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MOLEcafé

Punkt C

#02 2010 / Barbara Pflanzner

Projekte an der Schnittstelle zwischen Architektur und Kunst.

Die drei ArchitektInnen Simon Oberhammer, Julia Stefanie Meyer und Donat Aurel Grissemann verstehen sich als projektbezogene Gruppierung. Der Name ihrer Projektsammlung lautet in Anlehnung an die mathematische Formel, nach der eine Kurve über einen außen liegenden Punkt bestimmt wird, schlicht PUNKT C.
Alles begann 2006 mit einem Projektentwurf für die Lehrveranstaltung Hochbau II an der Universität Innsbruck, mit dem die drei ArchitektInnen beim Wettbewerb Textile Strukturen für neues Bauen den ersten Preis gewannen. Die positive Rückmeldung war schließlich der Anlass, über den universitären Kontext hinaus Projekte zu konzipieren. Bereits im Jahr 2008 realisierten Simon Oberhammer und Donat Aurel Grissemann mit ihrer Arbeit Tiroler Gespinst eine Ausstellung im A trans Pavilion in Berlin. Für den Zeitraum der Schau fungierte der Ausstellungsort als Webstuhl, mit dessen Hilfe ein gewebtes Haus entstand.
Die Idee textiler Bauten zeigt sich ebenfalls im 2009 umgesetzten Projekt Textiler Holzbau, das alle drei erarbeiteten. Dabei handelt es sich um einen Prototypen, der die Möglichkeiten eines gewebten Holzhauses überprüft. Als Baumaterial wurden Weidenzweige verwendet. Die Fragestellungen lauteten, ob eine Umsetzung mit dem unkonventionellen Baustoff überhaupt möglich ist und wie sich die Übersetzung einer computergenerierten Form in ein reales Objekt schließlich vollzieht. Die Verwendung dieses Materials brachte ungewohnte Problemstellungen mit sich: Die Statik des Bauwerks basiert im Unterschied zu der eines „normalen“ Bauwerks nur auf Berührungspunkten, die durch das Flechten entstehen. Potenziell kann sich also jeder Punkt verschieben. „Das ist eine sehr unübliche Bauweise, denn normalerweise gibt es fixe Stellen oder Knoten im Tragwerk, die genau das nicht tun“, erklärt Simon Oberhammer. Abhängig von diesen Rahmenbedingungen entwickelte sich eine freie Form als Vorschlag für eine alternative Architektur.

Netz aus Verweisen. Ähnliche Fragestellungen, wie sie bei der Arbeit Textiler Holzbau im Vordergrund standen, lagen auch dem jüngsten Projekt Penelope zugrunde, das unlängst im Rahmen der Premierentage 09 präsentiert wurde. Als Arbeitsmaterial diente Julia Stefanie Meyer und Simon Oberhammer afrikanischer Hanf, aus dem sie eine begehbare Rauminstallation webten. Der Fokus bei diesem Projekt lag in erster Linie auf der Prozesshaftigkeit, die wie ein Skript zum Bau einer textilen Gebäudestruktur gelesen werden kann und die auf allen Ebenen thematisiert wird. Analog dazu arbeiteten die beiden Architekten bei diesem Projekt mit einem Netz aus Verweisen: Der Name der griechischen Prinzessin und Ehefrau des Odysseus setzt sich aus pēnē = Gewebe und lépein = abreißen/auflösen zusammen. Er steht tautologisch für die Geschichte aus der griechischen Mythologie, in welcher Penelope während der Abwesenheit ihres Mannes einer neuerlichen Heirat nur entgeht, indem sie vorgibt, erst das Totenhemd für ihren Schwiegervater fertig stellen zu müssen und das tagsüber Gewebte jede Nacht wieder auflöst. Dementsprechend steht auch bei Penelope dem Prozess des Verwebens der Prozess des Auflösens gegenüber: Der Vorgang des Bauens wurde von Günter Richard Wett filmisch festgehalten. Nach der Fertigstellung des Objekts wurde der Film auf zehn Minuten komprimiert und bei der Ausstellung durchgehend vorwärts und rückwärts abgespielt.
Bei aller Unterschiedlichkeit der Projekte und Konstellation der beteiligten Personen lässt sich doch eine gemeinsame Handschrift ausmachen: Bei sämtlichen Arbeiten geht es in erster Linie um die Prozesshaftigkeit des Bauens, um die Übersetzung eines Konzepts und darum, den Raum zu erobern. Im Prozess der Formwerdung entsteht mit ausschließlich traditioneller handwerklicher Technik, ohne maschinelle Hilfe, ein textiler Raum.
Ebenso wichtig wie der Herstellungsvorgang ist die Form des Endprodukts. Diese ergibt sich einerseits durch die Eigenschaften des Baustoffs, andererseits durch die textile Bauweise. Mithilfe dieser Technik kann aus einer potenziell unendlich langen Linie eine organische Form gebildet werden, die fast den Eindruck eines Kokons hervorruft. Donat Aurel Grissemann: „Es ist prinzipiell eine sehr introvertierte Technik, weil sie durch den Gebrauch des Körpers so persönlich ist.“ Das Zusammenspiel von Material, Oberflächenstruktur, Form und Maßstab macht auch den besonderen Reiz für das Publikum aus: „Unsere Objekte sind nicht etwas Zerbrechliches oder eine heilige Form von Kunst, vor der man nur stehen und die man nur betrachten darf, sondern etwas zum Anfassen, zum Reingehen im besten Fall.“
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Nachleben der vorgestellten Projekte – jede Arbeit wurde in einen anderen Kontext des täglichen Lebens integriert: Der Textile Holzbau bekam ein zweites Leben als Gartenhäuschen, das Tiroler Gespinst hängt bereits im Geschäft eines Modedesigners in Berlin, und Penelope wird im neuen Gymnasium in der Höttinger Au permanent präsentiert.