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TRANSIT

#01 2009 / Daniela Danz

Daniela Danz

TRANSIT

groß ist dein Sohn geworden Danilo
er säuft nicht er spielt nicht sagst du
er baut einen tiefen Brunnen im Hof

ich seh ihn noch vor mir die dunklen
Stufen im Treppenhaus die Stufen
springt er hinunter ins Paradies
den Hinterhof in der Sagsahanskoho

dieser Mann mit dem schönen Gesicht
der dein Sohn ist glaub mir der baut
deinen Brunnen nicht fertig der wartet

er spielt nicht er trinkt nicht er kennt
auch ein Mädchen mag sein Danilo
mir hat er gesagt dass er wartet

du brauchst nur die Katze anzusehen
auf deinem Schoß und ich
deine zärtlichen Finger
in ihrem rotblonden Nacken
wenn ich die Tür einen Spalt bloß
öffne springt sie davon


aus: Daniela Danz: Pontus. Gedichte. Wallstein Verlag 2009.
ISBN 978-3835304765

Vor lauter üblem Üble-Nachrede-Gerede Marke „grindiger Ausländerschmarotzer“ & Co., das hierzulande via Medien, Parteipolitiken und lokale Stammtisch­kaiserInnen die Köpfe, Münder und Herzen überschwemmt, vor lauter präventiv-politischer Wahl-Angst, die es tabuisiert, die Pro­bleme im Zusammenleben der Kulturen wirklich anzugehen, und vor lauter klassischem Erste-Welt-Habitus ganz und gar davon befangen, der erstrebenswerte Mittelpunkt des Universums zu sein, kommt in der hiesigen öffentlichen Debatte zum Migrationsthema der Blick auf die Sache, wie sie sich von der anderen Seite der Grenzbalken her ausnimmt, nicht vor.
Da kommt die Lyrik von Daniela Danz grad recht.
Denn sie befasst sich auch damit, was dieser „Sog in die besseren Länder“ dort auslöst oder bedeutet, von wo all diese Menschen weggezogen werden, und was das innerhalb jeder einzelnen Familie oder Bezugsgruppe hinterlässt, diese Art Warte-Lage, „Transit“-Status, Spannungen, Schmerzen, Perspektivelosigkeiten, die Unabwendbarkeit des Verlassen-Werdens usw. als verheerende Komponenten von Migration – einfühl- und -prägsam lyrisch inszeniert in Danz’ Text Transit und in der Figur des „Danilo“, diesem Mann mit der Katze auf seinem Schoß, die wie sein Sohn unweigerlich, unausweichlich aufspringen wird, sobald die Tür sich für ihn auch nur einen Spalt breit öffnet …
Das kommt so glaubhaft, authentisch, so unpompös daher, was Danz da macht, warm und bestimmt und ohne jede Effekthascherei – wie generell in ihren Texten: homöopathische Dosen, und vielleicht gerade deshalb wirkungsvoll.
So öffnet sich auch der Konnotationshorizont dieses Gedichtes breit für die Tausenden aus vielerlei Gründen Flüchtenden, auf die an den Grenzen der „Festung Europa“ mitunter geschossen wird, die in den europäischen Urlaubsmeeren als Leichen treiben, die man als Leichen nach Tausenden Kilometern von LKW-Unterböden kratzt oder die gleich schon dort zur Leiche werden, wo angeblich ihre Heimat ist, weil z. B. Vergewaltigung oder Homosexualität, aber auch existenzielle wirtschaftliche Not usw. als Asylgründe bei jenen Herren und Damen, die diesbezüglich das Sagen haben, chancenlos sind …
Sicher könnte man wissen wollen, wer „Danilo“ (ein ukrainischer Märchenheld) oder was die Sagsahanskoho (eine Straße in Czernowitz, in der auch Paul Celan gewohnt hat) ist, aber wissen müssen tut man es nicht: dieses Gedicht funktioniert auch so – ein gutes Zeichen …
Danz’ Texte sind tief in Geschichten, Landschaften, Gegenden, Göttern, Sagen, Reisen oder Bildern wurzelnde Gebilde, sie wimmeln von solchen Bezügen und machen sie zu ihrem Gegenstand, aber wie Danz in dieses grund-mythologische Setting z. B. akute Fragen der weltweiten Migration einarbeitet, das ist von bemerkenswerter Stringenz: Denn wohltuend ist spürbar, dass Danz die Mythologien nicht aufsucht, um als Held oder als Heldenbraut aus ihnen zurückzukehren, und dass sie die Augen der Mythologie nicht benutzt, um in diesem Blick nur wieder sich selbst zu finden, sondern um mit ihnen zu sehen, Gegenwarten von Orten und Menschen und deren Anbindung an die Vorfälle, die allerorten vorfallen. Das ermöglicht ein Tiefenverständnis für die Welten jenseits jener Grenzbalken, mit denen man sich gegen Verantwortungen abzuschotten sucht. „… bei uns schätzt man Grenzen“, steht an anderer Stelle bei Danz, und: „du kannst nicht für andere traurig sein denn für dich / ist der Regen diesseits wie jenseits der Grenze derselbe“, oder: „diese Fähre müssen wir nehmen wenn wir im Schutz / unserer Pässe reisen wollen … / … vor uns die Einzelheiten des Grenzübertritts“.
Wie Daniela Danz’ lyrische Texte sich von einem uneitlen Gegenwartsstandpunkt aus in die Zeichen der Zeit graben und daraus erstaunliche Bergwerke des Verstehens bauen, das hält die Frage, ob Menschen auf die über sie hinweggehende und hinweggegangene Geschichte verweisen oder die Geschichte auf sie, in beeindruckender Balance.
„… über das Meer unter dem / deine Schwester schläft Helle / am dunklen Grund ein Mädchen / mit Turnschuhen und Kapuzenshirt / einem Taschenmesser dem keiner / zutraut so eine Schneide zu haben“ – Danz schon.
Lyrik, weltfremd? Nein, welt-nah. Nur wer Lyrik nicht liest, dem und der bleiben Welten fremd …

Daniela Danz wurde 1976 in Eisenach geboren und hat in Tübingen, Prag, Berlin und Halle a. d. Saale Kunstgeschichte und Germanistik studiert. Sie lebt als freie Autorin und Kunsthistorikerin in Halle, arbeitet im Bereich Kunstgut-Inventarisation für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen und hat einen Lehrauftrag am Institut für Germanistik an der Univer­sität Osnabrück. Als Autorin ist Danz, neben verstreuten Textveröffentlichungen, bisher mit den Publikationen Arachne (2002), Serimunt. Gedichte (2004) und dem Roman Türmer (2006) an die Öffentlichkeit getreten, im Frühjahr 2009 ist beim Wallstein-Verlag ihr Gedichtband Pontus erschienen. Im Lauf der letzten Jahre hat Danz mehrere Stipendien und Preise erhalten, darunter ein Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds und das Hermann-Lenz-Stipendium, den Hessisch-Thüringischen Literaturpreis und den Georg-Kaiser-Förderpreis für Literatur des Landes Sachsen-Anhalt, 2001 war sie Stipendiatin des 5. Klagenfurter Literaturkurses im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Preises. MOLE dankt dem Wallstein-Verlag/Göttingen für die freundliche Abdruck-Erlaubnis.