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MOLEcafé

DRONE als Meta-Metal

Fragmentarische Annäherungen an einen Stil, der keiner ist

Man kann leicht die Wirkung rekonstruieren, die der Song Black Sabbath von der gleichnamigen Band auf die damaligen HörerInnen gehabt haben muss. Lässt man den fledermausfressenden Ozzy Osbourne einmal beiseite und wendet sich den „avant la lettre“ Doom-Gitarren zu, so hat man es mit einer nicht von der Hand zu weisenden Referenz für den jetzigen DRONE zu tun.
Die Powerchords in Black Sabbath waren eine Zäsur. Diese verminderte Quint, die man auch als „Intervall des Teufels“ bezeichnet, beeindruckte und verstörte. Durch einen einfachen Akkordwechsel und einen so bisher nicht hörbaren Gitarrenton war die schiere, körperliche Präsenz eines Riffs möglich.
DRONE reagiert auf und reflektiert über diese Ursprünge des Metal, wenn er sich sträubt, zu einem zum Genre erstarrten Musikstil mit fest umrissenen Grenzen zu gerinnen. Er bedient sich weniger alter Klischees wie Männermuskeln, auftoupierte Haare und Präpotenz, der fixen Formeln des klassischen Metal, sondern geht zurück zu den genannten Ursprüngen, als ein einzelner Gitarrenakkord, ein bestimmter Akkordwechsel, noch etwas unerhörtes und schockierendes sein konnte.Die Akkorde im DRONE sind nicht neu, es sind zumeist simple Powerchords, doch die Art und Weise, wie sie gespielt werden, welcher Raum und welche Präsenz ihnen zugebilligt wird, ist ungewöhnlich. Denn sie können ganz ausklingen, und es hört sich oftmals an, als ob die ProtagonistInnen ihre Gitarren auswringen würden, diesen den letzten Nachklang abringen wollten. Der Ton wird sich selbst überlassen. Jegliche menschliche Kontrolle wird suspendiert.
DRONE ist nicht notwendigerweise Metal. Es geht in keiner Weise darum, Scharen headbangender Biertrinker zu rekrutieren. Es ist das einfache Überwältigt-Sein von Gitarrenwänden, die eine bittersüße, klaustrophobe Stimmung hervorrufen. DRONE ist kein Genre, keine Konvention, sondern die pure Wirkung von Tönen.
DRONE und Black Metal  Die Verbindung zwischen Black Metal und DRONE ist evident. Das Interesse von DRONE für die         politische Haltung von einschlägig bekannten Kunstgrunzern wie Burzum scheint nach außen hin kaum vorhanden zu sein. Jedoch interessiert er sich sehr wohl für die kaputten Gitarren, die laut der Aussage eines NSBM-Soldaten über eine Stereoanlage verstärkt worden sind. Diese Lo-Fi- und Garage-Ästhetik wurde von DRONE transferiert und modifiziert.
Die Wirkung der sphärischen Elemente des Black Metal durch Monotonie findet sich auf struktureller Ebene im DRONE wieder. DRONE basiert auf Repetition, nicht auf Progression. Dies lässt auch Strukturähnlichkeiten zur elektronischen Musik deutlich werden – und tatsächlich: Die DRONE-Band Sunn O))) spielte erst kürzlich im Berghain. Elektronische Musik nähert sich, wenn sie flächig und geräuschhaft wird, dem DRONE an und wird zum Teil auch mit diesem Begriff bezeichnet. DRONE ist ein sich entziehendes Gespenst, das sich nicht festhalten und in Begriffe fassen lässt und gerade dadurch Neuigkeiten zuflüstern kann.

DRONE als kontrollierte Eskapade. Begreift man DRONE – natürlich nicht als abgeschlossenes System – als Erweiterung oder Transzendenz der herkömmlichen Gitarrenmusik, könnte man das leicht als „Kunstscheiße“ sich zeigende und vielleicht mühsam rezipierbare Klangbild mit einem verächtlichen Ohr strafen. Jedoch lässt diese Klangwelt, wenn man sich in sein IKEA-Sofa fallen lässt und sie möglicherweise richtig (falsch) verstehen könnte, mit einer ganz neuen Musikphänomenologie die grauen Zellen ein wenig frische Luft atmen. Mit dem Begriff DRONE als kontrollierte Eskapade wäre das Phänomen in seiner Eigenheit und terminologischen Ungenauigkeit etwas locker umrissen. Kontrollierte Eskapade meint die begrenzt intentionslose Klanglichkeit des nur zum Teil menschlich kontrollierten und organisch in seiner Eigenheit belassenen Klanges. Die Gitarre wird bis auf den Anschlag sich und ihrer Ontologie überlassen. Soundästhetische Spitzfindigkeiten, wie Unterstützung durch spezifische Verstärker, die auch eine definitorisch glorifizierende Funktion erhalten, und scheinbar bis zum Boden hängende Gitarrenseiten geben der Soundästhetik ihre eigene bombastische, doch niemals effektheischende Wirkung. Hier wird kein neues Phänomen geboren, aber von innen subversiv an der Erweiterung der Grenzen eines bisher mit allen Mitteln sich verteidigenden Genres gearbeitet. Denn wo Irritation entsteht, da entstehen auch neue künstlerische Optionen, die Anschluss für neue Konzepte ermöglichen.

DRONE als Suspension des „Sinns“. Wenn Musik eine Sprache oder ähnlich einer Sprache strukturiert ist, dann ist DRONE die Musik, die dem „Rauschen des Sinns“ am nächsten kommt. Ähnlich wie man sich eine Sprache vorstellen kann, die nicht mehr sinnhaft ist, die nur mehr „rauscht“, da sie auf kein Signifikat mehr verweist, sondern bloßes Phonem, bloßes Murmeln ist, das keinen Sinn mehr kennt, kann man sich auch eine Musik vorstellen, die nicht mehr zu einer Struktur gerinnt und die nichts mehr mit den Kadenzen der konventionellen Musik zu tun haben will. Diese Musik suhlt sich im Geräusch, lässt sich auf syntagmatischer Ebene nicht mehr beschreiben, da die Akkorde wie einzelne Blöcke in ihrer bloßen Anwesenheit sich auftürmen. Man hört diese Musik nicht mehr in der Abfolge von Akkorden, sondern in einzelnen fragmentarischen Tönen und Geräuschen, die man am liebsten möglichst lange auskostet. Es wäre eine ähnliche Situation, wenn man sich, sollte man einen Satz verstehen, lieber bei einem Wort aufhalten, sich den bloßen Klang dieses Wortes immer wieder vorsagen, ihn immer wieder laut aussprechen würde.
Bei DRONE-HörerInnen macht sich Vergnügen breit, wenn sie sich in diesem Zwischenraum aufhalten dürfen. Denn DRONE ist der Raum als Zwischenraum.