punkte (Points of Interest, kurz POIs) oder Bereiche (Info Areas) markiert sind. Hinter POIs und Info Areas werden Informationen platziert. Diese können alles sein, was eine URL hat: Wikipedia-Artikel, YouTube-Videos, private Weblogs. Der/die UserIn kann über Sparten (z. B. „Verkehr“, „Freizeit“, „Tourismus und Reise“) entscheiden, welche Informationen er/sie bekommen will. Befindet man sich nun in der Nähe eines solchen POIs oder betritt eine Info Area der ausgewählten Sparte, wird man automatisch, z. B. durch Vibration des Handys, darauf aufmerksam gemacht und kann die Information, die hinter den POI/die Area gelegt wurde, abrufen.
Vom Wesen her ist Mobeedo eindeutig eine Web 2.0 Anwendung. Die UserInnen können Content (in diesem Fall POIs und Info Areas) selbst kreieren und auch, im Sinne des Wiki-Gedankens, die Einträge anderer UserInnen korrigieren. Das Prinzip der Folksonomy ist die Basis dieser flachen Hierarchie: Informationen werden nicht durch institutionalisierte Machtzentren von oben nach unten durchgedrückt (top-down), sondern direkt vom/von der UserIn über ein Web Interface in die Mobeedo-Community eingepflegt (bottom-up).
„Die Stärke schwacher Beziehungen“, die in virtuellen Communities als Hauptdynamik angesehen werden kann, um frische Informationen in eine Gemeinschaft einfließen zu lassen, spielt bei Mobeedo, ähnlich wie bei allen Web 2.0 Anwendungen, eine große Rolle. Es wird davon ausgegangen, dass es in einer von Beschleunigung, Vernetzung und stetiger Veränderung geprägten Informationsgesellschaft immens wichtig ist, lose Netzwerkbeziehungen zu etablieren, die auch ohne emotionale Bindung zwischen den Individuen funktionieren und dadurch einen „reibungsloseren“ Informationstransfer begünstigen. Es geht bei Mobeedo und in weiterer Folge Moleedo um jene Selbstorganisationssysteme des Web 2.0, die momentan die alten Hierarchien der Medienwelt pulverisieren und sich anschicken, diese durchs linke Nasenloch zu schnupfen.

Kultur findet Stadt (diesmal wirklich). Moleedo wird ein eigener, von der Handhabung her aber mit Mobeedo identischer Client für Smartphones sein und zum Download in den Markets der einzelnen Handyplattformen zur Verfügung stehen. Es wird sich inhaltlich ausschließlich auf die zeitgenössische Kulturszene in Innsbruck (und später in ganz Tirol) konzentrieren. Was den Zugang zur Community anbelangt, ist Moleedo etwas konservativer angelegt als sein Mutterprogramm Mobeedo (zumindest in der Anfangsphase).
Content wird von allen Kulturschaffenden und Kulturinstitutionen, die auf www.molekultur.at registriert sind, zur Verfügung gestellt. Dadurch soll vor allem in der Eingangsphase die Qualität der Information gesichert werden. Alle Veranstaltungen, die in den  Kulturkalender von www.molekultur.at eingetragen sind, werden automatisch in das mobile Informationssystem Moleedo übertragen. Ganz nebenbei wird Moleedo dadurch auch eine Kulturlandkarte generieren, auf der möglichst viele Kultureinrichtungen verortet sind (Georeferenzierung sei Dank).
Vorerst wird es Moleedo für das iPhone und die Android-Handys (z. B. G1) geben, eine Ausweitung auf alle relevanten Plattformen ist aber geplant.
Moleedo bietet der zeitgenössischen Kulturszene eine Möglichkeit, die Oberfläche der Stadt um eine beschreibbare, virtuelle Ebene zu erweitern. Durch Privatisierung wird das Recht, die geophysikalische Öffentlichkeit mitzugestalten, massiv eingeschränkt. Wer zahlt, der malt (oder klebt oder leuchtet). Die Privatwirtschaft hat den öffentlichen Raum besetzt und bilderflutet ihn mit einer Pene-tranz, dass einem Hören und Sehen vergeht. Moleedo hält dagegen, legt einen weiteren, allerdings weit weniger aufdringlichen Layer über die Stadt und schafft damit die Möglichkeit, den öffentlichen Raum neu zu verschlagworten. Sichtbar wird diese Umdeutung dann durch das Programm  am Interface-Handy. Gestaltet wird das Netz von der Moleedo Community. Natürlich lässt eine so geartete Applikation keine Leuchtreklame und keine sexistische Plakatwerbung aus dem Straßenbild verschwinden, aber immerhin werden für Kulturschaffende Alternativen angeboten, mit denen noch viel experimentiert werden kann.

Horizonte zusammenführen. Der Medientheoretiker und Philosoph Paul Virilio sprach von drei Horizonten, die unsere Wahrnehmung und unser Denken bestimmen: der sichtbaren Horizontlinie (was sehe ich mit meinem Auge ohne Hilfsmittel?), dem Horizont der inneren Erfahrungen und dem teleoptischen Horizont (z. B. Fernsehen, Internet). Urbanisierung sowie die Beschleunigung durch elektronische Medien sorgten laut Virilio dafür, dass der teleoptische Horizont der Bildschirme immer bedeutungsvoller wurde, dabei die sichtbare Horizontlinie immer unwichtiger scheinen ließ, und so „würde also der quadratische Horizont des Bildschirms (der dritte Horizont der Sichtbarkeit) das Gedächtnis des zweiten Horizonts, dieses tiefen Horizonts unserer Erinnerung an die Orte, und folglich unsere Orientierung in der Welt beeinträchtigen, womit es zu einer Verwechslung von nah und fern, innen und außen, einer allgemeinen Wahrnehmungsstörung käme, die sich sehr nachteilig auf das Denken selbst auswirken würde.“ – Moleedo führt die Horizonte wieder zusammen: Ich stehe auf der Straße, ich sehe das Haus, das Haus sagt mir aber nichts über sich, ich erweitere meinen Horizont mit einem teleoptischen Medium und erfahre etwas mehr über meine augenblickliche Situation. Ich erlebe Konvergenz.■

Paul Virilio: Fluchtgeschwindigkeit. Fischer Verlag 2001. ISBN 3-596-14143-5;
Jürgen Ertelt, Franz Josef Röll (Hg.): Web 2.0: Jugend online als pädagogische Herausforderung. Navigation durch die digitale Jugendkultur. Kopaed 2008. ISBN 978-3-86736-031-9