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MOLEcafé

Sein und Werden

#02 2010 / Jens Nicklas

Ich & Welt des Tiroler Regisseurs Daniel Pöhacker ist ein Porträt von Kindern und Jugendlichen in Tirol. Doch der Film ist noch viel mehr: eine Meditation über die Herstellung erzählerischer Nähe und Distanz durch das montierte Filmbild.

Wenn Erwachsene Kinderwelten beobachten, ist ihr Blick allzu oft getrübt. Eigene Wertungen, pädagogischer oder didaktischer Eifer verhindern dann, eine Wirklichkeit wahrzunehmen, die nicht nur vielfältig und komplex, sondern auch schwieriger einzuordnen ist, als man zugeben möchte. Für KünstlerInnen gehört es zum Heikelsten, eine Performance, einen Film, einen Text mit und über, aber nicht notwendigerweise für Kinder zu schaffen. Welche Strategie wählen, um Klischees zu vermeiden, wie umgehen mit der Verantwortung, Kinder darzustellen, wie verhindern, dass sie bloß ausgestellt oder gar definiert werden, kurz: Wie eine Offenheit in Form und Inhalt erreichen, die nicht beliebig scheint, sondern sowohl den Augenblick des Kindseins respektvoll abbildet als auch diesen Augenblick als Kern jener (täglichen) Veränderung begreift, die Kindsein ja bedeutet?
Der Tiroler Filmemacher Daniel Pöhacker hat in Ich & Welt eindrucksvolle Antworten auf diese Fragen gefunden, indem er größtmögliche formale Strenge mit einer Empathie des Blickes verbindet, die im aktuellen Dokumentarfilm ihresgleichen sucht. Entstanden als Auftragswerk für ubuntu, die Kulturinitiative von SOS-Kinderdorf, stellt der Film in einem Prolog und acht Kapiteln Tiroler Kinder und Jugendliche vor. Dass sich Ich & Welt so vergnüglich, poetisch und faszinierend präsentiert, ist einem geglückten Dialog zwischen Filmemacher und ProtagonistInnen geschuldet. Dieser führt Regie, filmt und montiert das Material; jene sprechen, zeigen und stellen sich dar. Aus dem Dialog, aus diesem Ich und Du entsteht zunächst ein Wir und daraus eine Mitte: die titelgebende Welt.
Diese begriffliche Dreiteilung überführt Pöhacker in seinem Film in eine visuelle. Die Leinwand wird gedrittelt, d. h. mithilfe von drei Projektoren sehen die ZuseherInnen gleichzeitig jeweils drei Bilder. Eines links, eines in der Mitte, eines rechts: ein filmisches Triptychon. Der Blick des Publikums pendelt, verweilt einmal länger, geht wieder zurück – und ist doch nie überfordert. Denn in Ich & Welt bekommen diese Blicke zuerst einmal Zeit zugestanden: Kaum ein Bild wird kürzer als acht Sekunden gehalten, oft sind es 15 oder mehr. Außerdem sind es verwandte Bilder, also solche, die dasselbe Objekt aus verschiedenen Perspektiven zeigen, die zeitlich minimal verschoben sind, die eine etwas andere Ausschnittsgröße wählen, einen etwas anderen Winkel. Oder aber die Bilder wiederholen sich, wandern manchmal von links nach rechts oder zurück. Unterstützt durch eine lenkende Tonspur gibt dieser Rhythmus, geben diese ähnlichen Bilder zuerst einmal Orientierung. Auf einer zweiten Ebene ziehen sie aber Aufmerksamkeit auf sich selbst, auf ihren Bildstatus. So spielt der Regisseur damit, dass im Dokumentarfilm Bilder normalerweise eindeutig sein, dass sie repräsentieren müssen. Pöhackers polyvalente Bilder sind jedoch der Realität näher, weil sie Linearität aufbrechen und so den Faktor Zeit (durch Wiederholung) ebenso berücksichtigen wie den veränderten Kontext (durch die Nachbarschaft zu neuen Bildern). Dadurch entsteht nicht nur ein kompletteres Sehen, sondern nicht selten auch Komik und Ironie.

Krankheit, Haustiere, Sport. Denn kurzweiliges – und eben auch mehrdeutiges – Erzählen ist eine Frage des richtigen Verhältnisses von Variation und Repetition. Und so lässt sich erklären, dass der Humor, der Ich & Welt obendrein auszeichnet, eben in seiner Struktur begründet liegt, in seiner Form. Auch wenn er – natürlich – von den Bildern und den ProtagonistInnen geliefert wird. Einige der Kinder und Jugendlichen werden zunächst durch ihr Tun vorgestellt, andere sprechen über sich selbst, immer sieht man sie sowohl zu Hause als auch bei Arbeit oder Spiel, bei einer wichtigen Freizeitaktivität. Das Umfeld, die Außenwelt also, beschreibt die Kinder ebenso wie die Sprache, die Innenwelt.
Jennifer, 15, berichtet von ihren Träumen und Ängsten und davon, dass sich ihr Bruder einen Husky und sie sich einen Yorkshire Terrier wünschte. Der Bruder erkrankte an Leukämie und bekam seinen Hund – der wurde ihm aber rasch egal. „Jetzt hamma halt an Husky“, meint Jennifer lakonisch und bricht damit ganz einfach die emotionale Schwere auf, die durch das Thema Leukämie entstanden ist. Später wird die 8-jährige Tabea abgeklärt sagen: „I leb’ eigentlich guat“, und der 10-jährige Stefan, der problemlos und gelassen das Wort Bezirksjungschützenschießleistungsabzeichen ausspricht: „A ruhige Hand hab i g’habt an dem Tag. Aber viel war a Glück – ’s meischte.“
Der 10-jährige Bauernbub Romed schildert seinen typischen Tag, während er einen Hallenkran bedient, dann sieht man ihn beim Fußballspielen. Also Thema Sport. Cut auf schwarz in Bild eins, Cut auf schwarz in Bild zwei, langsame Abblende in Bild drei. Auf den kurzen Schwarzblock folgt die 8-jährige Anna. Auch sie ist beim Sport zu sehen, erzählt von ihrem Berufswunsch Biathletin und meint: „Wenn ich dann viel Geld verdiene, will ich einen Bauernhof kaufen.“ Und so gibt es zwischen Romed und Anna nicht nur die Überleitung Sport, sondern auch eine gemeinsame Klammer, den Bauernhof. Gleichzeitig wird das Klischee umschifft: Auch ein Mädchen wie Anna träumt vom eigenen Bauernhof.
Das letzte Bild in der Anna-Geschichte ist dann wieder eine Abblende, und so kennzeichnet Pöhacker alle Übergänge zwischen den ProtagonistInnen: Cut. Cut. Fade-out – und Cut auf Bild eins der neuen Geschichte. Die Dreiteilung der Leinwand erlaubt ihm dabei, mit der Reihenfolge der Bilder zu spielen. So sieht man etwa, wie Anna einen Leichtathletikbewerb gewinnt und auf dem Podest ganz oben steht. Dem entspricht die Schnittreihenfolge: Zuerst erfolgt der Schnitt im linken Bild auf schwarz, dann im rechten, schließlich die Abblende in der Mitte – die Platzierung auf dem Podest funktioniert hier als Regel für den Filmschnitt. Dziga Vertov hätte seine Freude.

Die Zurückhaltung des Filmemachers ine weitere bildliche Überleitung, die Sprachliches und Bildliches miteinander verbindet, ist charakteristisch für die Intelligenz von Ich & Welt, dafür, wie sich Daniel Pöhacker einfühlt in seine „DarstellerInnen“ und wie behutsam und reflektiert er mit der Verantwortung, Biografien abzubilden, umgeht. Hier malen Kinder mit Kreiden auf den Steinboden – ein unbeschwertes Spiel und ein Sinnbild für eine glückliche Kindheit; der unmerkliche Szenenwechsel führt wieder zu Kreidegekritzel auf dem Boden, doch daneben ist nun der 18-jährige Mozaffar zu sehen, ein unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan: „Na, wir reden nie über Vergangenheit.“ Und wieder fällt hier die Zurückhaltung des Filmemachers auf (die übrigens vorher auch dem Schützenumfeld zuteil wurde), dieses Sich-Einlassen auf sein Umfeld, das Grundlage ist für ein Schauen jenseits des Gewohnten. Daraus entstehen Überraschungen, Geschenke. So wie das Essen, das Mozaffar und seine Freunde zubereiten und zu dem sie das Filmteam – nie zu sehen, aber nun erstmals zu hören – einladen. Ein schönes, offenes Abschlussbild: das wartende Essen, festlich gedeckt, gemeinsam wird am Boden Platz genommen – ein Versprechen. 

Daniel Pöhacker wurde 1966 in Hall in Tirol geboren und lebt jetzt in Innsbruck, seinen Lebensmittelpunkt hat er nach wie vor in Tirol, sein filmisches Schaffen dreht sich um den Dokumentarfilm. Schon vor seinem Studium an der SFOF (Staatliche Fachschule für Optik und Fototechnik) Berlin in den 1980er Jahren arbeitete er als Kameraassistent, Schnittassistent und Tonmeister und hat seither bei zahlreichen Filmproduktionen als Cutter bzw. Kameramann mitgewirkt, u. a. mit Christian Berger, Sabine Derflinger, Niki List, Othmar Schmiderer und Markus Heltschl. Seit 1999 macht er eigene Regiearbeiten, darunter Almerer, Der Leib der bleibt am Kanapee, Leben im Sterben – Tiroler Hospiz-Gemeinschaft, Teatro Forma – Die soziale Kraft des Theaters und Ich & Welt. Pöhacker beschäftigt sich in seinen Filmen mit Menschen – den einfachen, oft unauffälligen und trotzdem doch so individuellen Charakteren, deren Besonderheiten er liebevoll zeichnet, sodass sich die ZuseherInnen mitreißen lassen und sich hineinfühlen in die Geschichten, die er erzählt.