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MOLEcafé

Der Weg mitten in die Berge

#03 2010 / Ulrich Lobis

Neben und hinter einigen wenigen StardirigentInnen und StarmusikerInnen arbeiten die meisten OrchestermusikerInnen im Konzertalltag nicht als IndividualistInnen, sondern als Teile gemeinschaftlicher Kollektive. Grund genug für die MOLE, der Bratschistin Friederike Flemming ein Porträt zu widmen.

Wer sich in das Verzeichnis des Tiroler Landestheaters zu den Bratschen verirrt – warum auch nicht? –, findet Friederike Flemming als eine von 70 klassischen OrchestermusikerInnen. Dass sie zur Bratsche kam, ist genauso wenig ein Zufall wie dass sie in Innsbruck landete.

In eine musikalische Familie hineingeboren, lernte sie früh Geige zu spielen. Darüber hinaus sang sie im Kinderchor der Dresdner Oper. Die Entscheidung, Musik zum Beruf – und nicht nur zur Berufung – zu machen, war jedoch nicht von Anfang an klar vorgegeben. Leicht nachvollziehbar standen dem eine ganze Reihe anderer Überlegungen und Interessen entgegen. Die Entdeckung der Bratsche als Instrument, das am besten zu ihr passte, gab den Ausschlag dafür, die Lebensplanung in diese Richtung zu verfolgen, denn, wie ihr Musiklehrer meinte, sie sei schließlich ein klassischer Bratschentyp, also jemand, dem das Gemeinsame wichtiger ist als ein Soloauftritt, der Geselligkeit und eine gewisse Gemütlichkeit schätzt.
Noch während des Studiums überlegte Friederike Flemming für ein Auslandssemester nach Wien oder Salzburg zu übersiedeln, stattdessen wurde es Amsterdam. Danach spielte sie zunächst mit der Dresdner Philharmonie und der Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz, dann mit den Münchner Symphonikern und am Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Die Engagements waren allerdings stets von prekären Vertragsverhältnissen begleitet, was einer längerfristigen Lebensplanung an den Orten eher hinderlich war.
Obwohl sie schließlich eine Stelle in Graz bekam, gab sie Innsbruck den Vorzug, als sie hier ein Probespielen gewann und in das  Tiroler Symphonieorchester aufgenommen wurde. Die Entscheidung für eine Stadt, die eher für die Berge als für die klassische Musik berühmt ist, hatte mehrere Gründe, hauptsächlich private, aber auch, dass sie Tirol bereits seit ihrer Jugend kannte.
Außer im Tiroler Symphonieorchester spielt Friederike Flemming noch in einigen kleineren Ensembles, die in erster Linie Kammermusik aufführen, wobei sie nicht selten, zumindest im Privaten, auch Ausflüge in genrefremde Bereiche von Jazz bis zu den Rolling Stones wagt. Einen Gutteil der Freizeit verbringt sie mit Sport als Ausgleich zur Anforderung ständigen Übens und konzentrierten Arbeitens. Spaß macht ihr dabei alles, vom Laufen bis zum Paragleiten.

Die Karrieren von MusikerInnen sind, ähnlich denen von Wissenschaftlernnen, deutlich nomadischer geprägt als jene vieler anderer Berufsgruppen. Leicht wird übersehen, dass hinter den kommerziellen und medialen Größen eine Armada von jungen MusikerInnen steht, die als eine Art Homo viator von Jahr zu Jahr versucht, einen weiteren Schritt hin zu einem gesicherten Leben zu machen, wobei nicht wenige auch aus dem Räderwerk der klassischen Musik hinausfallen.