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»Eine Kultur, die sich nur auf das Alte spezialisiert, ist kaputt oder geisteskrank.«

#02 2010 / Albrecht Dornauer

Othmar Costa, ehemaliger Leiter der Abteilung Ernste Musik im ORF Tirol, im Gespräch.

Othmar Costa war Förderer ganzer Generationen von KomponistInnen und Jazz-MusikerInnen. Im MOLE-Interview spricht er über vergangene Zeiten, Kulturpolitik, Monokulturen und nicht zuletzt darüber, dass es gut ist, wenn sich Sachen verändern. Nicht gut ist nur, dass es beim ORF in Tirol seit Anfang dieses Jahres keine Anlaufstelle mehr für lokale KomponistInnen gibt.

Wenn Sie auf ihre Zeit als Leiter der E-Musik im ORF Tirol zurückblicken, welche Erinnerungen kommen da in Ihnen hoch?
Othmar Costa: Ich habe in einer goldenen Zeit gelebt. Zuerst war die analoge Aufnahme, da lebten wir in einer Monokultur, dann kam die Stereokultur, die anfangs eine totale Sensation war. Wir haben damals mit aus Wien geliehenem Equipment probiert, alles Wichtige in Stereo aufzunehmen. Ab 1970 war das Fernsehen. Ab da ging das ganze Geld nur mehr zum Fernsehen, wegen der Politiker. Politiker wollen sich ja selber sehen und ihr Gesichterln zeigen. Aber nicht in Mono und Stereo, sondern nur im Fernsehen. Daher ist das ganze Geld zum Fernsehen gewandert. Damit war es dann aus für alles andere! Für das Fernsehen gibt es noch Geld, für etwas anderes gibt es keines mehr. Und die Kultur, auch die Musikkultur kann nur leben, wenn es Aufträge gibt. Es ist keine Voraussetzung für Schaffen und Kreativität, dass der Künstler hungert.

Wie war die finanzielle Situation allgemein in den „goldenen“ 1960er und 1970er Jahren? Gab es damals mehr Geld?
Ja, definitiv, auch wenn ich immer darum kämpfen musste. Geld kam damals einerseits vom Rundfunk, von der Stadt, manchmal von Privaten, wie zum Beispiel der Familie Schwarzkopf, und von Banken. Bei Privaten wie Banken gibt es keines mehr und die anderen reden vom Sparen. Der Brecht hatte schon recht, als er sagte, man soll keine Bank ausrauben, sondern besser eine selbst gründen. Dann kann man nämlich alle ausrauben. Mit dem Geld ist es wie früher. Die Landesfürsten wie Ferdinand II. und Maximilian waren Pleitiers. Heute zeigen wir den lieben Fremden die tollen alten Bauten. Damals haben sie allerdings einen Schuldenberg hinterlassen für Prestigebauten. Die Hofkirche war ein Pleiteunternehmen, gleich wie Schloss Ambras. Heute vielleicht nicht mehr, aber damals auf jeden Fall.

Früher wurde mit Schulden errichtet, heute wird nur gespart. Ist es das, was Sie sagen wollen?
Die meisten bedeutungsvollen Leute gehen bedeutungslos ins Jenseits. Wer Spuren hinterlassen will, der muss was machen. Ich kenne kaum einen Politiker, der Spuren hinterlässt. Der letzte war der Wallnöfer. Der hat die Autobahn gebaut, welche das Land zweigeteilt hat. Er war ein Kind seiner Zeit, aber die Vorherigen und Nachfolgenden haben keine Spuren hinterlassen. Heute steht das Haus der Kunst zur Diskussion. Kommt das? Ich glaube nein! Das Haus der Musik? Ich glaube nein! Bürgermeisterin Zach hat schon eine Ahnung, deshalb hat sie die Hungerburgbahn gebaut. Vielleicht wird sie dann einmal nach ihr heißen – die zache Bahn.

Politik wird für Massen gemacht, denn das sind die WählerInnen …
In der Demokratie ist das Problem, dass man wiedergewählt werden will. Dafür muss man vielen Leuten gefallen. In der Demokratur, der Demokratie, ist jede Stimme gleich viel wert. Es geht um Massen und dabei wird aber nicht geschaut, ob auch jeder denken kann. Du musst einen guten Gedanken haben, und wenn nicht die Masse dahintersteht, dann war er nicht gut genug. Das stimmt nicht. In der Kultur ist es jetzt so, dass der Staat Holdings macht, wie die Museumsholding, und wofür? Dass sie sich verabschieden können und nichts mehr zu verantworten haben.

Die Landesrätin Palfrader bezeichnete unlängst die Innsbrucker Festwochen als zeitgenössische Musik. Wie stehen Sie zu solchen Aussagen?
Ich verstehe das schon. Das Alte macht keine Probleme. In Innsbruck wird sehr viel Geld ausgegeben für die alte Musikkultur. Wenn du eine alte Oper veranstaltest, hast du garantiert den Beifall. Du brauchst nur gute Interpreten, und mit genügend Geld kann man alle kaufen. Hier sind alle Protagonisten eingekauft. Man muss natürlich das Alte pflegen, als eine gewisse Basis. Eine Kultur jedoch, die sich nur auf das Alte spezialisiert, ist kaputt oder geisteskrank.

Wie war für Sie die Zusammenarbeit mit der Tiroler Landeskulturabteilung?
Es waren immer schon Beamte, die entschieden haben. Man kann von der Politik nicht viel erwarten. Voraussetzung dafür, dass man Politiker wird, ist eben, dass man keine Ahnung hat. Ich glaube nicht, dass auf Beamtenebene eine Kultur zu machen ist. Der Politiker braucht eine Nase dafür, wo man Geld lukrieren kann. Der Landesrat Fritz Prior hatte noch so eine Nase, er hat auf Argumente sofort reagiert. Als es einst um die Verleihung des Landesmusikpreises ging, habe ich Werner Pirchner vorgeschlagen. Der Preis war für die gesamte Szene belebend, das hat der Prior sofort verstanden. Aber ich kann mir vorstellen, dass die Frau Landesrätin heute vollkommen richtig liegt, wenn sie nichts versteht.

Vorarlberg feilt ja schon seit Jahren an einem Kulturprofil. Das Kunsthaus Bregenz oder die Seefestspiele sind ja auch Wirtschaftsfaktoren für die ganze Region …
In Tirol versuchen sie ja, etwas Ähnliches in Erl aufzubauen, allerdings mit einem Wagner-Schwerpunkt. Da muss ich mich schon fragen: Ist das modern? Oder will sich der Gustav Kuhn ein persönliches Wagner-Denkmal setzen? Ich weiß es nicht. Natürlich gibt es auch Politiker, die andere Veranstaltungen wie die Ambraser Schlosskonzerte wichtig finden, solange jedoch noch ein DJ Ötzi und ein Hinterseer unterstützt werden, wird das alles nichts mit einer Musikkultur. Natürlich sollen die gefördert werden, aber von der Wirtschaft. Denn sie sind wie Verpackungen im Supermarkt – Hauptsache es sieht gut aus, egal was drinnen ist. Du kannst natürlich jede Kultur machen, aber du musst es selber zahlen.

Zum Thema Fernsehen: Wie eine Studie aufzeigte, hat der „Kultursender“ ORF inzwischen fast gleich viele Unterhaltungssendungen wie beispielsweise die privaten Sender Deutschlands, RTL und Pro7 …
Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass es zu wenige Leute sind. Jeder Rundfunk hat die Schere zwischen den Einschaltquoten, also der Massenbefriedigung, und „den wenigen“ – weil das, was wirklich passiert, ist immer durch Minderheiten passiert. Das Übel ist das kapitalistische Denken: Dass, wo mehr sind, auch mehr passiert, das stimmt einfach nicht. ARTE zum Beispiel arbeitet mit dem ZDF zusammen, da gibt es Millionen potenzielle Seher. Der ORF hat keine Millionen und noch dazu die Konkurrenz von den Privatsendern. Das kann sich nicht ausgehen. Noch dazu müssten die Politiker und ORF-Verantwortlichen ein gewaltiges Kulturbewusstsein haben – das haben sie aber nicht.

Wie waren die Arbeitsumstände in der Blütezeit des Radios ORF-intern?
Ich habe immer kämpfen müssen, aber schlussendlich doch meistens bekommen, was ich wollte. Ich habe immer argumentiert, dass der ORF ein österreichischer und nicht ein Wiener Rundfunk ist. Heute wird Ö1 hauptsächlich von Wien aus gemacht, auch das ORF-Orchester konzertiert fast ausschließlich in Wien. Früher wurde das Ö1-Programm im Turnus von allen Bundesländern gemacht. So konnte man Tiroler Komponisten österreichweit bekannter machen. Dann wurde das Programm personalisiert. Oper war verknüpft mit Marcel Pravy, Unterhaltung mit Heinz Conrads. Auch waren teilweise die Verantwortlichen vor Ort schuld daran, dass wenig nach Innsbruck kam. Einmal beispielsweise war das ORF-Orchester schon in Salzburg eingeladen, da hat der Dr. Walter Frenzl verhindert, dass es ein Gastspiel hier in der Stadt gab mit der Begründung, für Innsbruck sei es zu schlecht.

Wie stehen Sie zu den andauernden Einsparungen im ORF? Mit Jahresbeginn wurde ja Ihre ehemalige Stelle, die nach Ihnen mit Wolfgang Praxmarer besetzt war, komplett eingespart …
Der ORF wird sparen müssen. Aber dass sie nun den einen, der für die E-Musik zuständig war, einsparen, dagegen verwehre ich mich ganz stark. Es muss eine Anlaufstelle geben, zu der ein Komponist kommen kann oder die über Aufträge informiert. Jetzt heißt es, man muss sparen, und wo spart man? Bei der Kultur – das funktioniert vom Hirn her nicht. Es wird hoffentlich wieder eine andere Welle kommen. Grundsätzlich müssen sich ja Sachen ändern. Das ist gut so. Ich habe ja auch circa dreißig Jahre den Kammerchor Walther von der Vogelweide geleitet, das war dann auch irgendwann vorbei. Dem weine ich keine Träne nach, es hat ihn ja immerhin eine lange Zeit gegeben. Ich glaube, jede Monokultur überlebt sich irgendwann und stirbt aus. Aber dass beim ORF der Praxmarer eingespart wird oder Innsbruck nur auf Alte Musik setzt, das ist ja wirklich geisteskrank.

Die Ausbildungsmöglichkeiten für NachwuchskünstlerInnen sind in Tirol auf wenige Institutionen limitiert. War es früher auch schon normal, dass viele Junge das Land verlassen haben?
Ich verstehe nicht, warum Tirol musikalisch stolz darauf ist, eine Expositur von Salzburg zu sein. Natürlich ist das Mozarteum ein großer Name, vielleicht der beste, aber die Schulmusik nur als Expositur zu führen, das ist ein Armutszeugnis für Tirol. Aber wenn sie es von vornherein nicht schaffen, eine Synergie zwischen Mozarteum, Konservatorium und Musikwissenschaften zu erzielen, dann sind sie auf verlorenem Posten. Es kann nicht sein, dass Tirol nichts Eigenes hat. Wir sind zwar nicht sehr groß, aber so dumm sind wir auch nicht. Otmar Suitner sagte einst, man soll nicht ein Tirol-Stipendium einführen, sondern ein Tirol-Flucht-Stipendium. Er ist ja weit gekommen, er war lange Zeit Intendant in Berlin „Unter Den Linden“ und hat es geschafft, eine Auszeichnung vom Heiligen Vater und vom Stalin zu bekommen. Er muss es ja wissen …

Othmar Costa, geboren am 6. Januar 1928 in St. Jakob in Defereggen, war zwischen 1969 und 1991 für die Abteilung für Ernste Musik im ORF Tirol verantwortlich. In dieser Zeit gründete er unter anderem die Konzertreihe Musik im Studio. Zwischen 1963 und 1994 war er zudem Leiter des Kammerchores Walther von der Vogelweide. Vor seiner Tätigkeit im ORF unterrichtete er an Innsbrucker Gymnasien hauptsächlich Musik, Deutsch und etwas Philosophie.


PETITION, Die Musiker Hannes Sprenger und Florian Bramböck initiierten im Sommer 2009 gemeinsam eine Aktion, die in Form eines offenen Briefes an die Leitung des ORF in Wien gegen den bekannt gewordenen Plan protestiert, nach der Pensionierung des langjährigen Leiters der Abteilung Ernste Musik im Landesstudio Tirol, Wolfgang Praxmarer, dessen Stelle nicht nachzubesetzen und die Abteilung aufzulassen. Bis Ende August unterstützten 420 MitunterzeichnerInnen das Anliegen, Musik- und Kulturschaffende, Musik- und Kulturinteressierte aus allen Teilen der Bevölkerung, aus ganz Österreich, Deutschland, Italien, der Schweiz und den USA. Es besteht die Möglichkeit, sich auch jetzt noch der Petition anzuschließen.