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Einer, der auszog

Norbert Gstrein hat sich an Tirol herangeschrieben, ist dann aber weitergezogen.

Mir kommt es wie eine doppelte Nichtzugehörigkeit vor, wenn es von mir irgendwo heißt, ich sei ein ,Tiroler Schriftsteller‘“, meint Norbert Gstrein in einem Interview mit Axel Helbig und setzt hinzu: „Ich nehme das inzwischen sehr belustigt wahr, aber ich nehme es wahr, weil ich diese feste Verbindung, als gäbe es das eine ohne das andere in meinem Fall nicht, bei niemand anderem so ausgeprägt sehe.“ Tatsächlich scheint es doppelt paradox, den gebürtigen Milser, der im kleinen Bergdorf Vent im Ötztal aufgewachsen ist, als „Tiroler Autor“ zu bezeichnen. Erstens lebt Gstrein längst nicht mehr in Tirol und zweitens hat er mit dem Schreiben erst richtig begonnen, als er Tirol verlassen hat – in Stanford, Kalifornien, wo er eigentlich an seiner Doktorarbeit über Die Logik der Fragen arbeiten sollte (1988 in Innsbruck eingereicht). Parallel dazu entstand dort, fern der Heimat, aber auch die Erzählung Einer, sein Prosadebüt, das 1988 beim renommierten Suhrkamp Verlag erschien und ausgerechnet in jener engen Tiroler Provinz spielt, der er selbst eben erst entkommen war.

Meidet die „Heimat“. Dem fulminanten Start in die Schriftstellerkarriere (Rauriser Literaturpreis 1989, Preis des Landes Kärnten beim Bachmann-Preis 1989) folgen mehrere Prosawerke, in denen Gstrein sich immer wieder an seine Heimat Tirol heranschreibt: Die Erzählung Anderntags (1989), der Roman Das Register (1992) oder der Bericht Der Kommerzialrat (1995). So sehr der Autor in seinen Büchern Tirol aber als literarisches Sujet thematisiert, so sehr meidet er seine „Heimat“ im realen Leben: Nach Kalifornien folgen Aufenthalte in Erlangen, Berlin, Graz, Amsterdam. Gstrein lebt in Frankreich, in der Schweiz und inzwischen seit mehreren Jahren in Hamburg.
Mit den Romanen Die englischen Jahre (1999), Das Handwerk des Tötens (2003) und dem bislang letzten, 2008 erschienenen
Roman Die Winter im Süden hat sich Gstrein schließlich auch literarisch endgültig von
Tirol verabschiedet: London, die Isle of Man, Wien, Hamburg, das ehemalige Jugoslawien, Buenos Aires heißen jetzt die Schauplätze der Erzählungen.
Immer noch nimmt sich Gstrein in seinen Geschichten der AußenseiterInnen an, aber diese reiben sich nicht mehr an jener dörflichen Kleinheit, die der Autor selbst erlebt hat. An die Stelle von „Dorfgeschichten“ treten die Schicksale eines jüdischen Emigranten im Zweiten Weltkrieg, eines Journalisten im Jugoslawienkrieg oder eines ehemaligen Ustascha-Kämpfers und seiner Tochter.
Mit Tirol verbindet Norbert Gstrein heute also nur noch sehr wenig. Ist er am Ende womöglich doch kein „Tiroler Autor“? So sehr ihn diese Zuschreibung amüsiert, die „feste Verbindung“ zwischen Herkunft und Schreiben scheint gerade bei ihm, der erst zu seiner Sprache finden konnte, nachdem er seine Heimat verlassen hatte, essenziell zu sein, wenn auch aus einem kuriosen Grund: „Weil ich tatsächlich glaube, dass zumindest ein vitaler Teil meiner Sprache – und das ist wirklich ein Paradoxon – aus dieser Sprachlosigkeit kommt, in der ich groß geworden bin.“