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MOLEcafé

Partizipation: Nur ein Lippenbekenntnis?

#02 2010 / Robert Gander

Warum Kunstinstitutionen schon im eigenen Interesse mit den Menschen und nicht nur für sie arbeiten sollten.

Kann Kunst die Welt zum Besseren verändern? Nein, wohl kaum. Das Kunstwerk per se bewirkt gar nichts. Es nimmt so und so viele Laufmeter Regal in Anspruch, so und so viele Quadratmeter Leinwand. Doch wenn eine Auseinandersetzung des Menschen mit Kunst stattfindet,
kann sie viel, kann den Menschen zum Denken anregen, schmerzhaft oder lustvoll sein. In der Betrachtung werden Fragen aufgeworfen, Probleme aus anderen, neuen Perspektiven erörtert, Wahrnehmungsgewohnheiten und Evidenzen hinterfragt. Schlussendlich kann der Mensch dadurch zu einem reflektierter und kritischer denkenden Wesen werden.
Verkürzt formuliert, kann die Begegnung mit Kunst die Welt sehr wohl verbessern. Indem der Mensch seine Position in dieser Welt und sein Verhältnis zu den Menschen, Dingen und Vorgängen in ihr in Frage stellt, wird er zu jemandem, der Verantwortung übernimmt. PolitikerInnen und ÖkonomInnen würden sagen: Kunst fördert unsere Kreativität und Innovationskraft.
In diesem Zusammenhang stellt sich nun die entscheidende Frage: Wie bringt man Menschen dazu, sich mit Kunst auseinanderzusetzen? Und: Wer soll dieses „man“ sein? Reicht es nicht, dass dieses plus/minus eine Prozent der Bevölkerung an zeitgenössischer Kunst und Kultur aktiv partizipiert? Ist es nicht ausreichend, dass aktuelle Theateraufführungen und Lesungen, Museen und Galerien für zeitgenössische Kunst prinzipiell nicht mehr nur den Eliten, sondern allen BürgerInnen offenstehen?

Demokratisierung. Im Laufe des 20. Jahrhunderts kam es zu einer Demokratisierung der Kunst. Der Phase des humanistischen Bildungsideals und der Volksbildung in der ersten Hälfte des Jahrhunderts folgten nach dem Zweiten Weltkrieg der Abbau von Zugangsbeschränkungen und die Maxime der freien, eigenen Wahl. Es stimmt natürlich, dass in unseren Breiten niemandem der Zugang zu Kunst verwehrt, durch Fördermaßnahmen auch sozial Schwächeren der Konsum einer Theateraufführung oder Ausstellung ermöglicht wird. Trotzdem handelt es sich in den meisten Fällen kulturellen Angebots um eine Einbahnstraße: Es gibt jene, die anbieten und die Inhalte vorgeben, und es gibt die anderen, die BesucherInnen, die dieses Angebot in Anspruch nehmen – oder eben auch nicht. Die proklamierte freie Wahl darf bezweifelt werden.
Mittlerweile existieren in den verschiedensten Bereichen Bestrebungen, diese Strukturen, die nach dem Prinzip Anbieter / Konsument, Sender / Empfänger funktionieren, aufzubrechen. Das Schlagwort heißt „Partizipation“. Teilhabe ist die dritte Phase dieses Demokratisierungsprozesses und sie unterscheidet sich von der Volksbildung und vom freien Zugang dadurch, dass sich die Menschen, verstärkt durch die Erfahrungen im Umgang mit dem Web 2.0, einer Bevormundung zusehends entziehen und aktiv werden.
Es sind zumeist kleinere Institutionen und Initiativen, die in einen Austausch mit ihrem Publikum treten. In ihnen gibt es keine vorgekaute Programmgestaltung mehr, keine Autorität, der die Anerkennung seitens des Kulturbetriebs genügt, solange die Zahl der stummen BesucherInnen passabel ist. Es werden Modelle entwickelt, die aufgrund gegenseitiger Wertschätzung und Anteilnahme an den Interessen, Bedürfnissen und Kompetenzen des/der jeweils anderen Begegnungen ermöglichen und hierarchische Strukturen auflösen. Partizipative Beteiligungsformen fangen beim Mitreden an und gehen über das Mitwirken zum Mitentscheiden.
Wenn beispielsweise ein Museum in Schweden TaxilenkerInnen als Keyworker ausbildet, indem sie diese ins Museum einlädt, Workshops und Seminare für sie und gemeinsam mit ihnen entwickelt, entsteht ein Austauschprozess, von dem schlussendlich beide Seiten profitieren. Den DirektorInnen muss es doch gefallen, wenn sich TaxifahrerInnen mit den Inhalten „ihres“ Museums auseinandersetzen, sich mit ihm identifizieren und mit den Fahrgästen, die sie vom Flughafen abholen, nicht über das Wetter, sondern über die aktuelle Ausstellung zeitgenössischer Kunst reden – weil sie Teil der Organisationsstruktur sind.
Funktionieren können solche Ansätze nur, wenn Zeit und damit (anfangs) Geld investiert wird. Doch entwickelt sich in der Bevölkerung erst ein Bewusstsein für die Möglichkeit der Partizipation an kulturellen Prozessen und der Mitbestimmung des Diskurses, dann wirken diese Bestrebungen dauerhaft und bekommen eine Eigendynamik. Die Förderung von kultureller Mitsprache und Entscheidungskompetenz bewirkt schlussendlich eine Redelegation von Macht an den/die BürgerIn und ist ein Baustein zur Entwicklung von Verantwortung für sich und die Mitmenschen. Kulturelle Partizipation (und Bildung) fördern Toleranz und Verantwortungsbewusstsein, notwendige Faktoren für ein funktionierendes Zusammenleben, welche auszubilden jedoch vielen Menschen im Alltag durch entfremdende und spezialisierende Arbeits- und Lebensverhältnisse schwerfällt.
Ein Umdenken der Theater- und MuseumsdirektorInnen, der GeschäftsführerInnen und AusstellungsmacherInnen ist gefragt. Die Umwidmung der einen oder anderen teuren Anzeigenschaltung in Projekte für Bürgerbeteiligung dürfte sich mittelfristig für die Institutionen auch aus ökonomischer Sicht lohnen, da diese das Publikum längerfristig binden und zu regelmäßigem Besuch veranlassen.

Die eigene Macht wahrnehmen  Eines ist klar: Die Initiative muss anfangs, freilich neben konkreten Kunstprojekten (siehe z. B. die PreisträgerInnen von TKI open 10), von den Kunst- und Kultureinrichtungen selbst ausgehen. Sie würden der immer wieder artikulierten Vorstellung, Orte der Kommunikation und des Austausches zu sein, verstärkt entsprechen und dadurch auch die Politik in Zugzwang bringen. Denn die wenigsten politischen RepräsentantInnen werden Orten, die sich quer durch alle sozialen Schichten großer Beliebtheit erfreuen und es den Menschen ermöglichen, aktiv und gestaltend mitzuwirken, Subventionen kürzen. Kommen genügend BürgerInnen zusammen, erlangen sie Macht und bestimmen schlussendlich die Gestaltung ihrer Umwelt mit. Wer sollte das auf politischer Ebene, den Blick auf die nächsten Wahlen gerichtet, unterbinden wollen?
Die große Angst seitens der Politik, Macht zu verlieren, wenn sie den BürgerInnen Entscheidungskompetenzen überträgt, ist unbegründet. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Stadt Porto Alegre im Süden Brasiliens. Dort wurde ein repräsentatives Top-down-System durch ein System ersetzt, das die Grundlagen partizipativer Demokratie in hohem Maße umsetzt. Die aktive Bürgerbeteiligung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, von der Erstellung des Budgethaushaltes bis hin zur Entscheidung über Bildungs- und Kulturprojekte, hat zu einer signifikanten infrastrukturellen und sozialen Verbesserung quer durch alle Schichten geführt. Rückwirkend, das beweist ihre Wiederwahl, erhöhte dadurch auch die Regierung ihre Legitimation. Und das wäre in Europa ebenfalls wünschenswert. Wenn es hier auch nicht in erster Linie um Wege aus der Armut geht, so geht es doch darum, politisches und kulturelles Bewusstsein zu wecken, die eigene Macht wahrzunehmen, die fortschreitende Individualisierung zu überwinden und Gemeinschaftssinn auszubilden. Kunst und Kultur können dabei eine ganz entscheidende Rolle spielen.