Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Ausgehebelt

#02 2010 / Maria Markt

Culture Jamming statt Schmerztablette.

Kein Raum bleibt unmarkiert.“ – Als Naomi Klein in ihrem Buch No Logo! derart weise Worte gegen die Vereinnahmung des öffentlichen Raumes durch die Werbe- und Informationsindustrie fand, köchelte schon lange ein vages Gefühl des Unbehagens in uns KonsumentInnen. Denn der Umstand, ungefragt von allen Seiten mit nicht selektierter Information, Werbebotschaften und Bedürfnis-Erweckern in Form von Marken bedacht zu werden, kann bisweilen stören. Die Marke hat die Aufgabe, aus einer Ware mehr als ihren Gebrauchswert zu machen, sie symbolisch aufzuladen, als Statussymbol zu lancieren. Wir als konsumkritische BildungsbürgerInnen wissen zwar, dass es sich bei diesem Mehrwert um heiße Luft handelt, aber da verhält es sich wie mit der Politikerrede: Ich kann ruhig lügen, es funktioniert trotzdem. Präsenz geht vor Inhalt. Der Erfolg dieser Strategie mag auch daran liegen, dass Marken nun mal markieren, in Besitz nehmen, und zwar den öffentlichen Raum, den wir alle nutzen und dem wir uns deshalb nicht entziehen können.
Können wir nicht? – „Ist die beste Subversion nicht die, Codes zu entstellen, statt sie zu zerstören?“ – Diesen Gedanken, den Roland Barthes schon Anfang der 1970er Jahre niederschrieb, nahm vor zwanzig Jahren eine Gruppe von Menschen in Vancouver auf und begann, Werbung und mediale Information genau zu betrachten und ihre Codes zu analysieren. Ihr Protagonist, der estnische Werbefachmann (!) Kalle Lasn, nimmt die Idee des Culture Jamming für sich in Anspruch, bei dem es darum geht, visuell zu widersprechen, Botschaften umzudrehen, Sujets zu karikieren, den gängigen Informationsfluss in den Medien allgemein und „Werbesprech“ im Besonderen zu untergraben. Seine Plattform wurde das Magazin Adbusters, das einer der Ausgangspunkte für einen Pool von MedienaktivistInnen war: Subvertisers, Kommunikationsguerilla, FotomonteurInnen, TextverdreherInnen, InternetaktivistInnen, StreetartkünstlerInnen.

Sichtbarmachung des Gewussten. Sie sind konsumkritisch, glauben nicht alles, was sie in TV und Zeitung erfahren, und setzen Werbung generell mit Schwachsinn gleich. Die Konsequenzen, die sie daraus ziehen, sind aber nicht Zynismus oder Resignation. Sie machen keine Weltverbesserungs-Märtyrer-Kampagnen. Sie werfen auch keine Steine oder deponieren Bomben in der BILD-Redaktion. Ihre Taktik ist intelligent und ironisch. Culture Jammers nutzen die Mittel der Reklametechnik für sich und schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe, wenn sie eine Werbebotschaft durch eine leichte textliche oder optische Veränderung inhaltlich um 180 Grad drehen. So wird aus SHELL plötzlich (s)HELL oder aus dem Marlboro Man mittels Fotomontage ein Lungenkrebspatient. Auf diese Weise wird Kritik genauso präsentiert wie Werbung – schnell erfassbar und leicht verständlich. Im Grunde bedienen sich Culture Jammers nur dessen, was Werbeagenturen und Zeitungsformate schon immer praktiziert haben: des fantasievollen Umgangs mit Information. Der Unterschied besteht darin, dass sie den Spieß umdrehen und, wenn sie es gut machen, die Werbeinformation so lange zerlegen, bis Fakten übrig bleiben – Fakten, die von einfacher Nicht-Einhaltung eines Verkaufsversprechens bis zu Problemen wie Arbeitsbedingungen oder fragwürdigem Lobbying von Konzernen reichen. Culture Jamming mag nach Spaß aussehen, hat aber durchaus ernste Absichten. Freilich, das gelingt nicht immer. Wenn jemand aus Kinderschokolade Kifferschokolade oder aus Aral Anal macht, darf eine Intention abseits des pubertierenden Rebellentums bezweifelt werden. Wer aber beispielsweise ein Straßenplakat mit Hochglanz-Modeschönheiten so verändert, dass er großformatig ausgedruckte Werkzeugpaletten des Programms Photoshop hineinklebt, macht damit nur die Technik des Retuschierens sichtbar. Es geht dabei nicht um die Zerschlagung von Unternehmen; es geht um die Veranschaulichung von Dingen, die wir längst wissen.
Was tun also, wenn wir mitten in Tokio – oder sagen wir: mitten in der Anichstraße – stehen und der Kopf vor lauter Input zu dröhnen beginnt? Ruhig bleiben. Einen Stift nehmen, das Plakat vor uns veredeln und den Tropfen auf den heißen Stein zelebrieren.