Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

„Die Augen sind offener.“

#03 2010 / Jürgen Tabor

Die Produktivität der Kunstszene in Südtirol und Trentino ist bemerkenswert. Die MOLE wirft einen Blick auf eine eindrucksvolle Entwicklung.

Wie Südtirol und Trentino in den vergangenen Jahren immer wieder in das Blickfeld der internationalen Kunstwelt rückten, ist schon erstaunlich. Auch wenn es überzogen wäre, die norditalienische Region Trentino-Alto Adige als globales Zentrum zu bezeichnen, so hat sie sich doch zu einer Art Hotspot entwickelt; zu einer Landschaft, in der sich größere und kleinere Städte und Orte zu einem informellen Netzwerk zusammengefunden haben, das sich durch eine intensive künstlerische Produktion, institutionelle Aufbauarbeit und gesellschaftliche Partizipation auszeichnet. Eine Grundlage für diese Entwicklung bildet sicherlich immer noch die Schnittstellenfunktion der beiden Länder zwischen dem Norden und dem mediterranen Süden Europas. Aber erst eine ganze Reihe wichtiger struktureller Entwicklungen konnte das Potential der Region als Kontaktzone zwischen den verschiedenen Kulturen, Sprachen und Märkten für die Kunst fruchtbar machen.   
Zu diesen Marksteinen zählen vor allem der Beginn der Tätigkeiten rund um das Museion in Bozen im Jahr 1987 und der spektakuläre Neubau des Museums, der im Jahr 2008 fertig gestellt wurde, sowie die Eröffnung des MART – Museo di Arte Moderna e Contemporanea di Trento e Rovereto im Jahr 2002. Obwohl die Kleinstadt Rovereto gerade mal knapp 40.000 Einwohner zählt, beherbergt sie mit dem von Mario Motta entworfenen Bau des MART eine der wichtigsten Museumsarchitekturen Italiens der letzten Jahrzehnte. Während sich das Museion seit den 1990er Jahren, unter anderem durch den Aufbau einer spezialisierten Sammlung internationaler zeitgenössischer Kunst, dem Zusammenhang von Sprache und kultureller Identität widmet, verfügt das MART über eine der umfangreichsten Sammlungen futuristischer Kunst aus Italien, die immer wieder als Anknüpfungspunkt für Ausstellungsproduktionen dient.
Die Landschaft der großen Museen für moderne und zeitgenössische Kunst wird durch einige mittlere und kleinere Institutionen ergänzt, die dezidiert experimentell, progressiv und zum Teil nahe an gesellschaftlichen Fragestellungen arbeiten. Insbesondere die ar/ge kunst Galerie Museum, die 1985 in Bozen in Form eines Kunstvereins gegründet wurde und die Galleria Civica di Arte Contemporanea in Trento nehmen mit Einzel- und Gruppenausstellungen junger internationaler und vor Ort lebender KünstlerInnen eine wichtige Impuls gebende Funktion ein. Dazu kommt die Ausstellungstätigkeit der Galerien, wie jene von Antonella Cattani Contemporary Art und der beiden Goethe Galerien in Bozen. Die Auseinandersetzung mit den Motivationen und Ideen der zeitgenössischen Kunst in ein Wechselspiel von Internationalität, Interkulturalität und lokalen Fragestellungen zu bringen, spielt beispielsweise auch bei kunst Meran, einem 2001 eröffneten Haus für zeitgenössische Kunst, eine zentrale Rolle.
Gerade der Weg in die Tal- und Berglandschaften der Regionen ist ein spezifisches Merkmal der Südtiroler Kultur- und Museumslandschaft. Der Bogen spannt sich dabei vom Stadtmuseum in Bruneck, das sich neben den spätgotischen Werken Michael Pachers mit Wechselausstellungen und einer kleinen, aber feinen Werkstatt der Disziplin der Grafik widmet, bis zu den disneyfizierenden, narrativen Museen von Reinhold Messner. Letztere werden im Jahr 2011, nach der Eröffnung von Schloss Bruneck im Pustertal, fünf Stationen umfassen: Neben dem Schlossmuseum Bruneck das Schloss Sigmundskron in Bozen, in dem Messner die ambivalente Beziehung zwischen Mensch und Berg thematisiert, das Museum in Sulden am Ortler, das sich mit dem Phänomen Eis beschäftigt, das Museum auf dem Monte Rite, das sich – auf einer Höhe von 2.181 Metern – der Erschließungsgeschichte der Dolomiten widmet, und das Museum auf Schloss Juval im Vinschgau, das mit Artefakten aus allen fünf Kontinenten die Mythologisierung der Bergwelt nachempfindet.
Das Museum Ladin, das in St. Martin in Thurn ebenfalls in einem Schloss angesiedelt ist, beschäftigt sich mit der Geschichte des ladinischen Sprach- und Kulturraums, zusätzlich findet dort alle drei Jahre die Trienala Ladina statt, die dezidiert internationaler Gegenwartskunst gewidmet ist. Die bekannte ladinische Kunsthandwerkstradition des 19. Jahrhunderts bildet einen historischen Referenzpunkt transregionaler Kunstproduktion: Im Grödnertal entwickelte sich parallel zu einer religiös ausgerichteten Bildhauerei eine Industrie für Holzspielzeug, die die europäischen und amerikanischen Märkte damals richtiggehend überschwemmte. Aus dem Fassatal zogen zahlreiche Wandermaler nach Tirol und Südbayern, um dort Hausfassaden und Mobiliar mit speziellen Ornamenten auszugestalten. Und während sich die Kunsthandwerker aus Ampezzo für den entstehenden Tourismus auf filigranen Silberschmuck und Souvenirs spezialisierten – eine frühe Form dessen, was heute als Tourist Art bezeichnet wird –, widmeten sich die Gadertaler einer zunehmend komplexen Truhentischlerei.
Die heutigen Zentren künstlerischer Ausbildung finden sich einerseits außerhalb von Südtirol und Trentino, denn viele KünstlerInnen aus der Region studieren, leben und arbeiten heute in Wien, wie Esther Stocker, Sonia Leimer, Walter Pardeller, Martina Steckholzer, Siggi Hofer, Letizia Werth u.v.a. Ebenso ein Anziehungspunkt ist die Kunstakademie in München, an der beispielsweise Josef Rainer und Peter Senoner studierten, wobei beide – Peter Senoner nach mehreren Jahren in New York und Tokio – heute wieder hauptsächlich in Südtirol leben und arbeiten. Andererseits gewinnt die an der Freien Universität Bozen angesiedelte Fakultät für Design und Künste immer mehr an Gewicht. Das 2003 gegründete Institut ist sowohl auf internationale Vernetzung ausgerichtet (der Unterricht erfolgt in den Sprachen Italienisch, Deutsch und Englisch) als auch auf die wechselseitige Öffnung der Bereiche Design und Kunst. Der Leiter der Fakultät Kuno Prey formulierte in einem Gespräch den Anspruch einmal so: „Wir sind keine Schönmacher, sondern Denker. Uns interessiert nicht nur Formgebung oder Funktion. Design ist vielmehr eine Mischung aus gesellschaftlicher Verantwortung, dem ökologischen Umgang mit Ressourcen, der Auseinandersetzung mit der Lebenswelt der Anwender und der Formensprache.“ Ganz im Sinne dieses Grundgedankens soll in den kommenden Jahren die Fakultät durch den Studienzweig Kunst ergänzt werden, wobei das Ziel ist, dass DesignerInnen und KünstlerInnen nach Abschluss der Erweiterungen keine getrennten Wege gehen, sondern sowohl räumlich als auch projektbezogen zusammenarbeiten.
Während die institutionellen Entwicklungen eine ganze Reihe von permanenten Orten für die Kunst in Trentino-Südtirol hervorgebracht haben, waren die Manifesta 7 – die Europäische Biennale für Zeitgenössische Kunst, die alle zwei Jahre an einem anderen Ort stattfindet, in Südtirol und Trentino im Jahr 2008 – und die Landesausstellung Labyrinth::Freiheit im Jahr 2009 in der ehemaligen Habsburger-Festung Franzensfeste temporäre Großprojekte, die dennoch nachhaltig gewirkt haben. Nicht nur, dass einige Südtiroler/innen in verschiedenen Bereichen an der kommenden Manifesta in Südspanien beteiligt sind, „die Manifesta in Trentino-Südtirol hat auch eine Tür geöffnet“, wie beispielsweise der Meraner Künstler und Kulturvermittler Hannes Egger betont: „Viele versuchen professioneller und auf höherem Niveau zu arbeiten. Die Augen sind offener, würde ich sagen.“
Trotz der im Jahr 2008 zum Teil äußerst hitzig geführten Debatte um die im Museion Bozen präsentierte Martin Kippenberger-Skulptur Zuerst die Füße, die einen gekreuzigten Frosch mit einem Bierglas und einem Ei in den Händen zeigt, gibt es in Trentino-Südtirol ein interessiertes, professionelles Kunstpublikum, das letztlich immer auch die Basis für die Entwicklung kultureller Infrastruktur bildet.

Eine kurze Erklärung zur Rausnehmkunst „War Rugs“
Für den Ausfalter dieser Ausgabe hat David Rych (*1975 in Innsbruck, lebt und arbeitet in Berlin) der MOLE ein Objekt aus seinem Archiv geopolitischer Readymades zur Verfügung gestellt. Das Archiv umfasst angeeignete Fundstücke, die ungewöhnliche Ereignisse und Konstellationen visuell umsetzen und tradieren. N°9 (September) ist ein in Baloch – Afghanistan hergestellter Nomadenteppich, ein Exemplar der sogenannten „war rugs“. Der Ursprung der Kriegsteppiche in Afghanistan geht auf das Jahrzehnt der sowjetischen Besatzungszeit ab 1979 zurück. Motive wie Panzer, Raketen und Sturmgewehre wurden in die ornamentale Welt der Bildteppiche aufgenommen und mit der bestehenden Formentradition zu sozialpolitischen Erzählungen und Statements verschränkt. Nach der Invasion des US-Militärs in Afghanistan in Folge der Anschläge von 9/11 änderten sich die Inhalte der Kriegsteppiche. Über die Hintergründe der „war rugs“ und die Intention ihrer Macher ist ansonsten nur wenig bekannt.
Das abgebildete Exemplar zeigt den Anschlag auf das WTC in New York, einen US-amerikanischen Flugzeugträger und eine zentrale Zierleiste, die sich aus den Flaggen der USA und Afghanistans zusammensetzt, verbunden durch eine Friedenstaube. Die Motive gehen auf unterschiedliche US-Flugblätter zurück, die während der Invasion von Flugzeugen abgeworfen wurden und hier zu einer ambivalenten Bildsprache und Inhaltlichkeit verschränkt wurden.
(DR/JT)