Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

MUSAICUM

#01 2009 / Evelin Stark

Die Einwanderung nach Österreich ist ein harter Weg. Die „Einwanderung“ in Österreichs Medienlandschaft ein noch viel härterer.

Ungefähr zehn Prozent der derzeit in Tirol lebenden Bevölkerung sind Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft, davon stammen etwas weniger als ein Viertel aus dem ehemaligen Jugoslawien und ein Sechstel aus der Türkei. Die Zuwanderung von Menschen aus Ex-Jugo­slawien und der Türkei findet bereits seit den späten 1950er-Jahren statt. Die MigrantInnen* von damals sind mittlerweile österreichische StaatsbürgerInnen und in Tirol gibt es längst zweite, dritte und sogar vierte Generationen von Menschen mit Migrationshintergrund. Da diese einen großen Teil der Bevölkerung ausmachen, verwundert es nicht, dass sie – egal ob mit oder ohne österreichische Staatsbürgerschaft – sich eine öffentliche Stimme verschaffen wollen.
Vor allem Initiativen und Vereine gehen mit Publikationen an die Öffentlichkeit, z. B. der Innsbrucker Verein Multikulturell, der vor 16 Jahren die erste MigrantInnenzeitschrift Tirols, das Mosaik, herausgebracht hat. Auch die Initiative Minderheiten bemüht sich in ihrem Printmedium Stimme von und für Minderheiten und ihrer Sendung Radio Stimme auf Radio FREIRAD 105,9 MHz, MigrantInnen eine Plattform zu bieten, die sie in den hiesigen Mainstream-Medien nicht bekommen. Die Sendung Can Radio vom Alevitischen Kulturverein auf Radio FREIRAD 105,9 MHz beschäftigt sich ebenso gezielt mit der Integration von MigrantInnen, wie sie gesellschaftspolitische Themen mit ihren Gästen beim Sonntagsfrühstück diskutiert. Weiters gibt es eine Reihe von türkischsprachigen Monatszeitungen (teils auch türkisch und deutsch gemischt), die in Tirol und Vorarlberg erscheinen. Menschen mit Migrationshintergrund wirken also aktiv in der unabhängigen Medienszene mit.

MigrantInnen als Objekte der Repräsentation. In den Mainstream-Medien ist die Situation eine andere: Hier bleiben Menschen mit Migrationshintergrund oft stumm. Sie fungieren hauptsächlich als Objekte der meist einseitigen Berichterstattung. Regelmäßig werden sie im Zusammenhang mit den Nachrichtenwerten „Konflikt“ und „Kriminalität“ erwähnt. Selbst im Zuge einer so genannten „positiven Diskriminierung“ – wie es Der Standard beispielsweise mit den Por­träts „erfolgreicher MigrantInnen“ macht – werden MigrantInnen als Objekte der Repräsentation festgeschrieben. Menschen mit Migrationshintergrund als Subjekte sind in der österreichischen Medienlandschaft weitgehend unsichtbar oder marginalisiert und auf bestimmte Formate wie z. B. Heimat, fremde Heimat reduziert.
Vier Menschen mit Migrationshintergrund und unterschiedlichen kulturellen Lebens- und Arbeitshintergründen wurden von der MOLE-Redaktion zur Mediensituation für Menschen mit Migrationshintergrund befragt, ihre Antworten finden sich im folgenden Text wieder.
Seit 2008 gibt es in Wien das erste transkulturelle Magazin biber, das von jungen JournalistInnen hauptsächlich mit, aber auch ohne Migrationshintergrund gestaltet wird. Die Zeitschrift wird in einer Auflage von 50.000 Stück verteilt. Zurzeit wird gerade von Zweimonats- auf Monatsrhythmus umgestellt. „Der biber reflektiert das Lebensgefühl einer neuen Generation, schwingt dabei aber nicht die moralische Integrationskeule“, so der Text auf der Homepage des Magazins. Dies wäre auch erstrebenswert für die traditionelle Medienlandschaft in Tirol, wo es nur allzu oft geschieht, dass Menschen mit Migrationshintergrund „im besten Falle als BrückenbauerInnen, MediatorInnen, Beispielobjekte, die die ‚Integration geschafft‘ haben, auftreten. Im schlimmsten Falle werden sie oft in Zusammenhang mit Gewalt, Kriminalität, Konflikten im alltäglichen Zusammenleben erwähnt, was zudem den Eindruck erweckt, dass sie noch immer nicht ‚integriert‘ sind.“ (Yeliz Dagdevir) Wenn Menschen mit Migrationshintergrund selbst ein Medium auf die Beine stellen, geschieht dies oft in deren Muttersprache und das Medium ist so automatisch „zum Marginalisieren verdammt“ (Amar Rajkovic), da es nie den Weg zur breiten LeserInnen- und HörerInnenschaft des Landes finden wird. Dabei ist es „eine Tatsache, dass Integration und Desintegration mit und durch Medien funktionieren“ (Özgür Erdogan).
Gründe für die prekäre Mediensituation von MigrantInnen sehen die Befragten hauptsächlich darin, dass MigrantInnen „nicht sehr als Zielgruppe gesehen werden“ (Özgür Erdogan), dass sich Österreich „nicht als Einwanderungsland“ (Yeliz Dagdevir) und ohne „gesundes nationales Bewusstsein“ (Amar Rajkovic) sieht und daher die Öffentlichkeit nach wie vor die Distanz zu MigrantInnen wahrt: „Menschen mit Migrationshintergrund sind noch nicht als gleichwertige und gleichberechtigte BürgerInnen akzeptiert.“ (Yeliz Dagdevir) Folglich können sie auch nicht als gleichwertig in den Medien erscheinen. Inhaltlich hat dies zur Folge, dass es „immer die gleichen Klischees sind, die vorkommen, bzw. werden immer die gleichen Themen behandelt“ (Emir Handžo): Kriminalität, religiöser Fanatismus usw. sind Beispiele für die negativ behaftete Repräsentation von Menschen mit Migrationshintergrund in den heimischen Mainstream-Medien.
Yeliz Dagdevir meint, eine differenziertere Berichterstattung würde auf jeden Fall helfen. Darüber hinaus hat sie folgenden Lösungsvorschlag für dieses Problem: „Jedes Medium (audio-visuell) sollte verstärkt eine ‚eigene Sparte‘ für das Thema Transkulturalität haben. Hingegen wollte der ORF schon mal die einzige Sendung, nämlich Heimat, fremde Heimat aus dem Programm streichen. Solche Sparten sollten in bestehende Medien ganz selbstverständlich integriert werden, damit das Bild eines Ganzen entstehen kann.“ Emir Handžo sieht dies ähnlich: „Mir scheint es wichtig, dass die Anliegen der Menschen mit Migrationshintergrund ihren Platz in den Mainstream-Medien genauso finden wie jede andere Berichterstattung. Ich könnte mir z. B. ganz gut vorstellen, im Bezirksblatt neben dem ominösen Artikel über die feierliche Einweihung des neuen Probelokals der Dorfkapelle den Artikel über den internationalen Radmarathon Innsbruck–Srebrenica 2009 zu lesen.“

Themen, die in anderen Medien nicht behandelt werden. Integration sollte allerdings nicht nur inhaltlich geschehen, sondern es wäre wünschenswert, wenn MigrantInnen auch mehr die Möglichkeit gegeben würde, in Mainstream-Medien zu arbeiten. Denn „mehr Menschen mit Migrationshintergrund in Medienbetrieben könnten eine neue Perspektive über Migr­antInnen einbringen. Dies kann nur durch positive Bewusstseinsbildung erschaffen werden. Die Beurteilung einer Person oder Gruppe aus der Ferne führt zur falschen Beurteilung.“ (Özgür Erdogan) Sich aus dieser Ferne allmählich einander anzunähern, wäre also ein erstrebenswerter Schritt. „Menschen mit Migrationshintergrund bevorzugen es, in muttersprachlichen bzw. zweisprachigen Medien ihre Anliegen zu verbreiten. Vielleicht aus dem Grund, dass sie sich hier mehr Gehör verschaffen können und mehr Akzeptanz finden. Diese Schiene ist wichtig, aber nicht ausreichend.“ (Yeliz Dagdevir)
Um das Bild von MigrantInnen in den Medien zu verbessern, ist es essenziell, dass sich die MigrantInnen selbst bemühen, mit den klassischen Klischees aufzuräumen und eine ernst zu nehmende mediale Behandlung von Themenbereichen der Menschen mit Migrationshintergrund anzustreben. Biber macht genau das – die JournalistInnen beschäftigen sich mit gesellschafts- und kulturpolitischen Themen, die sowohl ÖsterreicherInnen als auch MigrantInnen ansprechen: „Da für biber 90 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund schreiben (PerserInnen, Ex-JugoslawInnen, TürkInnen, KurdInnen, BulgarInnen), setzen sie Themen auf die Agenda, die von keinem anderen Medium behandelt werden (weil keine oder wenige JournalistInnen in Medien beschäftigt sind, die diese Parallelwelten/Communities kennen). Wir sind nicht Opfer, auch nicht TäterInnen – wir sind Subjekte der Medien und handeln mit diesem entsprechenden Selbstverständnis.“ (Amar Rajkovic) Sich selbst als Subjekt anstatt als Objekt zu sehen, ist also die Grundvoraussetzung dafür, dass das in den Medien dominierende Bild von MigrantInnen revidiert wird und sie selbst in den Medien tätig werden können: „Menschen mit Migrationshintergrund sollten selbstbewusster auftreten, viel mehr mit hiesigen Medien kooperieren und sich vernetzen. MigrantInnen müssen mehr in Berufe abseits des ‚Mainstream‘ einsteigen. Dazu braucht es die entsprechenden Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft, damit der berufliche und soziale Aufstieg ermöglicht wird.“ (Yeliz Dagdevir)
Selbstbewusstsein ist das Stichwort. Sich selbst als Subjekt wahrzunehmen und als dieses die Stimme zu erheben, ist ein erster Schritt. Die Stimme der MigrantInnen ist zwar noch relativ leise, aber sie wird immer lauter und ist hoffentlich irgendwann nicht mehr überhörbar.