Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Provinz + Avantgarde

#02 2010 / Simon Welebil

Der Verein MusikKultur St.Johann bringt die Unterländer Gemeinde auf die kulturelle Landkarte.

Der Verein MusikKultur (MuKu) St. Johann ist eine der aktivsten regionalen Kulturinitiativen in Österreich, die mit der Alten Gerberei ein Veranstaltungszentrum sein Eigen nennen kann. Pro Jahr führen die zwei fest angestellten und ca. 45 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen des Vereins darin über hundert Eigenveranstaltungen neben einer ähnlichen Anzahl an Fremdveranstaltungen durch. Um so weit zu kommen, mussten allerdings einige Hindernisse überwunden werden.
Die Geschichte der MuKu begann 1992 durchaus bescheiden, mit der Idee von sieben FreundInnen, jährlich sieben Konzerte im Bereich Free Jazz zu veranstalten. Was für Städte wie Innsbruck oder Wien höchstens zur Randnotiz in den Zeitungen gereicht hätte, war für die Marktgemeinde St. Johann umso bemerkenswerter: Mitten in der vom Tourismus geprägten Provinz sollte eine avantgardistische Kunstform etabliert werden. Um es sich noch einfacher zu machen, entschied man sich gegen das leicht zu Konsumierende und setzte auf höchste künstlerische Qualität.

Raumnöte. Mangels eines Veranstaltungszentrums in St. Johann wurden von Gasthäusern bis zu Turnsälen alle möglichen Orte in der Marktgemeinde bespielt. Dies setzte sich auch fort, als gesellschaftspolitische Kunstprojekte in die Hand genommen, 1994 eine eigene Arbeitsgruppe für Kinderkultur und drei Jahre später eine Projektgruppe für Film ins Leben gerufen wurde. Mit der fiktiven Eröffnung eines Kulturzentrums oder der Namensgebung der Filmreihe, Kino ohne Heimat, versuchte der Verein, auf seine Raummisere aufmerksam zu machen.
Erst 1999 hatte die Wanderschaft des Vereins ein Ende, als das Programm der MuKu mit den Visionen eines Kulturmäzens zusammentraf. Dieser, der Eigentümer der Alten Gerberei, plante nämlich, auf dem 4.000 m² großen Areal ein Kulturzentrum zu errichten. Mangels eigenen Programms fand zusammen, was zusammengehörte, das Haus und der Verein, die Alte Gerberei und die MuKu.
Auf den Glücksfall folgte allerdings ein Rückschlag: Der Mäzen verstarb kurz nach der Eröffnung unerwartet und das mit Schulden belastete Grundstück sollte verkauft werden. Innerhalb von zwei Monaten musste der Verein MuKu eine Million Euro auftreiben, um seine Spielstätte zu retten. Nur durch massive Unterstützungen von Land Tirol und Gemeinde
St. Johann, den persönlichen Einsatz der Mitglieder und die Abtretung von Teilen des Grundstücks an den Montessori-Verein und eine Wohnbaugesellschaft konnte diese Summe gestemmt werden. Dafür ist der Verein seit 2002 auch Eigentümer der Alten Gerberei. Das Publikum für das spezialisierte Programm der Musikschiene kommt zu einem großen Teil von außerhalb, aus dem Pinzgau und dem süddeutschen Raum, aber auch regionales Publikum wurde im Lauf der Zeit „herangezüchtet“. Workshops erleichterten den Zugang zu improvisierter Musik immens.
Schon früh hat man damit begonnen, Kinder in das Kulturprogramm einzubinden. Jeden Sommer versucht sich der aus der MuKu hervorgegangene Verein Trampolissimo darin, Kinder auf kreative Weise an moderne Kunst heranzuführen. Auf dem „Lehrplan“ der Sommerschule stehen Kurse zu Animationsfilm oder bildender Kunst, aber auch zu gesellschaftspolitischen Themen wie Rassismus.

Minimale Förderung. Artacts, das Festival für Jazz und Improvisierte Musik, ist einer der Höhepunkte im Veranstaltungsjahr der MuKu. Bei der Programmierung des Festivals wird immer auf die richtige Mischung geachtet: Österreichische KünstlerInnen treten neben internationalen MusikerInnen auf, Newcomer neben Stars. In den zehn Jahren seines Bestehens hat sich das Festival über Europas Grenzen hinaus einen exzellenten Ruf erarbeitet, was sich auch in den BesucherInnenzahlen des Festivals widerspiegelt: Meist ist es ausverkauft, über 80 % des Publikums kommen von außerhalb der Region. Workshops, gehalten von den internationalen KünstlerInnen, sollen auch hier den Anteil der lokalen BesucherInnen steigern. In den Workshops wird von den KünstlerInnen und TeilnehmerInnen gemeinsam eine Aufführung erarbeitet und noch während des Festivals auf die Bühne gebracht. So wird das lokale Publikum ins Festival eingebunden.
Beim Filmprogramm, dem Kino Monoplexx, stellen die Einheimischen die Mehrheit. Die MuKu versucht mit ihrer Filmschiene die Abwesenheit eines Programmkinos auszugleichen. Gezeigt werden überwiegend Art-House-Produktionen mit einem Regisseur-Special im Frühjahr und einem Themenschwerpunkt im Herbst. Zehn Tage im Juli und August wird zudem das Kino ins Freie verlegt und zum Lunaplexx. Nach Unstimmigkeiten mit der Gemeinde St. Johann fanden die Open-Air-Veranstaltungen schon letztes Jahr im Nachbarort Oberndorf statt.
Unzufriedenheit mit der Gemeinde herrscht auch in Bezug auf die – nur minimale – Kulturförderung. Im österreichweiten Vergleich der Gemeindezuwendungen für Kulturvereine in ähnlicher Größe befindet sich die MuKu mit Abstand an letzter Stelle. Dies mag ein Grund für das budgetäre Minus von 15.000 Euro sein, das den Verein im letzten Jahr gezwungen hat, die Notbremse zu ziehen und den Betrieb für zwei Monate einzustellen, auch um ein politisches Signal zu setzen.
Trotz finanzieller Schwierigkeiten gibt es Ausbaupläne für die Alte Gerberei: Neben einem Kaffeehaus soll im ersten Stock des Gebäudes ein Atelier entstehen, das GastkünstlerInnen für jeweils zwei Monate eine Arbeitsmöglichkeit geben soll. Idealerweise soll diese Vision, die Alte Gerberei in ein KünstlerInnenhaus zu verwandeln, 2011 umgesetzt werden.