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MOLEcafé

Die Rückeroberung der Wahrnehmung

#02 2010 / Robert Gander

Zwei Schweizer Künstler schicken uns auf eine virtuelle Reise durch Guantánamo.

Die von den Innsbrucker KunsthistorikerInnen Christoph Bertsch und Silvia Höller kuratierte Ausstellung Cella. Strukturen der Ausgrenzung und Disziplinierung in einem zuletzt als Jugendgefängnis genützten Gebäudekomplex in Rom wurde zwar (vorzeitig durch die italienischen Behörden) geschlossen, eines der interessantesten dort präsentierten Projekte wirkt jedoch weiter, und das per definitionem: Denn bei dem Netzkunstwerk Zone*Interdite der Schweizer Künstler Christoph Wachter (geb. 1966) und Mathias Jud (geb. 1974) handelt es sich um ein im Jahr 2000 gestartetes Projekt, das bis heute weiterentwickelt wird und davon lebt, dass fortwährend neue Information eingespeist wird.
Geht man auf die Website www.zone-interdite.net, baut sich eine Weltkarte auf, die mit einem dichten Netz grüner Punkte überzogen ist. Jeder einzelne dieser mittlerweile über 2.500 Punkte in 153 Ländern stellt eine zone interdite, eine verbotene Zone, militärisches Sperrgebiet dar. Es handelt sich um Einrichtungen, die strenger Geheimhaltung unterliegen, von denen die Autoritäten nicht wollen können, dass deren Standorte oder genaue Funktionen bekannt sind. Klickt man auf einen der Punkte in Süddeutschland, kommt man beispielsweise nach Mannheim und erfährt, dass sich dort das einzige US-Militärgefängnis auf europäischem Boden befindet, die Coleman Barracks. Bei dieser Lokalisierung und Information bleibt es aber nicht. Anhand von Bild- und Informationsmaterial aus dem Internet generieren Wachter und Jud einen interaktiven Lageplan der Anlage. Das Material finden sie auf offiziellen staatlichen oder militärischen Websites, oft jedoch auch auf privaten Homepages und Blogs von SoldatInnen. In seiner Dichte ergibt die Information zunehmend ein Bild von etwas, das aus militärischer Sicht in der öffentlichen Wahrnehmung eigentlich nicht existieren dürfte: Google Maps zeigt von dem Ort am Mannheimer Stadtrand nur ein weites, graues Nichts.

Kunst, die sichtbar macht. Die Idee zum Projekt entsprang dem Wunsch und Willen, die schwarzen oder grauen Flecken in unserer Wahrnehmung der Welt und die weißen Flecken auf der Landkarte in sichtbares Terrain zu verwandeln. Zone*Interdite ist eine Kombination aus Suchmaschine und Atlas. Die einzelnen Anlagen – Gefängnisse, Camps, Kasernen – sind mit Satellitenaufnahmen (Google, Bing, Yahoo), Karten (Bing, Multimap, Google Maps) verlinkt, mit Wikipedia, Text-, Bild- und Videosuchmaschinen. Jede(r) NutzerIn kann neue Inhalte zu einem Ort hinzufügen. So entsteht ein dichtes Netzwerk, gespeist aus öffentlich zugänglichen Quellen und immer auch zu diesen verlinkend.
Im Sinne der Informationsästhetik werden nicht neue Daten, also originäre Kunstwerke, geschaffen, sondern vorhandenes Material wird geschickt indexiert und zusammengefügt. Nun entsteht aber durch diese digitale Form der Collage nicht nur etwas Neues, vielmehr führt uns dieses Neue gleichsam zurück zu den Grauzonen unserer Wahrnehmung und rekonstruiert aus Versatzstücken das Geheimgehaltene, die zone interdite – Kunst also, die nicht das Sichtbare wiedergibt, sondern sichtbar macht. Oder wie Christoph Wachter sagt: „Wir entdecken die Konstruktion der Macht.“
Einige Orte wurden von Wachter und Jud als virtuelle 3D-Welten rekonstruiert. Aktuell kann sich der/die NutzerIn neben dem Walkthrough eines islamistischen Trainingscamps im Sudan und Camp Bucca im Irak vor allem die virtuellen Camps von Guantánamo Bay auf den Computer laden – ein Herzstück des Gesamtprojektes.

Voyeuristische Metaebene. Ins kollektive Bildgedächtnis eingegangen sind die in orange Overalls gekleideten Gefangenen, hinter Drahtzäunen in Stresshaltung kauernd. Es waren diese Bilder, die um die Welt gingen, obwohl das Dargestellte nur in den ersten Wochen der Praxis entsprach. Die orangen Overalls gibt es schon lange nicht mehr. Akkreditierte, streng gebriefte JournalistInnen dürfen heute nur mehr in einen kleinen Teil der Gesamtanlage, Fotoaufnahmen dürfen nur in einem Trakt gemacht werden, der eigens für diesen Zweck errichtet wurde, in dem also nie jemand gefangen gehalten wurde. Wachter und Jud greifen auf dieses von vornherein zensurierte Bildmaterial zurück, kombinieren es mit offiziellen Bildern des US-Militärs und – ganz entscheidend – mit privaten Aufnahmen von SoldatInnen. Durch die Zusammenführung selektiver Perspektiven ergibt sich wieder ein Ganzes, das Grundlage für die virtuelle Rekonstruktion der Anlage war. Das führte so weit, dass die beiden Schweizer die Lage des streng geheimen Camp Iguana ausfindig machen konnten, jenem Lager auf Guantánamo, in dem in Afghanistan gefangen genommene Kinder festgehalten wurden.

Christoph Bertsch, Silvia Höller: Cella. Strukturen der Ausgrenzung und Disziplinierung. Skarabæus Verlag/Studienverlag 2010, ISBN 978-3-7082-3268-3
Lädt man sich die Software der 3D-Animation herunter, kann man die Camps virtuell, in der Art eines Ego-Shooters begehen. Man navigiert unter blass-sonnigem Himmel durch die Anlage, an Wachtürmen vorbei in die Gebäude hinein. Man kann in die kleinen Zellen gehen oder zwischen den Drahtverschlägen in Camp Delta umherwandern. Nur ist da niemand. Die gesamte Anlage ist leer. Und das ist das irritierende Moment: Wir schlüpfen in die Position des/der Wärters/in, des/der Soldaten/in, da wir uns frei in der Anlage bewegen können, wie dies nur er/sie kann. Wären Menschen in der Anlage, könnten wir uns in die Rolle des/der Beobachters/in begeben, wären fein heraußen auf unserer voyeuristischen Metaebene. Um hier aber in die Position des/der Beobachters/in zu kommen, bleibt uns nichts anderes übrig, als das Camp zu verlassen, herauszuzoomen und die Anlage wieder aus der Satellitenperspektive zu betrachten.
Aber der leere Ort ermöglicht es auch, uns leichter in die Situation der Gefangenen zu versetzen. Es gibt keine knienden, gefesselten, anonym, da nur von hinten zu sehenden Terrorverdächtigen mehr, die durch diese Attribute und die totale Kontrolle, die über sie ausgeübt wird, zum absolut anderen gemacht wurden. Dieses absolut andere ist es, das es uns verunmöglicht, uns in deren Rolle zu versetzen, dieses absolut andere ist es aber auch, das es uns erst ermöglicht, Guantánamo als solches hinzunehmen. Die medialen Bilder, die (vermeintlich) alles zeigen, hindern uns daran, uns mit den Dargestellten zu identifizieren, da sie zu viel zeigen. Sie bieten kein Identifikationstableau. Deshalb ist es ganz entscheidend, dass das virtuelle Guantánamo von Wachter und Jud menschenleer ist. So ist es den NutzerInnen wieder freigestellt, sich in die Rolle und Situation der Gefangenen zu denken und fühlen. Der Wechsel zwischen den Blickwinkeln auf das Geschehen ist das entscheidende Moment: Die Militärpropaganda gibt uns via Medien die eine Perspektive, das Ereignis zu sehen, vor. Sie macht es uns leicht. Nehmen wir dieses Angebot jedoch an, wirken wir mit an der Verengung der Wahrnehmung und schlussendlich der Ausdünnung der Wahrheit. Indem Wachter und Jud die einzelnen Perspektiven wieder zusammenfügen, ermöglichen sie uns in ihrer virtuellen Welt, die Entscheidung, was wir sehen wollen und aus welcher Perspektive, wieder selbst und souverän zu treffen.

Kein Richtig, kein Falsch. Die Künstler nehmen keine politische Haltung ein, es werden Orte über alle ideologischen Grenzen hinweg identifiziert und Information über sie zusammengetragen. „Die Arbeit kennt kein Richtig und kein Falsch. Sie liefert keine Antworten.“ Politisch sind die Künstler aber in dem Sinne, dass sie die Wahrnehmung von Bildern und deren Grenzen zum Thema machen. Durch Ablehnung und das Nicht-sehen-Wollen nehmen wir aktiv an der Produktion blinder Flecken teil. Die Plattform Zone*Interdite bietet die Möglichkeit, das Gegenteil zu tun und an der Sichtbarmachung der Welt mitzuwirken.
Zur Ausstellung in Rom erschien im Skarabæus Verlag/Studienverlag ein umfassendes Katalogbuch, das neben Texten zu den 38 künstlerischen Arbeiten zwanzig wissenschaftliche Beiträge zum Thema der Ausgrenzung und Überwachung versammelt.