Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Literatur

#02 2010 / Barbara Marković

HALBTRAUM

Österreicher!

Der ohrenbetäubende Schrei ertönte in ganz Wien und mobilisierte augenblicklich die gesamte Bevölkerung. Als es passierte, war ich meinerseits gerade dabei, einen entgleisten Bio-Teenager anzuschreien, der mich schon seit Tagen mit dem Bild eines Koala-Bären in der Hand verfolgte, immer wenn ich gerade zur Arbeit unterwegs war. Ich legte ihm ausführlich auseinander, dass ich pleite bin, ich erzählte, meine Frau hat mich verlassen, ich zahle Alimente. Mann, ich lebe von der Malerei, winselte ich, er faselte weiter über den abgebildeten Zwergbären. Es ist sein Job, nicht nachzugeben, so lange, bis auf dem Formular, das er hinter dem Koala versteckt hält, deine Kontonummer aufscheint. Ich war also gerade dabei, bei diesem unausgereiften Idealisten einen starken Eindruck zu hinterlassen, ihn mit explosiven Konsonanten zu überschütten, als der monströse Schrei über die Stadt hereinbrach:

Österreicher!

Sogleich verlor ich den Teenager aus dem Blick, so wie ein kleineres Monster sein Opfer aus dem Kiefer fallen lässt, wenn plötzlich Godzilla hinter dem Berg auftaucht. Der Teenager verschwand seinerseits kommentarlos, so wie die durch das Auftauchen Godzillas für einen Augenblick vergessene Kleinmonsterbeute. Etwas Schlimmes war im Gange auf der Straße. Aus allen Ein- und Durchgängen, Tabaktrafiken, Winkeln und Bussen rollten Gruppen von Menschen heran und ergossen sich in die Mariahilfer Straße, auf welcher, wie ich feststellte, bereits ein dichter, unaufhaltsamer Menschenstrom unterwegs war. Ruf die Menschen nur laut genug herbei, dachte ich, und sie werden dir folgen. Immer schon ein Gegner von Massenversammlungen, ein Mensch, der seinen eigenen Weg geht, unangepasst, ein Individualist, einer, der alleine sterben wird, versuchte ich irgendwohin zu rennen, in einem Hauseingang Zuflucht zu finden, aber wohin auch immer ich mich zurückziehen wollte, alles war verstopft mit Bürgern, die in den Eingängen stecken geblieben waren, in der Absicht, alle gleichzeitig und als Erste ihre Wohneinheiten zu verlassen. Ich rannte zwischen den Menschen nach links, nach rechts, vorwärts und rückwärts, rauf und runter usw., in immer kürzeren Strecken, so lange, bis die Menschenmenge so dicht wurde, dass ich den Beton unter mir nur noch mit einer Fußspitze berühren konnte. Der Strom der Ereignisse trug mich schließlich in die einzig mögliche Richtung davon. Der Tod war plötzlich hundert Mal näher, als ich das an jenem Morgen ahnen konnte, während ich selbstbewusst den Müll in den Container stopfte. Ich entging ihm um ein Haar, dank eines jungen bebrillten Mannes. Er sah mir sehr ähnlich. Er drehte sich um und fragte, wohin wir eigentlich unterwegs waren, eine Sekunde, bevor ich dasselbe tat. Statt einer Antwort drückte ihn ein haariger Arm hinunter, unter die Körper, und er fand sich unter tausenden von Schuhsohlen wieder, verurteilt nach dem Gesetz der Masse. Das fürchterliche Menschenmonstrum brüllte aus seinem kollektiven Hals ein einfaches Lied, während es die Mariahilfer Straße hinuntermarschierte, bis der Vorderteil der Kolonne, in welchem auch ich mich befand, den Platz erreichte, wo ein Redner mit Unterstützung einer mächtigen Beschallungsanlage noch einmal hinausschrie:

Österreicher!

Und anschließend, nachdem die Menge sich mehr oder weniger beruhigt hatte:

Ihr seid ja nackt!

Innerhalb einer Minute verstummte eine Million Stimmen. Eine Million Anwesender erstarrte wie unter eiskaltem Wasser. Eine Million nackter Bürger starrte auf den jeweils eigenen Bauch hinunter. Der Mob zerfiel in eine Million einzelner Tollpatsche.

In Anwesenheit fremder Menschen seid ihr nackt, unbedeckt.
Ihr wollt weglaufen oder euch verstecken, dabei seid ihr an der Stelle
angewurzelt und könnt euch nicht bewegen.

Tatsächlich konnten wir unsere Beine nicht bewegen, egal wie sehr wir uns bemühten. Keinen Millimeter. Splitternackt. Bestürzt. Mit einem Blick überflog ich die Menge, aus Angst, zufällig einen Bekannten zu erkennen, und stellte fest, dass ich exakt zwischen der nackigen Christina Stürmer und dem entblößten Präsidenten stand, aber meine eigene Schande nahm mich zu stark gefangen, als dass mir nach Tratschen zumute gewesen wäre. Blasse, unterernährte Pärchen mit blauen Lippen und räudigen Kampfhunden, eine Menge so genannter normaler Menschen, über die man ohne Kleidung kaum eine Schlussfolgerung ziehen konnte, Soldaten mit Soldatenmützen und Glatzköpfe wie ich, wir alle rotierten um die eigene Achse, in der Absicht, möglichst viel von unserer schändlichen Blöße zu bedecken, aber wenn wir den Hintern bedeckten, dann blitzte unsere Vorderseite auf, Brüste und Genitalien, oder, wenn es uns irgendwie (fragen Sie nicht wie) gelang, gleichzeitig den Hintern und ein wenig von den Geschlechtsorganen zu bedecken, je nachdem, wer welche hatte, so mussten wir bald feststellen, dass unsere Brüste ekelerregend hinunterhingen, beziehungsweise, dass die Stellung vollkommen unerträglich war, sodass wir uns weiterhin herumwanden, unzufrieden und mit eisiger Scham überschüttet, den Augenblick verfluchend, in welchem wir heute das Haus verlassen hatten, ohne die blasseste Ahnung zu haben, solcherart unanständig entblößt zu sein.
Der Redner goss genüsslich Öl ins Feuer, indem er uns drängte, uns zu erinnern, wo überall wir an diesem Tag gewesen waren und wem aller wir uns zur Schau gestellt hatten. Meine Güte, beim Anwalt!, hörte ich eine Frau sagen, bevor sie in Ohnmacht fiel. Ich hingegen war in der Früh einkaufen gegangen, anschließend ins Atelier. Aber, verdammt!, ich hatte, als ich zum Café Europa unterwegs war, wo ich zu Mittag essen wollte, den erfolgreicheren langhaarigen Kollegen mit dem teuren Hund getroffen. Dieser Teufel war natürlich nicht nackt, er war niemals irgendetwas anderes als eingebildet gewesen! Er hatte mich verächtlich angeschaut und die Städte aufgezählt, in welche er im Laufe der Woche fliegen würde, denn seine Bilder gingen weg wie warme Semmeln. Dann hatte er sogar angemerkt, ich sei interessant angezogen, und ich, nackter Trottel, hatte mich auch noch bedankt. Am liebsten hätte ich mich in diesem Moment eingegraben, aber ich konnte meine Füße nicht bewegen. Das ist noch gar nichts!, meinte einer der Nachbarn, dem es gelungen war, meinem ziellosen Gemurmel zu folgen. Schau mich an, sagte er, ich habe vergessen, mein Glasauge hineinzutun! Das Loch in seinem Gesicht machte auf mich Eindruck und wir wurden Freunde. Er hieß Nick.

Mit der hereinbrechenden Nacht verbreiteten sich rasch Nachrichten über jüngste Ereignisse. Die Informationen kamen in Wellen. Zum Beispiel hörte ich, dass Kinder unter zehn Jahren keine Scham ob ihrer Nacktheit empfanden und nicht am Erdboden angewachsen waren, und so schwirrten sie herum, kitzelten die Menschen und lachten über ihre irrwitzigen Posen. Ich dachte an meinen Sohn. Dieser war zum Glück in Salzburg. Auf die gleiche Art verbreitete sich die Geschichte über Einzelne, die sich bereits zurechtgefunden hatten und ihre Körper mit Gegenständen, die in Griffweite waren, bedeckten, die die Rinde von den Bäumen schälten und sich in Zeitungspapier wickelten. Ebenfalls hatte der Kollege mit dem Auge, Nick, angeblich einige Männer gesehen, die Scheren hatten und sich langhaarige Mädchen schnappten, ihre Haare abschnitten, um daraus Gewand zu flechten. Wir waren ja erst vor Kurzem Freunde geworden, und so glaubte ich ihm nicht alles. Jedenfalls war es schrecklich und, wie zu erwarten, wurde es mit der Zeit immer schrecklicher. Nicht nur überwog der Fäkaliengestank schließlich die Wirkung des Adrenalins, nachdem Christina, die noch immer hautnah neben mir stand, nach langem Ausharren und der Möglichkeit wegzugehen beraubt, sich an Ort und Stelle erleichtert hatte, es kristallisierte sich, als wäre das nicht genug, in der Masse auch noch die abscheuliche Gestalt meiner Vermieterin mit Goldzahn heraus, ohne die offensichtlich keine einzige Geschichte auskommen kann. Diese schreckliche Frau verfolgt mich seit Jahren auf Schritt und Tritt, späht in meine Einkaufstasche, und alles in allem steckt sie ihre verrunzelte Nase in mein Junggesellenleben hinein. Angewidert schlussfolgerte ich, dass sie mich wahrscheinlich seit Beginn dieses Durcheinanders beobachtet und sich an meiner Schande weidet, ebenso an meinem unvollkommenen Körperbau, und aus Ohnmacht und Wut begann ich, zum Heiligen Lynyrd Skynyrd aus dem Sumpf zu beten, woraufhin Nick, als ein Vertreter der jüngeren Generation, sofort Kurt Cobain anrief, während der uninformierte Teenager neben ihm, wahrscheinlich derselbe, den ich hatte anschreien wollen, einen Gesang anstimmte, um den Geist Bob Dylans zu beschwören.

Damals überraschte mich das, aber heute verstehe ich, wie logisch es war, dass in der Befreiung der Masse ausgerechnet sie eine Schlüsselrolle spielen sollte: die goldbezahnte Personifizierung der sozialen Kontrolle im Namen äußerer Moral, meine unvermeidliche Vermieterin. Es war kalt geworden, und das Chaos wich punktuell vor der Kollektivschuld zurück, die der Redner anstachelte, indem er ununterbrochen mit dem Finger auf die, ohnehin katholische, Gemeinde zeigte. Wir verrenkten uns und knieten nieder, während er in seiner Propheteneloquenz von einem Thema zum anderen sprang und über die korrupte Moral der Stadt sprach sowie über unterschiedliche Sünden aus Vergangenheit und Gegenwart. Er hatte uns in der Hand. Dabei wussten wir nicht einmal, wer dieser Mann war und was der Scheiß sollte, wobei Nick behauptete, das Feeling sei wie bei einem Laibach-Konzert, wenn Peter Mlakar zu seinen Fans spricht. Allerdings zeigte sich, dass die schon seit je gewissensamputierte Vermieterin, deren Leben sich um Herd und fremde Schlüssellöcher drehte, immun war gegen Scham wie Kakerlaken gegen die Atombombe. Sie hatte geplant, Bohnen für morgen einzukochen, und so schrie sie los, aus allen Leibeskräften, und rief nach der Polizei, sie solle diesen Hochstapler verhaften, der mitten in der Nacht mit seinem Geschrei die anständigen Leute störte. Ohne Mikrofon, ohne Telefon gellte sie mit einer ungeahnten Kraft, sie wolle eine Anzeige machen, eine Anzeige wegen Lärmbelästigung und Störung der öffentlichen Ordnung. Wie meine verstorbene Großmutter, dachte ich. Widerwärtig, dumm, starrköpfig und durchaus in der Lage, die Alpen zu versetzen. Bald tauchten auf der Bühne tatsächlich zwei Polizisten auf und füllten einen Strafzettel wegen Lärmbelästigung aus, zweifellos in der üblichen Höhe von 60 Euro, woraufhin der Redner gehorsam von der Bühne verschwand. Und das war’s. Die Beine tauten wieder auf.

Und das ist alles?, fragte ich Nick, während wir uns vom Platz entfernten, an welchem wir noch vor fünf Minuten fest am Betonboden angewurzelt gewesen waren. Ich war ein wenig enttäuscht vom lauen Abschluss. Denn irgendwo tief im Inneren hatte ich immer schon radikale Veränderungen herbeigesehnt.

Alter, was hast du erwartet?, sagte mein neuer Freund, den ich in diesem ganzen Wahnsinn gewonnen hatte.