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MOLEcafé

Diskurs und Metapher

#03 2010 / Verena Konrad

Berliner raumtaktik im Innsbrucker aut. 

Seit Beginn des Jahres wird aut.architektur und tirol von raumtaktik, einem Berliner Büro für „räumliche Aufklärung und Intervention“ bespielt. In einer zwölfmonatigen Ausstellungsreihe zum Thema „Raumproduktion“ nähert sich raumtaktik kulturellen, politischen und ökonomischen Parametern von Raum und deren Auswirkungen auf Architektur und Stadtentwicklung. Themen wie Globalisierung, Migration, ökonomische Transformation und Raumaneignung werden diskutiert und durch konkrete Projekte in lokalen Kontexten verortet.

Es ist mehr als zehn Jahre her, dass der deutsche Osteuropa-Historiker Karl Schlögel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Raumdiskurs historisch kommentierte. „Wenn der Raum als neues Problemfeld und Forschungsgebiet derzeit von Wissenschaft, Philosophie und Kunst wieder entdeckt wird und dem räumlichen Nebeneinander (hier/dort) wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als dem zeitlichen Nacheinander (vorher/nachher), muss ein gravierender Wahrnehmungswandel und Bedeutungsumschwung vollzogen worden sein“, schrieb er in seinem Text Die Wiederkehr des Raums1 (1999). Die Renaissance des Raumes in der Theorie ist in den letzten Jahren zu einem viel zitierten Topos geworden. Der so genannte spatial turn steht für einen Paradigmenwechsel in den Kultur- und Sozialwissenschaften, der selbst bereits kritisch und historisch reflektiert wird.
Die Begriffsgeschichte des spatial turn reicht vorerst in das Jahr 1989 zurück und findet ihre erste Erwähnung in Edward W. Sojas Buch Postmodern Geographies2. Die  geschichtliche Situation nach 1989, nach dem Fall der Berliner Mauer, dem Zerfall der Sowjetunion, der gewaltsamen Auflösung Jugoslawiens und nach 09/11 und die daraus gewonnenen Erfahrungen von Vertreibung, Migration und Exklusion haben dafür gesorgt, dass vor allem im europäischen und nordamerikanischen Denken die räumlichen    Aspekte des Politischen wieder schärfer gesehen und bedacht werden.3
Die Beschreibung des Raumes als soziales Konstrukt hat im europäischen Denken ihren Ursprung bereits in den politischen und sozialen Ordnungen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Humanwissenschaften stellten Fragen zu Nationalstaatlichkeit und territoriale Systemen. Politische Theorien formierten sich in einer neuen, nicht immer unproblematischen, Deutlichkeit. Deterministische Raumpositionen trafen auf erste soziologische Raumkonzepte. Fragen der Organisation von Raum als soziale Kategorie, die Sichtbarkeit dominanter Systeme und Machtverhältnisse wurden ebenso thematisiert wie identifikatorische  Aspekte eines territorial bestimmten Raumes.
Als Referenz für viele RaumtheoretikerInnen gilt Michel Foucaults Postulat vom Bruch des 20. Jahrhunderts mit dem Primat der Zeit. Die Passage von der Zeit als „große Obsession des 19. Jahrhunderts“ auf die nun die Epoche des Raumes folgt, wird gern und oft zitiert. Neben Michel Foucaults Positionen werden in den heutigen Raumwissenschaften besonders jene des französischen Philosophen Henri Lefebvre als wichtige Impulse bearbeitet. Eine der einflussreichsten soziologischen Schriften zum Raum ist sein Werk La production de l’espace4. Lefebvre eröffnete mit seinem Buch einen größeren Diskurs, in dem viele seiner Thesen rezipiert wurden. Er stand zeitweise der Situationistischen Internationalen und vor allem Guy Debord nahe. Diese hatte sich als „situationistischer Urbanismus“ besonders der Architektur und dem Städtebau angenommen. Auch Lefebvre kritisierte die gängige Praxis des Städtebaus in Metropolen wie Paris und plädierte für neue Konzepte, die Raumpraktiken einer differenziellen Gesellschaft mitbedenken sollten.

Symbolische und konkrete Räume. Symbolik spielt für den sozialen Raum eine wesentliche Rolle. So bewirkt die symbolische Komponente einer Handlungssituation immer auch die Bildung so genannter Raumbilder.5 Diese Bilder machen soziales Leben nicht nur anschaulich, sondern sind auch politisch wirksam. Architektur ist zunächst in direkter Weiterführung symbolischer Ordnungen eine Möglichkeit, Raum zu prägen. Diese Konzeption des Symbolischen bewegt sich immer in einem Zwischenraum zwischen Realem und Imaginärem.6 „Architektur ist Raumproduktion“, so auch das Credo von aut.raumproduktion. „Raum ist aber nicht nur ein Container, Raum wird auch durch Handlungen und soziale Interaktion bestimmt. Dieser fortwährend neu produzierte soziale Raum kann für ArchitektInnen ein ebenso wichtiges Handlungsfeld sein. Er ist abhängig von politischen, ökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen – es geht nicht um statische Produktion, sondern eine fortwährende, flexible: ausgehandelt von Individuen, Gruppen, Kulturen und Gesellschaften“, beschreibt Matthias Böttger, Mitbegründer von raumtaktik, das Konzept der Ausstellungsreihe. „Raumproduktion wird von zahlreichen Akteuren und ihren Handlungen bestimmt.
Im aut zeigt raumtaktik in diesem Jahr verschiedene Positionen von ArchitektInnen, KünstlerInnen und AktivistInnen, die sich mit diesen Handlungsweisen auseinandersetzen und so wieder Handeln ermöglichen.“ Die Präsenz des Themas in unterschiedlichsten und mitunter auch schon sehr verwässerten Diskursen ist für raumtaktik ein Grund mehr, genauer hinzusehen: „Architektur hat sich immer schon mit dem Raum beschäftigt. Nun, nachdem der Raum in so vielen anderen Disziplinen wieder wahrgenommen wird, müssen ArchitektInnen erkennen, dass auch ihre Wahrnehmung beschränkt war und es noch viele Facetten gibt, die von der Architektur bisher nicht bearbeitet worden sind.“

Ausstellen im Infinitiv. Die Ausstellungsreihe aut.raumproduktion nähert sich dem vielschichtigen Themenkomplex metaphorisch und schafft es gerade dadurch, diese komplexe theoretische Entwicklung durch die Verbindung von Schlagworten und konkreten Projekten greifbar zu machen.
Die Serie präsentiert sich vordergründig als Annäherung durch Infinitive, die auf Assoziationen beruhen und zunächst als etwas lose und unbestimmte Aneinanderreihung erscheinen. Durch die Häufung der Begriffe und die Perspektivenvielfalt ergibt sich jedoch eine äußerst intelligente und nachvollziehbare Rekonstruktion einer ausufernden Debatte. Schlagworte wie „heimkehren, puffern, verstetigen, konstruieren, identifizieren, verteidigen, besetzen, machen, aneignen, mitnehmen, überbauen, ausstrahlen...“ haben bisher den Bogen von Theorien der De- und Reterritorialisierung, von privaten und öffentlichen Räumen, von Migrationsbewegungen und Globalisierung bis hin zu Kommerzialisierung gespannt.
Das aut hat sich in diesem Jahr verändert. Vor allem die Praxis des Ausstellens, aber auch das Publikum hat sich gewandelt. „Das freut mich und das war ja auch ein Ziel. Das aut ist eine etablierte und erfolgreiche Institution, die bisher besonders von ArchitektInnen wahrgenommen wurde. Durch die Ausstellungsserie und die Diskursorientierung werden nun auch andere Inhalte und auch ein anderes Publikum angesprochen“, resümiert der raumtaktiker. Die Anordnung der Projektinstallationen im historischen Gebäude des Adambräus hat bisher nicht selten den Eindruck hinterlassen, die einzelnen Positionen wären in einer Gruppenausstellung besser aufgehoben. „Diese Wahrnehmung ist auch gar nicht falsch“, meint dazu Matthias Böttger. „Im Prinzip ist das eine Gruppenausstellung, die sich über mehrere Monate zieht und die monatlich durch neue Positionen ergänzt wird. Das aut, wie es bisher konzipiert war, hat vier bis fünf Ausstellungen im Jahr gemacht. Ich habe hier in Innsbruck nur ein Jahr zur Verfügung und es ist schwer, in nur einem Jahr mit fünf Ausstellung so etwas wie Kontinuität herzustellen. Ich habe darum anfangs auch etwas provokant gesagt: ,Ich mache nur eine Ausstellung.‘ Diese wird laufend durch neue Bausteine erweitert. Man kriegt immer mehr oder weniger als gewünscht und das Thema bekommt laufend neue Ergänzungen.“
Neben Teilausstellungen zu Projekten wie GRAFT: Make It Right – The Pink Project, Manuel Herz: Flüchtlingslager – Idealstädte in Staub und Schmutz,  Sandi Hilal, Alessandro Petti, Eyal Weizman: Ungrounding, Dura Lex Ecclesiae von Duo van der Mixt und hochkarätig besetzten Vorträgen hat aut.raumproduktion bisher auch zu konkretem Tun animiert . Im Frühjahr wurde von SchülerInnen eine „Innsbrucker“ Lehmwand im Stil von Diébédo Franics Kéré „gemacht“. Passend zur Fußball-WM konnten BesucherInnen im Rahmen der Ausstellung make it take it! von raumlaborberlin eine Biergarnitur nach Anleitung zusammenbauen, um sie dann im öffentlichen oder privaten Raum aufzustellen.
Die nächsten Ausstellungsprojekte fordern Assoziationen zu den Stichworten „sichern“, „erfinden“ und „zusammensetzen“. Matthias Megyeri reflektiert mit Sweet Dreams Security® die alltägliche Sicherheitsparanoia in Innsbruck und anderswo und die therapeutische Kraft des Konsums. Com&Com: Making Identities wird sich mit dem Prozess des Machens, Wachsens und Werdens von Identitäten beschäftigen. Ab November gibt es schließlich mit Christoph Engel Superficies – Ungefähre Landschaft einen unscharfen Blick in die Zukunft. 

1: Karl Schlögel: Die Wiederkehr des Raums. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Juni 1999.
2: Edward W. Soja: Postmodern Geographies. The Reassertion of Space in Critical Social Theory. London 1989.
3: Vgl. Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit, München/Wien 2007. S.12.
4: Henri Lefebvre: The production of space. Oxford u.a. 2004 (Original: La production de l’espace. In: Dessein de l’ouvrage. Paris 1974. S.7-82).
5: Vgl. Martina Löw: Raumsoziologie. FaM 2001. S.191f.
6: Vgl. ebd. S.225f.