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West Punks

Zur Ur- und Frühgeschichte von Punk in Tirol und Vorarlberg

Vorarlberg goes Punk  Am Anfang war Chaos … Was sich liest wie der Einstieg in eine klassische Mythologie, ist der Beginn einer Revolte der Zeichen, die 1977 auch Feldkirch in Vorarlberg erreichte. Denn mit CHAOS gründete sich damals zwischen Häuslbauern und Textilindustrie die wahrscheinlich erste Punkband Österreichs, bestehend aus Franz, Slaughter, Galle und Chy. Während verkrustete Parteistrukturen, traditionelles Wertebewusstsein und das konsensbehaftete Erbe der verspäteten Langhaarigengeneration jede Entwicklung verhinderten, formierte sich mit den ersten Punks in der behüteten Provinz eine Frontguerilla für die Eroberung kreativer Freiräume, artikuliert in noch nie da gewesener Direktheit.
Die Punkwelle, die ab 1976 mit dem Erfolg der Sex Pistols über das europäische Festland hereinbrach, erreichte Vorarlberg überraschend schnell. Symbole der Arbeiterklasse, Zeichen der Devianz, gepaart mit kollagenartiger DIY-Ästhetik vermochten vom Status quo übersättigte Jugendliche zu begeistern. Slaughter, Bassist bei CHAOS sowie aktiver Punk der ersten und aktuellen Stunde, schildert im Gespräch die wichtige Rolle der Schweiz für die erste Kontaktaufnahme mit der neuen urbanen Subkultur.
Neben dem für damalige Verhältnisse sehr zeitgemäßen Radioformat Punk in London – Host François Mürner spielte damals den heißen Scheiß – war auch das bis heute existierende Plattengeschäft Bro Records in St. Gallen Andockstelle für die jungen Provinzpunks. Für den dortigen Plattenimport aus England glaubt der bis heute über Punk und dessen Ausläufer reflektierende und publizierende Lurker Grand mitverantwortlich zu sein, der sich als Swiss Punk der ersten Generation bei Bro Records nach dem neuen Sound erkundigte. Lurker, der 1976 über einen Artikel im damaligen Jugendaufklärungszentralorgan Bravo mit dem Trend aus England in Berührung kam, ist für die aufkommende Szene in Vorarlberg eine zentrale Figur. Als kreativer Motor der St. Galler Punkszene wurde er durch die räumliche Nähe gezwungenermaßen auf die beginnende Schuppenflechte der Vorarlberger Gemütlichkeit aufmerksam und organisierte den Einmarsch der CHAOS-Truppe aus dem „Kanton Übrig“ ins Schweizer Hoheitsgebiet. Slaughter winkt nach österreichischen Einflüssen befragt verächtlich mit der Hand ab. Und so spielten CHAOS, wenn nicht im bis heute in Feldkirch existierenden Jugendzentrum Graf Hugo, vornehmlich und bevorzugt vor Schweizer Publikum.
Franz Bröckel, Sänger bei CHAOS, übersiedelte Anfang der 1980er Jahre schließlich nach Wien und setzte dort seine musikalischen Aktivitäten mit der bereits in Vorarlberg gegründeten New-Wave-Truppe Passepartout fort, in der für kurze Zeit der spätere FM4-Mitbegründer Fritz Ostermayer am Synthesizer stand.
Der Innsbrucker Historiker Horst Schreiber, der seine Jugend in den 1970er Jahren in Vorarlberg verbrachte, schildert die damalige Stimmung im Ländle als ein Klima drückender Langeweile und erinnert sich an den auf die Entwicklung in der Schweiz bezogenen Graffitislogan „Züri brännt und Bludenz pennt“. Züri brännt war zugleich ein Songtitel der Schweizer Urpunkkapelle TNT und – unabhängig davon – auch das Motto der Anfang der 1980er in der Schweiz stattfindenden Jugendkrawalle.
Der damalige Koordinator der Freizeit- und Kommunikationszentren Bernhard Amann betont im Gespräch die politische Wüste im Vorarlberg der damaligen Zeit, in welcher die Forderung nach Offener Jugendarbeit stets auf taube Ohren stieß. Punk war laut Amann in seiner damaligen Form ein neues Statement im Kampf um längst fällige Freiräume. Da war es nur willkommen, dass sich Punks nicht auf Kompromisse und Debatten einließen, sondern einfach nahmen, was sie wollten.
Gern gesehen waren die Punks nicht wirklich, weitgehende Lokalverbote waren die Folge des neuen way of life. Und so traf man sich im Café Neustadt oder im Graf Hugo, wo man den Verantwortlichen den letzten Nerv raubte. Der Vorarlberger Fotograf Nikolaus Walter erinnert sich noch daran, Punks auch im längst abgebrannten Saalbaukino gesehen zu haben –
stilecht bei Clockwork Orange.
 Chaos im heiligen Land Tirol  Weiter östlich, in Innsbruck, tauchten die „urbanen Schmuddelkinder“, egal ob als Straßen- oder Art-Punks, um einiges später im öffentlichen Blickfeld und in Szenelokalen auf. 1980 entstand Innsbrucks erste Punkband Die Automatischen Matrosen, eine Vier-Schuljungen-Art-Punk-Band, bestehend aus Ansgar Schnitzer, Peter „Scotti“ Scoz, Tollinger und Peter Wöginger.
Auftritte waren selten und fanden, wenn nicht im Privaten, dann im seit 1976 von der ÖH geführten Kulturzentrum
KOMM statt – geleitet damals übrigens von Norbert Pleifer, der ab 1981 an seinem Treibhaus zu bauen begann. Das Programm des KOMM war vielseitig, die Konzertpalette reichte von Jazz/Funk über Rock und Folk bis hin zu Punk. Ansgar Schnitzer und Peter Wöginger
zogen nach ihrer Schulzeit nach Graz, um zu studieren und den Zivildienst zu leisten. Wie in einer Ausstellung anlässlich des Grazer Kulturhauptstadtjahres 2003 konstatiert wurde, kam so der Punk aus Innsbruck in die steirische Metropole. Dort spielten Schnitzer und Wöginger in dem Punk-Trio Ein Meter. Wöginger spielte daneben noch in einer weiteren Innsbrucker Combo namens Schwarzes Fanta. Ansgar Schnitzer starb 1993 in Japan an den Folgen eines Motorradunfalls. So fand 1999 in Graz eine „Remember Ansgar“-Ausstellung statt, in der verschiedene KünstlerInnen wie z. B. Pipilotti Rist und Hans Platzgumer Werke zu Ansgars Leben präsentierten.
Zeitgleich mit dem KOMM gab es die in St. Nikolaus gelegene links-ideologische Bar KOZ (Kommunikations Zentrum). Für alle, die mit der studentischen Kulturarbeit nichts zu tun haben wollten, galt der damalige Leitspruch „Kotz ins KOMM und komm ins KOZ“. Beide Lokale hatten jedoch eine begrenzte Lebensdauer. Das KOZ wurde, nachdem es zuerst von der lokalen Junkieszene in Beschlag genommen worden war, Anfang der 1980er Jahre geschlossen. Das KOMM folgte 1985, als schließlich nach einem im Lokal verübten Selbstmord der ÖH die Sache zu heiß wurde und sie das Kulturzentrum auf Druck der AG (AktionsGemeinschaft) schloss. Es folgte, dass die rockig-punkige Szene in das von den späteren Prometheus-Gründern Claudia und Edi frisch eröffnete Vereinslokal AKT (Arbeitsgruppe Kreative Tätigkeit) zog. Mitwirkend an diesem Konzert- und Ausstellungsraum, in dem z. B. Sonic Youth ihr bisher einziges Innsbruck-Konzert spielten, war unter anderem Tom Eller, heutiger Leiter des Wiener FLEX. Das AKT, gelegen in den Bögen am Ort des heutigen p.m.k-Büros, wandelte sich innerhalb kurzer Zeit zur Anlaufstelle und Konzertlocation für die inzwischen vermehrt auftretenden Innsbrucker Punks.
Die Straßenpunkszene traf sich meist zentral um den Brunnen in der Altstadt. Der harte Kern waren Finki, die Brüder Christian und Gregor Thaler und der ehemalige Jugendringermeister Gassi. Gassi galt aufgrund seiner Stärke und Ringerstatur, gepaart mit der größten Irokesen-Gel-Frisur als der lokale Chefpunk. Die Thaler-Brüder waren in der Gruppe die Ideenspender, wenn es um politischen Aktionismus ging. „Einmal gab es Polizeiprobleme, weil die Punks einen riesigen Sack Erdnüsse in der Altstadt leerjausneten und überall Schalen herumlagen. Die Punks wurden gezwungen, die Schalen wegzuputzen. Am nächsten Tag putzten sie dann den Asphalt nochmals, verkleidet als Gefangene mit gelbem Stern“, erzählt Elmar „Schäbs“ Schaber, damals einer der Verantwortlichen des AKT. Probleme mit Innenstadtkaufleuten und Polizei sowie Lokalverbote, Drogen und Prügeleien waren tagtäglich vorprogrammiert. Regelmäßig gab es Soli-Konzerte, weil wieder mal wer im Gefängnis war.
Im Sommer 1986 lud man im AKT zu Chaostagen. Es kursierten im deutsch-österreichischen Raum zwei verschiedene Flyer mit unterschiedlichen Daten für die Veranstaltung, was über längere Zeit für ein erhöhtes Punkaufkommen in der Innsbrucker Innenstadt sorgte. Am zweiten Wochenende endeten die Chaostage in einer ausgedehnten Straßenschlacht in der Ing.-Etzel-Straße mit dem zum damaligen Zeitpunkt größten Tiroler Polizeieinsatz der Nachkriegszeit. 128 Verhaftungen, die Schließung des AKT mit sechsmonatiger Frist und viele Prozesse waren die Folgen dieses Wochenendes. Während der Untersuchungshaft gab es teilweise schwere Übergriffe gegenüber Punks. Der harte Kern der Szene, Gassi und die Thalers, übersiedelte kurz darauf nach Wien. Damit war dieser Teil der Punkgeschichte geschlossen. Gregor Thaler ging übrigens in die österreichischen Polithistorie als linksterroristischer Bombenleger ein. Er starb bei der Strommastensprengung von Ebergassing 1995, als er mit einem Komplizen das Stromnetz von Wien ausschalten wollte und zwei der Bomben vorzeitig detonierten.
Nach dem Ende des AKT übersiedelte die verbliebene Szene in das heutige VAZ Hafen Areal, damals Haus am Haven, das bis 1996 als Zentrum für jede Art alternativer Kultur bestand. Auf dem ehemaligen Industriegelände sammelte sich die zweite Generation der Innsbrucker Punks. Die Szene hatte sich verbreitert, es gab den in den USA erfolgreichen Hans Platzgumer, die Kassettenzeitung SFI, die bis heute aktiven TBC What?, das Utopia und …
… und auch in Vorarlberg hat sich die Szene bis heute weiter – mal rückwärts, mal vorwärts, mal ganz daneben – entwickelt.
Der Rest ist Geschichte – und Punk selbst längst lebendige Mythologie bis in das hinterste Provinznest.