Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Fete Blanche

#02 2010 / Barbara Hundegger

Jani Oswald


FETE BLANCHE


Tam kjer na 1 Salz
    Burg Solnograd 2 
precej naprej
    tirolski cmok
nad Oberkranj 3 
    mein Oberstkren
    original
Klobasse auf der
    Seeterrasse
na sončni strani
    Alp bleščeč 4|5 
na senčni 6
    Lakesite Promitreff
Pommes Frittes
    zehn Cent Event
in Dosenbier verpackt
    verbrennt pa pir
v piksni žlobudra 7 
    wo aus dem
Schwanz
den es umschließt
    das Muschelfleisch
zur Fete Blanche
fließt der Saft
    wenns laaft dann
    loved’s laut
tosend Dank
    Gottseibeiuns
tam kraj je naš 8 
dort samma z Haus
    in Braus
und Saus und
    Sonnenbrand
mein podomačes 9 
    Niemandsland

1    Tam kjer na: Dort wo auf
2    Solnograd: Salzburg (veraltet)
3    precej naprej tirolski cmok nad Oberkranj: ziemlich weit(er) Tiroler Knödel über Oberkrain (Präfix „Ober-“: Germanismus)
4    na sončni strani Alp: auf der Sonnenseite der Alpen (Tourismus-Werbespruch Sloweniens)
5    bleščeč: glänzend, blendend
6    na senčni: auf der schattigen (Seite)
7    pa pir v piksni žlobudra: und das Bier gluckst in der Dose (vulgärsprachlich)
8    tam kraj je naš: dort ist unser (Heimat-)Ort
9    po domače: heimisch, häuslich, vertraut (deutsch dekliniert)

Das beste lyrische Setting für diesen Text wäre selbstredend der/die selbst redende respektive vorlesende AutorIn – wie immer bei Lyrik, denn erst sein (original-)gelesener Groove oder Klang macht ein Gedicht-Gebilde, im Falle seines Gelingens, neben Inhalt, Sprache und Schrift-Bild zu einem erstaunlich kleinen Gesamt-Ding von erstaunlich großem Belang – das ist ja das Tolle, das Faszinierende daran …
Bei Jani Oswald und seinen Texten würde sich das besonders rentieren, da käme erst voll zur Geltung, was in ihnen steckt – und wer die Gelegenheit hat, eine seiner Lesungen zu erwischen, sollte das unbedingt tun, auch weil Oswald bei seinen Performances sinnigerweise immer wieder die Zusammenarbeit mit Volkslied-Interpreten und Jazzmusikern sucht.
Um mental aber auch so halbwegs in den Sound dieser Texte zu kommen, könnte man behelfsmäßig vielleicht recht innig an die Stimmung, die Kärntner Chöre verbreiten, denken – und an die Bierrunden danach …
Da läge man auf keinen Fall falsch: Denn in Jani Oswalds Texten werden die LeserInnen nicht aus den Alltagsuntiefen in die Höhen des gemeißelten Gedichts hinaufzitiert, sondern die Gedichte begeben sich im Gegenteil in diese Untiefen lyrisch aktiv hinein und stellen die eigene Sprachfertigkeit dem Benennen nicht nur super-subjektiver Weltsichten, sondern der auch für die Allgemeinheit akuten Zu- und Missstände zur Verfügung – eine schöne Gegenbewegung zum lyrischen Klischee. Und ein bisschen ein Anklang an ursprünglichere Funktionen des Schreibens im Sinne eines Schreibdienstes für jene, die selbst nicht benennen können, was umgeht in ihnen und vorgeht um sie.
Der Titel des Gesamt-Zyklus, aus dem Fete blanche stammt: Mitten am Rand. In drei Wörtern viel gesagt und so einfach wie treffend aufgehoben, was die darauf folgenden Texte dann einzeln abhandeln oder einlösen. Und dieser Titel bleibt kein einsamer Stern, mit dem andere nicht mithalten könnten – denn ein Gedicht über Mariae Empfängnis Flottes Kind zu nennen oder eines, das die österreichische Bundeshymne paraphrasiert, mit einem piefkischen Sahnehäubchen zu überschreiben oder die Variation eines Kärntner Kult-Liedes zur Verlassenheit Straßen dermaßen zu betiteln, das hat echten Pepp – und sagt viel über die mentale Oswald’sche Haltung auch der Eigen-Unterhaltung, mit der er den Schreibstift offenbar zur Hand nimmt …
Auf ziemlich bestechende Weise gelingt es Jani Oswald aus gesprächsnaher, dem Alltag verbundener, also geläufiger und deshalb niederschwellig verständlicher, aber inhaltlich und klanglich durchgehend genau durchgearbeiteter Sprache heraus – inklusive Alliterationen, lautlichen Ketten, geschickt eingesetztem Reim usw. –, die dreidimensionale Innensicht auf die Widersprüche, Bruchstellen oder Doppelmoralen eines ganzen Landes, seiner Inszenierungen und Befindlichkeiten aufzurufen, einzufangen, abzubilden. Es ist absolut erstaunlich, wie in diesen Texten – denen aber auch tief ernste und persönliche Inhalte eingeschrieben sind – durch die gekonnte Verschränkung von Volkslied, Polit-Slogan, Fremdenverkehrssprüchen, Kirchentexten, Alltagssätzen, Werbephrasen, Arbeitsweltwörtern usw., von ortsgebundener Sprache/Dialekt und Hochsprache, von regionalen wie überregionalen Sprach-Feldern, von Deutsch und Slowenisch oder auch Englisch, die Tonlagen, die Atmosphären, die Charakteristika und Konnotationen des „Kärntner Modells“ samt seinen evidenten und unterschwelligen Bezügen gleichzeitig implodieren und explodieren – und man so sieht, hört, spürt, wie fertig dieses Modell war, ist und es eine(n) macht.
Lesend werden wir zu ZeugInnen: nicht des viel beschworenen clash of civilizations, sondern des clash of one civilization – auf einem einzigen Blatt Papier …
Und vielleicht gehörte das quasi patentiert, dieses Oswald’sche Verschnittverfahren, und für alle österreichischen Bundesländer durchdekliniert: weil als z. B. Tiroler LizenznehmerIn fielen einem/einer gerade nach dem so genannten „Gedenkjahr“ schier endlos derlei Dinge ein …
Lyrik, weltfremd? Nein, welt-nah. Nur wer Lyrik nicht liest, dem/der bleiben Welten
fremd …