Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

»That’s how similar artists are made«

#02 2010 / Martin Fritz

Quantitäten machen Qualitäten, das Netz krempelt unsere Welt um und die alte Tante Pop ist schon wieder ganz woanders – Wie (Pop-)Kultur im Web 2.0 organisiert wird.

Es ist merkwürdig, für Papier über das Netz zu schreiben. Denn 2009 wurde das mit einer neuen Versionsnummer versehene Internet mit der für hiesige Verhältnisse üblichen Verspätung sogar im deutschsprachigen Raum und dann sogar in Österreich so richtig ins Mainstream-Bewusstsein gehievt. Waren es im großen Bruderland Stichworte wie Zensursula und Piratenpartei, die das Buzzword wie die Sache Web2.0 popularisierten, so schaffte es auf unserer Insel der Seligen vielleicht als erstes #unibrennt in die Schlagzeilen der alten Medien und die Köpfe der sonst allem Neuen mit der Einheitsstrategie Aussitzen Begegnenden. Die kanonische Trias „Wikis, Blogs und Twitter“ muss inzwischen auch denen nicht mehr erklärt werden, die sonst Facebook mit dem Internet verwechseln. Nicht nur durch das tägliche Web-Journal des FM4-Journalisten Martin Blumenau zog sich das gar nicht so heimliche Generalthema, dass mit diesem so genannten Web 2.0 wohl umfassendere Umwälzungen auf uns längst schon zugekommen sind, als z. B. die mit diesen Möglichkeiten experimentierende studentische Protestkultur selbst es ahnte, geschweige denn vorführte. Und die war ja auch schon nicht schlecht.

Ebenso wenig wie die Welt, die es umkrempelt, lässt sich das ganze Web 2.0 erklären, und doch lassen sich Teilaspekte beschreiben, die ihren Teil zur Beschreibung auch des Ganzen beitragen. So lassen sich zum Beispiel im Bereich der Popkultur schon frühzeitig Entwicklungen zeigen, die später gesamtgesellschaftlich zu beobachten sind, sodass Pop zumindest retrospektiv als prophetisch erscheinen kann. Denn der fundamentale Umbruch in der Ordnung von Kultur durch die Neuen Medien blieb natürlich auch nicht vor (und schon gar nicht nach) Pop stehen. Betrachten wir also die jüngere Geschichte von Pop im Netz oder genauer gesagt: wiederum einen Teilaspekt davon.
„Wir haben damals sehr viel mit Napster rumgespielt und nach zwei Wochen ist uns aufgefallen, daß wir nichts Neues entdecken. Wir hatten alles runter geladen, was uns gefällt, und partout nichts Neues kennengelernt. Dann haben wir das Feature entdeckt, daß man die MP3-Sammlung, also eigentlich den ,Shared Folder‘ einer Person, auf Napster browsen kann. Diese Idee hat uns sehr inspiriert.“ (http://is.gd/7Liqi), erzählt Last.fm-Gründer Martin Stiksel vom (wieder einmal) Finden des so einfachen wie wirkmächtigen Grundgedankens: Wenn irgendjemand MP3s hat, die mir gefallen, dann gefällt mir vielleicht auch ihre restliche Musiksammlung. Einige Jahre später ist daraus eine der größten Web2.0-Anwendungen überhaupt geworden: Last.fm.
Das soziale Internetradio funktioniert folgendermaßen: Nach dem Einrichten eines Accounts sowie der Installation einer kleinen Software schickt ein Plug-in im Musikabspielprogramm (neuerdings auch bei portablen digitalen Musikabspielgeräten) die bei nahezu jedem Soundfile vorhandenen Meta-Informationen zu Artist, Song, Album etc. via Internetverbindung an die Datenbank von Last.fm. Last.fm speichert so die Hörgewohnheiten seiner zahlreichen UserInnen und errechnet daraus Regelmäßigkeiten, d. h. geht erstens davon aus, dass UserInnen, die Übereinstimmungen in einem Teil ihrer gehörten Songs haben, auch das restliche gehörte Repertoire der jeweils anderen UserInnen schätzen werden, und zweitens, dass verschiedene Musikstücke, die von derselben UserIn (bzw. von vielen UserInnen übereinstimmend) gehört werden, Ähnlichkeiten besitzen, also in der Folge auch von anderen UserInnen ähnlichen Geschmacks goutiert werden.
Last.fm erzeugt so eine gänzlich andere Ordnung der zahllosen Songs, die seine UserInnen hören, als es herkömmliche Genre-Kategorien taten. Last.fm funktioniert nach dem Prinzip, Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Artefakten, so etwas wie Stile oder Genres also, über den nicht weiter begründeten Geschmack eines HörerInnen-Kollektivs zu generieren statt aus von ExpertInnen bestimmten inhaltlichen, formalen oder kontextuellen Kriterien – ein Vorgehen, das zumindest in einem Sinn des Wortes Pop in Reinform ist, oder wie es Stiksel ausdrückt: „Ich sehe Musik heute ein bisschen wie eine Landkarte, in die man rein- und rauszoomen kann und auf der alles verknüpft wird: eigentlich also der Mainstream, der durch die zahllosen Nischen repräsentiert wird.“
(http://de-bug.de/mag/6734.html)
Einen ganz anderen Weg geht das Service Pandora.com, das derzeit nur in den USA zugänglich ist – nebenbei bemerkt ein weiteres Beispiel dafür, dass das Netz mittlerweile eben doch bei Weitem nicht so (in allen Nuancen des Begriffs) frei ist, wie es seine PionierInnen vor seiner Kommerzialisierung in den 1990er Jahren erhofft hatten. Bei Pandora analysierte jedenfalls ein Team von ExpertInnen eine Unmenge von Songs bis ins kleinste Detail, um musikalische Mikroelemente aufzuspüren (die Pandora-MusikwissenschaftlerInnen untersuchten bis zu 400 „distinct musical characteristics“ pro Song, was auch immer wir uns darunter ganz konkret vorzustellen haben), die die individuelle Beschaffenheit eines jeden Songs hinreichend und objektiv beschreibbar machen sollen. Mit diesem mit einer nicht uninteressanten Metapher The Music Genome Project getauften Verfahren erstellte das Pandora-Team „the most sophisticated taxonomy of musical information ever collected“, wie Pandora auf seiner Website prahlt. Gibt ein(e) UserIn auf Pandora also ihren Lieblingssong ein, so kennt Pandora das gewisse Etwas (präziser gesagt: die vielen kleinen gewissen Etwase), das den Song zu diesem Song macht und kann dazu automatisch Songs suchen und spielen, die aus ähnlichen Mikro-Bestandteilen bestehen und also auch insgesamt ebenfalls den persönlichen Geschmack der UserIn treffen werden.
In der Theorie klingt der Gedanke zwar anfechtbar, dass Musik nicht mehr als die Summe ihrer Teile sein soll (und immerhin benützen z. B. Die Ärzte dieselben Akkorde wie Tocotronic und doch trennen Welten diese Bands), in der Praxis soll Pandora dem Vernehmen nach jedoch ganz brauchbare Ergebnisse erzielen.

Während Pandora also vorgibt, die Beschaffenheit von ähnlichen Songs zu kennen, weiß Last.fm über die Songs selbst eigentlich gar nichts – nur über deren HörerInnen. Auf einer abstrakteren Ebene wird der Gegensatz klar zwischen einer von ExpertInnen nach so nachvollziehbaren wie dadurch auch angreifbaren Argumenten erstellten Taxonomie und einer ohne weitere Argumente nur durch Hörverhalten von vielen zusammengetragenen Geschmacksähnlichkeiten-Datenbank – oder um es im Web2.0-Jargon zu sagen, der Gegensatz zwischen content based und collaborative recommendation.
Beide haben bis zu einem gewissen Grad aber doch eines gemeinsam: Letztendlich sind es Algorithmen (die zwar bei Pandora auf durch von ExpertInnen erstellten, angeblich objektiven Daten aufbauen), die Ähnlichkeiten herstellen, die aus der unüberschaubaren Menge an Songs nach individuellem Geschmack aussuchen, und keine Menschen, wie es in der Zeit von liebevoll erstellten (und gerade in der Provinz lebensrettenden) Mixtapes der Fall war. Es sind maschinen- prozessierbare und -prozessierte Quantitäten (Häufigkeit eines gehörten Songs), die nur menschlich wahrnehmbare Qualitäten (subjektiver Geschmack, Genres) emulieren – Pop-Geschmack wurde digital.
Nun wird im Web und damit in der Welt aber längst nicht nur Pop(musik) so behandelt, auch Bücher, Gebrauchtwagen und weiß der Henker, was sonst noch, werden bereits so an die KundInnen gebracht, denen auch gefallen könnte, was KundInnen gekauft haben, die die gerade im Browser dargestellte Ware bereits ihr Eigen nennen. Nicht von ungefähr führt sogar Frank Schirrmacher mit seinem Buch Payback ein wirres Scharmützel gegen die Maschinen, die uns angeblich das Denken versauen und schließlich gänzlich abnehmen werden.
Dabei verhält sich die Sache gänzlich anders, profaner und positiver: Auf einer allgemeinen Ebene erscheinen Services wie Last.fm als Strategie für die Lösung des Problems der Unübersichtlichkeit bei zu vielen gleichzeitig vorhandenen Kulturgütern, das durch neu entwickelte Medien entsteht (wiederum auf beredte Weise ironisch ist es, dass Stiksel im oben zitierten Interview seine Intention genau gegensätzlich formulierte: Er wollte Neues aufspüren, statt sich Uninteressantes aussortieren zu lassen). Dies zeigte z. B. der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann schon am historischen Beispiel von Schrift und Buchdruck, als sich dort schon die Frage stellte, „wie man das Viele noch beobachten und ordnen kann“. (Niklas Luhmann: Schriften zu Kunst und Literatur. 2008. S. 152) Auf einmal waren so viele Bücher vorhanden, dass kein Mensch sie mehr alle lesen konnte und also allgemeine Auswahlkriterien entwickelt werden mussten, die bestimmen, welche Texte etwas taugen und an welche die Zeit nur verschwendet ist – das bekannte Netzwerk aus VerlegerInnen und sonstigen Gatekeepern entstand, das mittels seines guten Geschmacks entschied, was Kultur und was Schund ist.

Das Problem der Simultanpräsenz von zu vielem hat sich im Zuge der Digitalisierung von Musik sowie dem Aufkommen des Web2.0 (also der ubiquitären Verfügbarkeit beinahe aller jemals veröffentlichten Songs) unbestreitbar verdringlicht. Die Entwicklung von neuen Ähnlichkeits- bzw. Ordnungskriterien, wie sie z. B. Last.fm konstruiert, ist somit auch als eine nur logische Strategie eines Auswegs aus der daraus resultierenden „Komplexität, in der sich niemand mehr zurechtfindet“ (ebd.), beschreibbar. So erscheint auch die hängen gebliebene Platte des Verlegers Schirrmacher in einem anderen Licht, der verständlicherweise nicht darüber erfreut ist, dass es jetzt die Macht von allen und von Algorithmen ist, die Kultur organisiert, statt die einiger weniger. Abseits der Perspektive eines Abwehrkampfes kann es schlicht erfreulich wirken, dass uns Computer die Arbeit abnehmen, für die unsere Zeit zu schade ist, sodass wir mehr Zeit dafür haben, uns möglichst viel Schund und Popkultur reinzuziehen.
Und was macht die Popkultur inzwischen, die den Kelch, den jetzt alle auslöffeln, schon lang an sich vorbeiziehen hat lassen? Sie setzt die Teile von allem, was uns durch Algorithmen gesiebt erreicht, was als Stream an uns heranbrandet, neu zusammen. Sie produziert, remixt und matcht memes zusammen, die wie Viren selbstständig immer irgendwohin wuchern. Sie setzt Schönberg-Stücke aus den Einzeltönen von Videos zusammen, die Menschen ins Internet geladen haben und auf denen Katzen über Klaviertastaturen laufen (http://is.gd/7Td8B). Und das hören wir uns dann bei Last.fm 100.000 Mal an und bringen so die Algorithmen auf den Rechnern durcheinander und zum Tanzen. Es bleibt spannend in den alternative mainstreams des Netzes.