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MOLEcafé

Migration, Segregation, Integration

#02 2010 / Anil Dönmez

Die Schwierigkeiten der interkulturellen Kommunikation aus der Sicht eines Betroffenen.

Muslimische und türkischstämmige ImmigrantInnen erscheinen in Österreich in einem schlechten Licht. Großen Anteil daran haben – leider – die politischen Entwicklungen hierzulande und diverse medial produzierte Interpretationsschemata. Parallel dazu fehlt einem Großteil der österreichischen Bevölkerung auch das notwendige Hintergrundwissen über die Situation von MigrantInnen, damit ein entsprechendes Verständnis entstehen und ein anderes Bild von Migration gezeichnet werden kann.
Ich selbst stamme aus einer türkischen Gastarbeiterfamilie und gehöre damit zur so genannten zweiten Generation. Der Begriff Gastarbeiter war ab den 1960er Jahren die übliche Bezeichnung für Menschen, die nach Österreich geholt wurden, um den Mangel an Arbeitskräften zu kompensieren.
Doch was hatte diese Menschen überhaupt veranlasst, ihr Geburtsland zu verlassen? Im Fall der türkischen Gemeinschaft waren es vorwiegend finanzielle Probleme und fehlende Zukunftsperspektiven im eigenen Land. Viele sahen keine Chance auf ein angemessenes Leben mit einem halbwegs passablen Standard mehr. Da kam der Ruf Europas nach billigen Arbeitskräften gerade recht. Nicht die wohlhabende und gebildete Schicht verließ daraufhin ihr Heimatland, sondern vor allem Menschen ohne Schul- und Berufsausbildung gingen fort; Menschen aus Anatolien und dem Osten der Türkei; Menschen, die in kleinen Dörfern aufgewachsen waren, wo man sich das tägliche Brot mit Landwirtschaft und Viehzucht verdiente – ausschließlich Männer. „Wir haben nichts zu verlieren“ lautete der Grundsatz, mit dem sie ihre Reise antraten. Sie sollte ihnen möglichst schnell möglichst viel Geld einbringen, um – zurück in der Heimat – eine Existenz aufbauen zu können.
Nach einer langen bürokratischen Prozedur im Westen angekommen, wurden diese Menschen ohne jegliche Unterstützung – weder Sprachkurse noch Landes- oder Geschichtskunde – auf den Arbeitsmarkt geworfen, wo sie als Hilfsarbeiter in Fabriken oder bei Putzfirmen, hauptsächlich aber in der Bauindustrie landeten. Untergebracht wurden sie in Wohngemeinschaften in alten, baufälligen Gebäuden. Eine goldene Nase konnten sie sich als Hilfsarbeiter zwar nicht verdienen, aber bald schon hatten sie sich an die soziale Sicherheit (Sozialversicherung, Krankenstand, Urlaubsgeld) gewöhnt, die es in der Heimat nicht gab.
Spracherwerb?  Einige holten ab Mitte der 1970er Jahre Frau und Kinder nach, andere, die die Hoffnung zurückzukehren nicht aufgegeben hatten, schickten weiter Geld nach Hause und gaben sich jedes Jahr mit fünf Wochen Familie zufrieden.
Nach zehn Jahren im neuen Land hatte nur ein Bruchteil der EinwandererInnen Erfolge im Spracherwerb erzielen können, Deutsch wurde nur fehlerhaft und unvollständig gelernt: Im Arbeitsalltag wurde allgemein sehr wenig gesprochen und wenn, dann „Türkendeutsch“. Sätze wie „Du holen Schubkarre!“, „Du machen!“, „Dir gefallen Österreich? Schöne Land, ha?“ waren nicht gerade hilfreich. Die erheblichen Unterschiede in Grammatik und Rechtschreibung, die zwischen Türkisch und Deutsch bestehen, konnten ohne einen gezielten Sprachkurs kaum überwunden werden.
Sprachliche Defizite setzten sich auch im Privaten fort. Nur ein geringer Teil der migrantischen Familien hatte regelmäßigen Kontakt zu ÖsterreicherInnen. So bildeten sich aufgrund gemeinsamer Sprache, Religion und Mentalität geschlossene türkischstämmige Gruppen. Hausfrauen hatten gegenüber den arbeitenden Männern noch weniger Chancen, Deutsch zu lernen, sodass auch die Kinder bis zum Schuleintritt eher Türkisch sprachen. Nur in den wenigsten Familien gab es eine Lesekultur, weil die Eltern schon keine gute Ausbildung in ihrer Muttersprache erhalten hatten. Richtig Türkisch lernten deshalb auch nur diejenigen Kinder, die noch in der Türkei die Schule besucht hatten, die in Österreich geborenen lernten zumeist nicht die türkische Hochsprache, sondern einen der Dialekte. Bevor die Kinder also ihre Muttersprache richtig gelernt hatten, mussten sie sich schon der nächsten Sprache widmen.
Als die ersten Gastarbeiterkinder in Österreich die Schule besuchten, gab es noch kein Modell zur Integration und Sprachförderung. Man kann vielmehr von einer Assimilationstendenz ohne Konzept sprechen. Das erste Modell, das ich in meiner Volksschulzeit miterlebte, war die Segregation der Kinder mit nicht deutscher Muttersprache von den übrigen. In isolierten Gruppen wurde versucht, Deutsch zu lehren, laut Unterrichtsministerium mit mäßigem Erfolg, woraufhin dieses Modell auch eingestellt wurde. Muttersprachenunterricht erhielt ich durch einen Lehrer aus der Türkei. Ich besuchte diesen Kurs zwei Jahre während der Volksschule und lernte die Basis der türkischen Orthografie und Grammatik. Meiner Meinung nach war das ein sehr wichtiger Schritt, denn viele türkische Kinder konnten ihre Muttersprache nur sprechen und lesen, aber weder schreiben noch verstehen. Aber auch dieser Unterricht wurde eingestellt. Seinen Platz nahm der Islamunterricht ein, der bis zum jetzigen Zeitpunkt fortgeführt wird.
Zurzeit wird ein „Integrationsmodell“ angewandt: Unterricht in heterogenen Gruppen. Die SchülerInnen sollen sich ergänzen, das „Anderssein“ soll als Vorteil angesehen werden. Man kann unschwer erkennen, dass es in Österreich eine steigende Tendenz dazu gibt, die Verantwortung für die Erziehung einseitig den Schulen zu übertragen. Wie InländerInnen gehen auch Migrantenfamilien davon aus, dass Bildung und Erziehung ausschließlich in den Schulen erfolgt.
Meine Eltern bemühten sich sehr, ihren Kindern eine gute (Aus-)Bildung zu ermöglichen. Auch hatte ich das Glück, im ländlichen Bereich aufzuwachsen. Als mein Vater nach Tirol in eine Gemeinde mit 4.000 EinwohnerInnen kam, war er der erste „Ausländer“, der sich dort niederließ. Er wurde entweder von Anfang an abgelehnt und gemieden oder aber mit offenen Armen empfangen und als etwas Besonderes betrachtet. Ihm war klar, dass er sich anpassen und sich so gut wie möglich in die Gesellschaft eingliedern musste. Mein Freundeskreis beschränkte sich auf ÖsterreicherInnen und meine Familie schaffte es, unsere Herkunft in unser Umfeld zu integrieren. Es war ein gegenseitiges Geben und Nehmen mit Toleranz und Akzeptanz.
Gegenwärtig fällt auf, dass die Anzahl türkischstämmiger MigrantInnen gestiegen ist und durch die vergrößerte Gruppe die Isolation leichter fällt. Ab der zweiten Generation kam es eher zu Situationen der Konzentration türkischstämmiger MigrantInnen: in bestimmten Schulen, in Wohngebieten und an Arbeitsplätzen.
In der Regel beginnt die Masse der türkischstämmigen Jugendlichen nach der Pflichtschule eine Lehre, um im Gegensatz zu den Eltern einen qualifizierten Beruf zu erlernen. Bei den männlichen Jugendlichen sind es meist handwerkliche Berufe wie Maurer, Maler, Elektriker, Installateur, Frauen machen häufig eine Ausbildung als Arzthelferin, Friseurin oder Verkäuferin. Ein kleinerer Teil spart sich die Lehre und steigt direkt in die Arbeitswelt ein, um eigenes Geld zu verdienen. Der geringste Anteil (Tendenz steigend) jedoch maturiert und beginnt ein Studium, dabei handelt es sich vorwiegend um „angesehene“ Ausbildungen wie Rechtswissenschaften, BWL oder Medizin.

Über den eigenen Schatten springen. Bei den meisten StudentInnen ist der Wunsch der Eltern für ihre Studienwahl ausschlaggebend. Sie stehen unter großem Erfolgsdruck und man hat oft das Gefühl, dass die Eltern über die Kinder erreichen wollen, was sie selbst nicht geschafft haben: Ansehen, finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit. Auch bei der Wahl meines Studiums spielten diese Überlegungen eine Rolle, jedoch hätten es meine Eltern sehr wohl akzeptiert, wenn ich eine andere Ausbildung angestrebt hätte. Aufgrund der sozialen Situation ist das bei vielen türkischen StudentInnen anders. Ich habe sehr oft das Gefühl, dass die Familien das Studieren gerne fördern und unterstützen, aber nicht verstehen, dass mit dem Studium ein großer Lern- und Arbeitsaufwand verbunden ist.
Als große Hürde für die Integration wird in Medien und Politik gerne der unterschiedliche kulturelle und religiöse Hintergrund von ÖsterreicherInnen und MigrantInnen angegeben. Das ist der offensichtlichste Grund, den man anführen kann, aber es muss klar sein, dass Integration ein sehr viel komplexeres Feld ist, das alle Beteiligten fordert. Beide Seiten müssen ihre Vorurteile hinterfragen und wohl auch oft über ihren Schatten springen. Man sollte sich als ÖsterreicherIn nicht einfach ausgehend von den in Österreich lebenden TürkInnen ein stereotypes Bild über türkische Lebensformen machen, sondern eher einen Besuch der Türkei abseits von All-inclusive-Clubs wagen. Dazu bietet sich Istanbul als diesjährige europäische Kulturhauptstadt ganz besonders an.