Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Raum Schiff Jason 1

#01 2009 / Anita Moser

Kunst thematisiert Grenzziehungen im Zentrum und an den Rändern Europas.

60 Prozent aller Flüchtlinge, die über das Meer Italien erreichen, landen auf der gerade einmal 20 km2 großen Insel Lampedusa, die mit ihren umliegenden Gewässern zum Vorposten europäischer Behörden für das Abfangen „illegaler“ Einwanderer und Ein- wanderinnen geworden ist. Zu den Maßnahmen gehört unter anderem die von Italien, Griechenland und Malta gemeinsam im Mittelmeer durchgeführte Patrouillenaktion Operation Jason 1. Dass sich solche Operationen nicht nur an den südlichen Grenzen Europas, sondern auch im „Herzen“ der „Festung Europa“ manifestieren, will die in Tirol und Wien lebende Künstlerin Melanie Hollaus mit ihrem gleichnamigen Projekt sichtbar machen: Bis Mitte Oktober liegt das Flüchtlingsboot Jason 1 am Innsbrucker Karl-Rahner-Platz vor Anker.
Die multimediale Installation besteht aus einem begehbaren Objekt des Architektenkollektivs columbosnext (siehe auch MOLE Seite 18/19) und einer in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Günther Zechberger entwickelten Klanginstallation, die, so die Künstlerin, das Kernstück der Arbeit ist. Außerdem werden vor Ort aufgenommene Bilder als Live-stream auf Monitore und ins Internet übertragen (Philipp Huber). Erst durch die Kameraperspektive wird sichtbar, dass es sich bei der Installation um ein Boot handelt, und die Menschen, die den Platz kreuzen, zu Boots-insassInnen werden.
Als „Hafen“ war ursprünglich der Landhausplatz vorgesehen. Der Platz, jenem Gebäude vorgelagert, in dem die Tiroler Gesetzgebung ihren Ausgang nimmt, steht für die zunehmende „Säuberung“ öffentlicher Räume mittels forcierter Ausgrenzung „nicht erwünschter“ Individuen oder Gruppen – wie Wohnungsloser, Drogenkranker und in Innsbruck vor allem der so genannten „Marokkanerszene“. Die Kulturabteilung des Landes Tirol erteilte zwar eine Förderzusage für das Projekt, jedoch die Liegenschaftsverwaltung des Landes keine Genehmigung für die Bespielung des Landhausplatzes. Aufgrund dieser „Grenzziehung“ im Vorfeld der Realisierung übersiedelte man mit der Installation auf den Karl-Rahner-Platz, wo es von Anfang an Unterstützung von der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck gab.
Dreimal täglich jeweils eine Stunde lang wird der Platz mit acht Lautsprechern „akustisch eingepackt“, bleibt dabei aber zu der stark frequentierten Universitätsstraße hin offen, da Störlärm auch spannend sein kann, so Zechberger. „Als ZuhörerIn ist man dadurch gezwungen, Filterfunktionen einzuschalten und die Aufmerksamkeit bewusst auf die Installation zu richten.“
Geräuschkulissen, literarische und theoretische Texte zum Thema Flucht und Ausgrenzung sowie Gespräche mit Flüchtlingen, die Melanie Hollaus über ihre Filmarbeit New Kaisertal City (2008), über die Jugendwohlfahrt des Landes Tirol und die Organisationen FLUCHTpunkt und BIWAK kennen lernte, bilden die Basis der Klanginstallation. Dabei geht es nicht nur um die Vermittlung von Inhalten, sondern auch darum, den Ausgegrenzten eine Stimme und vor allem Raum zu geben – und diesen Raum über bewegte Klänge zu „bauen“. „Es wird, mir fällt kein besseres Wort ein, ‚gespielt‘ mit Klang, auch mit Text, doch über das Spiel mit den akustischen Phänomenen kommt man vielleicht näher an den Inhalt heran.“ (Zechberger)