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MOLEcafé

Grüße aus der Gosse

#01 2010 / Martin Varano

Mit dem Roman Man down setzt André Pilz dort an, wo andere aufhören: ganz unten. Und schreibt sich damit weit nach oben.

Schon mal festgestellt, dass die Welt von unten betrachtet nicht gerade ansehnlich ist? Dass es dort kaum friedlich zugeht, selten gut riecht und nur wenige nüchtern die Tage überstehen, während der Kampf ums nackte Überleben alles andere dominiert? Man down – das ist zugleich Titel und Programm des dritten Romans von André Pilz, der Anfang Februar im Tiroler Haymon Verlag erschienen ist. Die engagierte Geschichte erzählt vom ewigen Kampf „die da unten“ gegen „die da oben“ – Zwischenstufen gibt es kaum, Sozialromantik schon gar nicht.
Der Ich-Erzähler Kai, weder faul noch dumm, kann nach einem Arbeitsunfall nicht mehr seinem Beruf als Dachdecker nachgehen, bekommt das von seinem ehemaligen Chef Meyer geschuldete Geld nie zu Gesicht und steigt ins zwielichtige Geschäft des Drogenkuriers ein. Vermittler dieses Jobs ist sein bester Freund Shane, dessen zwei Brüder ihren Lebensunterhalt im kriminellen Milieu bestreiten und mit ihren Kontrahenten und Schuldnern nicht gerade zimperlich umgehen. Mit Marion verbindet Kai eine vertrackte Liebesgeschichte. Weitere Figuren des Romans sind eine Horde saufender und kiffender StudentInnen und ein Anwalt, dem jeder Gerechtigkeitssinn fehlt. In seiner aussichtslosen Lage sind Kais einziger Halt die Briefe, die er an einen gewissen Florian in Innsbruck schreibt und die zugleich seine Reflexion des beinahe unerträglichen Geschehens sind.

Ein Roman über die „Unterschicht“.  André Pilz erzählt seine multiethnisch angelegte Geschichte parteiisch, wütend und leidenschaftlich. Sein Herz schlägt für die Außenseiter der Gesellschaft, für die, die am Rande stehen oder ganz unten sind. „Ich glaube, ich bin ein bisschen ein Gerechtigkeitsfanatiker“, bestätigt André und erklärt, dass er für seine Figuren nicht lange auf Suche gehen muss: „Ich musste Shane und Kai usw. nicht erfinden … ich seh die Typen fast täglich in der U-Bahn, ich erlebe die Typen im Stadion … also, ich muss da nicht krampfhaft Milieustudie betreiben. Ich würde jetzt nicht sagen, ich bin einer von ihnen, ich deale natürlich nicht, aber ich bin sicher sehr nahe an den Figuren. Deshalb schreiben vielleicht so wenige Schriftsteller über dieses Milieu. Es stand ja schon in der Frankfurter Sonntagszeitung: Warum schreibt niemand einen Roman über die ‚Unterschicht‘ – ich denke schon, dass das damit zu tun hat, dass wenige Schriftsteller da wirklich einen Einblick haben.“ Pilz kennt im Schreiben keine Distanz zu seinen Figuren und zielt wie ein guter alter Punkrock-Song am Kopf vorbei direkt ins Herz und in die Magengrube. Überhaupt spielt Musik für Pilz’ Literatur eine zentrale Rolle – sowohl im Text als auch beim Schreiben: „Musik! Ich schreibe nur mit Musik. Jede Szene hat ihre Musik. Jede Person hat ihre Musik. Wenn Shane und Kai kiffen, höre ich Hip-Hop. Bei der U-Bahn-Schlägerei Troopers … die Berliner Oi!-Punkband … da wird das Hirn so richtig zusammengepresst. Nimm mir die Musik und ich kann nicht schreiben, weil ich ja eigentlich nur schreibe, wenn ich genug Gefühle in mir habe, die ich in den Text reinstecken kann … und wenn ich was fühle … brauche ich Musik!“ Bei aller Gewalt und der endlosen Abfolge von Sex und Rausch quer durch Man down verliert Pilz nie den gesellschaftlichen Kontext aus den Augen und verdeutlicht, wie nahe an der Realität seine Geschichte ist: „In München gab es kürzlich einen Fall, da flogen Schwarzarbeiter auf … alles Türken, die haben für 2,50 Euro die Stunde gearbeitet …
Weißt Du, was geschehen ist? Alle Türken wurden flugs abgeschoben, weil sie keine Aufenthaltsgenehmigung hatten. Sonst ist gar nix passiert. Und das, obwohl es sich auch noch um irgendeinen öffentlichen Bau handelte. 2,50 Euro die Stunde! Damit der Bonze oben mit seinem BMW durch München fahren kann … haha, ich weiß, es ist so verdammt klischeemäßig, aber es ist einfach auch zu viel Wahres dran! Was ich natürlich auch nicht sage, ist, dass alle ‚da unten‘ gute Menschen sind und alle ‚da oben‘ böse … das ist Blödsinn. Aber ich denke, das sieht man ja an Man Down auch …
Shanes Brüder sind ja auch nicht grade gute Menschen.“ Pilz’ Roman spielt zwischen München, Innsbruck und der Schweiz, der Autor kennt die Orte, über die er schreibt. 1972 in Lauterach/Vorarlberg geboren, hat er einige Jahre in Innsbruck gelebt und ist mittlerweile in München ansässig. Und wie ihm die Orte seines Romans vertraut sind, so auch die verschiedenen Milieus und Arbeits- und Lebensbedingungen, weil er sich selbst oft mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser gehalten hat. So gesehen ist Man down auch eine kleine persönliche Abrechnung.
Wer sich auf die Lektüre von Man down einlässt, verfolgt den unaufhaltsamen Abstieg des Protagonisten Kai nach ganz unten: „Und dann habe ich mich gefragt, wann ich das letzte Mal richtig glücklich war. Es ist so verdammt lange her. Aber ich bin auch nicht unglücklich. Das ist keine Zeit, sich unglücklich zu fühlen. Das ist keine Zeit, überhaupt etwas zu fühlen. Man will nur überleben. Man will nur nicht untergehen.“ Aber auch auf dem Weg nach unten ist Aufgeben keine Option: „Ja, ich weiß – denen wäre es lieber, ich wäre tot. Ich koste den verdammten Staat nur Geld. Ich bin einer, der nur Ärger macht. Denen wäre es lieber, ich würde nicht existieren. Darum möchte ich es ihnen ins Gesicht schreien: Ich lebe noch! Fühlt ihr meinen Herzschlag? Ich liebe noch. Ich bin noch lange nicht wie ihr! Ich lache noch. Hört ihr mich? Ich kämpfe noch. Spürt ihr mich?“
Wer herausfinden möchte, wie es den ProtagonistInnen in Man down ergeht, welche Geheimnisse sie mit sich herumschleppen, ob die Liebe eine erlösende Kraft ist und wie die Welt von unten aussieht, muss zu Pilz’ Roman greifen. Hier ist eine literarische Dampfwalze am Werk, die auch die leisen Töne nicht vergisst. Und auch nicht zuletzt die alte Frage aufwirft, wie weit ein richtiges Leben im Falschen möglich ist.

André Pilz: Man down. Haymon Verlag 2010. ISBN 978-3-85218-623-8