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MOLEcafé

Kunst und Kultur.

#02 2009 / Jürgen Tabor

In Zeiten stark belasteter Kulturbudgets müssen die sozioökonomischen Werte kultureller Aktivitäten, Güter und Dienstleistungen wieder neu artikuliert werden. Zugleich besteht aber auch die Chance, dass aus dem Bewusstsein um die unteilbaren Werte des Kulturellen eine von allen Seiten gemeinsam getragene, kooperative Kulturpolitik entstehen kann.

Es gibt kaum eine Formulierung, die die menschliche und zivilgesellschaftliche Bedeutung kulturellen Engagements besser in Worte fasst als die internationale Erklärung der UNESCO-Konferenz von Mexico City über Kulturpolitik aus dem Jahr 1982: „Erst durch Kultur werden wir zu menschlichen, rational handelnden Wesen, die über ein kritisches Urteilsvermögen und ein Gefühl der moralischen Verpflichtung verfügen. Erst durch die Kultur erkennen wir Werte und treffen die Wahl. Erst durch die Kultur drückt sich der Mensch aus, wird sich seiner selbst bewusst, erkennt seine Unvollkommenheit, stellt seine eigenen Errungenschaften in Frage, sucht unermüdlich nach neuen Sinngehalten und schafft Werke, durch die er seine Begrenztheit überschreitet.“
In dieser weltweiten Übereinkunft steckt mehr als nur der Hinweis, dass Kunst und Kultur elementar sind, sie bricht auch dezidiert eine Lanze für eine kritisch reflektierte Progressivität. Immer erst aus dieser Position heraus war es in der Vergangenheit möglich, dass sich das gesellschaftlich entscheidende Potenzial von Kunst und Kultur entfalten konnte. Wollen und können wir heute auf diese Kompetenzen verzichten? Auf die Weiterentwicklung von sozialen, symbolischen und ästhetischen Sprachformen, auf die Ausgestaltung von gemeinschaftlichen und individuellen Lebensweisen, von Kreativitäts-, Freiheits- und Sinnlichkeitswerten, auf die kritische Reflexion der eingefahrenen Konventionen und die Neuentwicklungen aus den verschiedenen künstlerischen und kulturellen Experimentierfeldern heraus?

Kultur als Wirtschaftsfaktor  Im Jahr 2007 stellten mehr als sechzig Staaten in einem UNESCO-Übereinkommen zur kulturellen Vielfalt nicht nur die gesellschaftliche, sondern auch die ökonomische Bedeutung von Kunst und Kultur außer Frage. Diese Erklärung kam vor dem Hintergrund zustande, dass viele Untersuchungen seit den 1980er Jahren den volkswirtschaftlichen Nutzen von Kunst und Kultur eindrucksvoll belegen*, dass jedoch zugleich die Beurteilung und Förderung von kulturellen Praktiken gerade nicht bloß von kommerziellen Kriterien abhängen sollte. Kultur ist zu einem gewichtigen Wirtschaftsfaktor geworden, sie ist Standort-, Image-, Kreativ- und Entwicklungsfaktor, und kaum ein Sektor weist eine derartige Umwegrentabilität auf wie jener der Kulturwirtschaft. Das Gerangel um kulturelle Großevents wie die Kulturhauptstadt Europas, die Manifesta und andere Biennalen, die steigende Zahl von Institutionen der Gegenwartskultur in vielen Ländern, aber auch die Etablierung von Professionalisierungs- und Start-up-Zentren – wie das Gründerzentrum Kulturwirtschaft in Aachen oder das von der deutschen Bundesregierung vor Kurzem gegründete Kompetenzzentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft – belegen, dass Kunst und Kultur unbestreitbar zu Motoren der Modernisierung geworden sind. Durch den Globalisierungsschub in den vergangenen zwanzig Jahren hat der Kultur- und Kreativsektor im Rahmen der Regional- und Stadtentwicklung noch eine zusätzliche Wirkungsebene erhalten. Die einzige, aber nicht unwesentliche Gefahr einer solchen Funktionalisierung besteht darin, dass Kultur zu sehr als Mittel zum Zweck eingesetzt und quantitative Kriterien über Qualität und experimentelle Vielfalt gestellt werden.

Nichtsdestoweniger zählt heute in der Öffentlichkeit und Politik das sozioökonomische Argument vielfach am meisten, und Kunst und Kultur lassen sich auf dieser Ebene durchaus gut begründen. Die von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Studie The Economy of Culture in Europe, die im Herbst 2006 publiziert wurde, lieferte hier erstmals einen europaweit fundierten Überblick von Zahlen und Fakten. So wurde erhoben, dass der kulturelle und kreative Sektor im Jahr 2003 mit einem Jahresumsatz von mehr als 654 Milliarden Euro der drittgrößte unter allen Wirtschaftsbereichen der EU war (der Sektor reicht in dieser Definition von den bildenden und darstellenden Künsten über Film, Fernsehen, Radio, Musik und Bücher bis zu Architektur, Design, Werbung und einigen verwandten Medienindustrien). Zum Vergleich: Der Umsatz in der Autoherstellung lag bei lediglich 271 Milliarden Euro. Der Beitrag der Kultur- und Kreativwirtschaft zum BIP der EU machte 2,6 % aus, jener der Nahrungsmittel-, Getränke- und Tabakbranche beispielsweise nur 1,9 %. Im Jahr 2004 waren fast sechs Millionen Menschen im Kultur- und Kreativsektor beschäftigt, und während die Gesamtbeschäftigung in der EU von 2002 bis 2004 sank, nahm sie in diesem Sektor um fast 2 % zu, wobei knapp die Hälfte der Beschäftigten mindestens einen Hochschulabschluss aufzuweisen hatte. Die EU-Studie zeigt außerdem, dass die ökonomisch wichtige Expansion des IKT-Sektors – im Speziellen die Internetindustrie und der Medienkonsum – unmittelbar mit der Entwicklung kreativer Inhalte zusammenhängt. Zusätzlich betont die Studie noch einmal das bekannte Argument, dass Kultur, Innovation und Weltoffenheit für die Regionen eine ganz entscheidende Rolle spielen, wenn es darum geht, Investitionen, kreative Talente und Tourismus anzuziehen. Ein zeitgemäßes kulturelles Angebot, hohe Lebensqualität und moderne Lebensstile sind durchaus entscheidende Faktoren für die Zukunft der im Wettbewerb stehenden Städte und Regionen. Letztlich empfiehlt die Studie den Kultursektor insbesondere auch als soziales Integrationsinstrument, um die steigende Polarisierung zwischen den „ressourcenstarken“ Klassen und den benachteiligten Wohngebieten und marginalisierten Gruppen wie ethnischen Minderheiten, ZuwandererInnen, Jugendlichen mit Problemen oder Langzeitarbeitslosen auszugleichen. Hier geht es um die Verbesserung lokaler Infrastrukturen und die Stärkung der sozioökonomischen Kompetenz durch die Förderung von sozialen Kulturprojekten, Kulturvereinigungen, unabhängigen Theatern, Festivals etc.

Da aus all diesen Gründen die gesellschaftlichen und sozioökonomischen Werte von Kunst und Kultur im Grunde außer Frage stehen, ist eine gemeinschaftlich getragene, kooperative Kulturpolitik ohne Weiteres möglich. Genau dies empfiehlt Oliver Scheytt in seinem absolut empfehlenswerten Buch Kulturstaat Deutschland. Plädoyer für eine aktivierende Kulturpolitik (2008). Scheytt zählt zu den profiliertesten Kennern der Kulturpolitik und ist derzeit Geschäftsführer von RUHR.2010 – Kulturhauptstadt Europas. Der entscheidende Punkt für Scheytt ist, dass die Kulturpolitik die am kulturellen Leben beteiligten AkteurInnen durch Kommunikation, Kooperation und Netzwerkarbeit motiviert und einbezieht. Eine erfolgreiche Kulturpolitik benötige „einen möglichst weitreichenden tragfähigen Konsens über die Programmatik und ausreichende Ressourcen sowie gleichzeitig einen möglichst großen Spielraum für subjektiven Ausdruck und die Entfaltung des Individuums“. Nicht weniger als das sollte unser Ziel sein.

* Die erste große Studie dieser Art wurde von Marlies Hummel und Manfred Perger im Jahr 1988 im Auftrag des deutschen Bundesinnenministeriums erstellt: Die volkswirtschaftliche Bedeutung von Kunst und Kultur. Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Berlin-München 1988.