Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Schöne neue Kuhstallwelt

#2 2009 / Bernhard Kathan

Wie Techniken aus der Tierhaltung in unseren Alltag eindringen. Und wie Kunst dem entgegenwirken kann.

Will man im Kunstbetrieb Erfolg haben, dann gilt es, sich in einem größeren oder kleineren Marktsegment zu positionieren. Ob man Käse, Betten oder Kunst verkauft, macht keinen sehr großen Unterschied. Wiedererkennbarkeit und Medienpräsenz sind wesentliche Voraussetzung des Erfolgs. Etwas anderes ist es, beschäftigt man sich mit den Bruchlinien gesellschaftlicher Wirklichkeit, und zwar so lange unter Einbindung anderer, bis man selbst nicht mehr weiß, was sich nun eigener Arbeit oder der anderer verdankt. Blicke ich auf meine Arbeit der letzten Jahre zurück, dann muss ich feststellen, dass die AutorInnenschaft zunehmend unscharf und mir das, was man gemeinhin unter einem Kunstwerk versteht, fremd geworden ist. Wer Kunst verkaufen will, muss sich im Kunstbetrieb bewegen. Ich meide diesen Betrieb und produziere trotz aller Arbeit nichts, was sich über einen Schreibtisch oder ein Bett hängen ließe. Weiters ist es für den künstlerischen Erfolg nicht zuträglich, begreift man sich als Medium, bewegt man sich zwischen den Schnittstellen von Kunst, Literatur, Kultur- und Naturwissenschaft.
Das Zuchtmütterprojekt sei als Beispiel für die damit verbundenen Probleme oder auch Möglichkeiten genannt. Ausgehend von der Reproduktionsmedizin beschäftige ich mich nun seit Langem mit denkbaren Entwicklungen der Biotechnologie. In der Fortpflanzungsmedizin kulminieren nahezu all deren ethische Probleme. Mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik lassen sich bestimmte genetisch bedingte Erkrankungen vermeiden. Aber man muss nur etwas weiterdenken, und schon werfen sich ganz andere Fragen auf. Man kann sich etwa fragen, welche Folgen die umfassende Medikalisierung eines von ExpertInnen nach ökonomischen Kriterien bewirtschafteten Lebens für die Gesellschaft wie den einzelnen Menschen hat.
„Austragemütter“. Das Ganze begann mit REPRO TECH II, einem fiktiven Konzern. Am Anfang standen Architekturskizzen, fiktive Interviews oder andere Textsorten, wie etwa ein psychologischer Test für Leihmütter, die in diesem Projekt stets als „Austragemütter“ bezeichnet werden. Vieles in diesem Projekt ist höchst fiktional. Das gilt etwa für die Ornate mit dem pseudosakralen Überbau, die die Austragemütter tragen sollten, oder anderes. Es wird auch in Zukunft keine Besamungsroboter für Rinder geben, und zwar nicht deshalb, weil dies technisch nicht möglich wäre, sondern weil eine so komplexe Apparatur allein aus ökonomischen Gründen eine wesentlich höhere Benutzungsfrequenz voraussetzen würde. Und doch ist vieles näher an der Wirklichkeit, als es auf den ersten Blick scheint.
In Zusammenarbeit mit dem Anderen Heimatmuseum*  arbeitete ich an einer Informationsbroschüre, in der junge Frauen angesprochen werden, sich als Austragemutter zu bewerben. Das Austragen einer Schwangerschaft für andere wird in absehbarer Zeit völlig normal sein. Denkbar ist, dass Arbeitsvermittlungsagenturen arbeitslose junge Frauen zu diesem Zweck an Reproduktionsunternehmen vermitteln werden. Sollte dies der Fall sein, dann wird es gesetzliche Regelungen geben, Schutzbestimmungen, finanzielle Abgeltung wie anderes betreffend. Nur einige der vielen Fragen, die uns dabei beschäftigt haben: „Lässt sich das Austragen einer Schwangerschaft als Arbeit bezeichnen? Was wird bezahlt? Der Verschleiß des Körpers? Der Verzicht auf ein eigenes Kind? Sich vielfältigsten medizinischen Untersuchungen unterwerfen, sich risikoreichen und schmerzhaften Eingriffen unterziehen zu müssen? Ein Kind geboren zu haben, dieses aber nicht das eigene nennen zu dürfen?“ An der inhaltlichen Entwicklung dieser Informationsbroschüre waren eine AMS-Kursleiterin, eine Ärztin, ein Theologe, eine Ethikexpertin und eine Juristin beteiligt. Die Grafik verdankt sich Günter Gstrein. In seiner Ästhetik lehnte sich die Informationsbroschüre eng an Textsorten einschlägiger „Leihmütter-Agenturen“ an. Die jungen Frauen, die als Austragemütter Modell standen, nahmen zur Zeit der Aufnahme an einem Wiedereinstiegskurs teil. Aufgrund ihrer Einkommens- und Lebenssituation zählten sie zur Gruppe jener Frauen, die als Austragemütter angeworben werden könnten. Die Betreuerin dieser Frauen spielte (es ging um Bewerbungssituationen) die Beraterin des fiktiven Unternehmens REPRO TECH II.
Selbstverständlich wurde den jungen Frauen erklärt, wofür sie Modell standen. Sie wurden bezahlt. Mit den Frauen wurde ein Vertrag abgeschlossen.

Höchst unterschiedliche Reaktionen. Das Kunstwerk besteht darin, einen Diskussionsprozess in Gang zu setzen, und zwar einen Diskussionsprozess, der sich ab einem gewissen Punkt nicht mehr steuern lässt. Bei der Broschüre, die in Lokalen aufgelegt wurde, handelte es sich nur um ein diesbezügliches Mittel. Die Reaktionen waren höchst unterschiedlich. Während manche darin ein feministisches Projekt vermuteten, wurde es von anderen kritisiert. Am heftigsten fiel die Reaktion einer Galeristin aus, die mir „Sexismus und Frauenverachtung“ vorwarf und meinte, ich würde mich mit meiner „Prospektästhetik der pharmazeutischen Industrie andienen“. Manche Reaktionen waren sehr seltsam: „Mein Vater hat geschwiegen, Heidegger hat geschwiegen, der Pastor hat geschwiegen. Warum sollte ich nicht auch schweigen dürfen zur Frage, ob Zuchtmütter Ornate brauchen?“ Ein Künstler, den ich seit Langem kenne, fand die Informationsbroschüre anstößig, um mir dann Wochen später zu erzählen, dass seine in einer lesbischen Beziehung lebende Nichte sich in Holland inseminieren ließ. Am häufigsten wurde kritisiert, man erkenne nicht, dass es sich um ein Kunstprojekt handle. Die Broschüre wirke so echt. Würde Kunst draufstehen, dann käme dies einer Anästhesierung gleich.

Entwicklung in Richtung Kuhstallwelt. Ob künstliche Besamung oder Embryonentransfer, all das wurde zuerst in der Rinderhaltung angewandt und findet sich nun mit einigen Jahrzehnten Verzögerung auch im Humanbereich. Etwas Ähnliches gilt auch für das Herdenmanagement wie die hier angewandten Technologien, die nun mit einer gewissen Zeitverzögerung und entsprechenden Adaptionen Eingang in viele Bereiche unseres Alltags finden. Man denke an Identifikationssysteme, die in Krankenhäusern, Altenheimen etc. zum Einsatz kommen. In Umkehrung einer Bemerkung von Vilém Flusser muss man sagen, die Entwicklung in Richtung Kuhstallwelt ist nicht mehr aufzuhalten. Dass heutige Hochleistungskühe menschengleich gestylt werden können, steht dazu in keinem Widerspruch. Das Gesamtprojekt ist als eine Art Modulsystem organisiert. In dieses lassen sich fortlaufend neue Elemente einfügen, die sich Fragen verdanken, welche sich aus der Arbeit ergeben.
Erfolg hat man mit solcher Arbeit freilich wenig, wie sich auch nicht viel Geld damit verdienen lässt. Beklagen darf ich mich nicht, im Gegenteil. Ich verdiene genug, um leben zu können. Angesichts des Transformationsprozesses, in dem wir uns gegenwärtig befinden und den es so in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben hat, stellen sich Fragen, die sich noch nie gestellt haben. Der Körper des Menschen, sein Gedächtnis, die Gesellschaft mit all ihren Vorstellungen und Praktiken wird in radikaler Weise neu geschrieben. Wir haben nicht die geringste Ahnung, wie die Welt in einigen Jahrzehnten aussehen wird.
Heute muss man sich anders mit der Wirklichkeit beschäftigen, man muss sich auf Experimente einlassen, deren Ausgang ungewiss ist, man ist gefordert, die Regeln des Marktes zu verletzen, man muss sich mit Themen befassen, die niemanden interessieren oder zumindest befremden, die andere – fehlen solchen Arbeiten doch auratische und bedeutungsschwangere Aufladungen des Kunstbetriebes – oft genug als völlig banal betrachten.