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MOLEcafé

Alte Heimat/Schnitt/Neue Heimat

#03 2010 / Robert Gander

Begegnungen mit vertriebenen Innsbrucker JüdInnen in England und Israel

Sie waren Kinder, als sie ihre Heimat verlassen mussten, und leben seit 70 Jahren in England oder Israel. Manche besuchten im Laufe ihres Lebens die Geburtsstadt, die ihnen keine Heimat mehr sein konnte, andere sahen Innsbruck zeit ihres Lebens nicht mehr. Eine Initiative rund um den Historiker Horst Schreiber machte sich in diesem Jahr in England und Israel auf die Suche nach Vertriebenen des NS-Regimes. Sie führte Videointerviews durch, fragte die Menschen nach ihren Erinnerungen an Innsbruck, an ihre Flucht, an die Schwierigkeiten, ein neues Leben in einem fremden Land zu beginnen. „Es ist wie eine Quellensicherung, weil die Menschen bald tot sein werden und man viel zu spät damit begonnen hat“, so Schreiber.
Wichtig war den ProjektbetreiberInnen, ein möglichst umfassendes Bild der Menschen zu zeigen. Es ist also auch ihr Leben nach 1945, die neue Heimat, Thema des Forschungsprojekts, das, gefördert durch die stadt_potenziale 10, noch bis 2011 dauern wird.
Das entstandene Videomaterial ist umfangreich und wird unterschiedlich aufgearbeitet. Da gibt es die Langversion jedes Interviews, die das erzählte Leben, die spezifische Art der Erinnerung, Verarbeitung und Interpretation, in ein Kontinuum setzt. Und da gibt es einen nach Themenbereichen gegliederten Film. Die Interviews wurden teilweise auf die ganze Familie, auf die Kinder und Enkel ausgeweitet. „Das Projekt zielt in keiner Weise auf Wissensgenerierung über die NS-Zeit ab. Es geht uns um das persönliche Erleben der Vertriebenen, um ihre persönlichen Verarbeitungsmuster. Man merkt ganz deutlich den unterschiedlichen Reflexionsgrad z.B. der Tochter, wenn darüber fast nichts oder viel geredet worden ist“, sagt Schreiber. So komme es vor, dass bereits in der zweiten Generation vom „lovely, wonderful Austria“ die Rede ist, der Bezug zur Heimat der Eltern also schon verloren sei.
Für die schwierige Aufgabe des Schnittes, für die Entscheidung über Auslassungen, Montage und Interpretation des Gefilmten sind Emir Handžo und Vinzenz Mell verantwortlich. Spannend wird auch sein, wie die Kombination der Filmsequenzen mit Gedichten Christoph W. Bauers, der das Filmteam nach England und Israel begleitet hat, eine zusätzliche Rezeptionsebene eröffnet. Der interdisziplinäre Ansatz, der künstlerische und wissenschaftliche Bereiche verbindet, wird um Elemente aus der Gestalt- und Dramapädagogik erweitert: Unter der Leitung von Irmgard Bibermann kommt 2011 ein Erinnerungstheater zur Aufführung.
Die Videoarbeiten werden in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit sowie der universitären LehrerInnenausbildung eingesetzt werden. Im Unterricht werden Übungen im Mittelpunkt stehen, die der Sensibilisierung der Selbst- und Fremdwahrnehmung dienen und zur kreativen Rezeption anregen.
Das Verstehen der ZeitzeugInnen steht bei all dem im Zentrum der Untersuchung. „Hier sind die aktuellsten Themen drinnen: Flucht, Verfolgung, Vertreibung, Asyl. Hier können MigrantInnen über ihre Sicht reden, ohne ,Ich‘ sagen zu müssen“, erklärt Schreiber das Bildungspotential des Projektes. Es bestehe die Möglichkeit, anhand des Themas Judenverfolgung, über das zu reden es heute keine (bildungs-)politischen Vorbehalte mehr gebe, über das aktuelle Thema der Asyl- und Ausländerpolitik zu sprechen. Historisches Lernen könne so in die Jetztzeit und in eine Familiengeschichte eingeschrieben werden.
Die Filme werden ab Mitte 2011 auf der Plattform erinnern.at veröffentlicht.