Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

egone

#03 2010 / Günther Moschig

(1951-2002) 

Von Herbert Achternbusch kommt der trotzige Satz: „Diese Gegend hat mich kaputt gemacht und ich bleibe so lange, bis man ihr das anmerkt.“ Egon Scoz a.k.a egone, Ideengeber des aktuellen Titelmotivs Giganten der Urzeit aus 1993, hat von 1952 bis 2002 die Stadt Innsbruck kaum verlassen, ihr das aber auch in den 1980er und 1990er Jahren in bunten Bildern anmerken lassen. Als Zeichner, Mail-Artist, Uhrendesigner, Postkartenproduzent und radfahrender Händler, Plakatgestalter, Maler und Performancekünstler hat er in diesen Jahren die Stadt dekoriert und war bis zu seinem viel zu frühen Tod ihr wesentlichster Popkünstler.
Mit bunten Hüten und T-Shirts war er als Person als quirliger Farbakzent über Jahre hin fixer Teil des inneren Stadtbildes von Innsbruck, dabei auch immer der große Kommunikator und ständig unter Strom.
Als Zeichner Autodidakt ist egone mit schnell hingeworfenen, pointierten Pastellzeichnungen 1979 bei Dieter Tausch mit Heart Trash From The Innerspace erstmals aufgefallen. Ein Katalog erschien 1985 in der Galerie Edition Thomas Flora: Happy Trails, die erste Dokumentation seiner um Sex, Drugs & Rock’n’Roll kreisenden Bildgeschichten.
Chuck Berrys frühes Rock’n’Roll Lied Jonny Be Good, Today + Tonight und Bob Dylans When The Ship Comes In kommen dabei als Schrift im Bild ebenso vor wie die drogenschwangere Umtextung der amerikanischen Operettenschnulze When Sweet Smoke Gets In Your … Mind in einer Zeichnung von 1984. Ein paar Jahre später nennt egone eine Ausstellung Rote Rosen Für Mich nach dem 1984er Album der Pogues. So funktionieren auch egones schnelle Pastellzeichnungen wie ein guter Drei-Minuten-Popsong. Alltagserlebnisse, private wie tagespolitische, werden zu bunten Zeichnungen verdichtet. Und weil es einer von egones unzähligen Lieblingsmusikern war und dessen poetisches Konzept dem egones ähnelt, sei hier Palace Music/Will Oldham zitiert: „Palace are adept with the semi-mystical nonsense, the transmutation of the apparently autobiographical into the apocalyptic, the way small impulses can bellowed out into flaming, murderous passions.“ Das entspricht dem künstlerischen Programm egones und wird so zitiert in Flowered and Stoned, seiner 1996 bei lazy orco seeds press in Innsbruck erschienenen Hommage an die Blume.
Das Referenzfeld Pop bleibt auch für seine über Hundert entworfenen Postkarten und Malereien das kreative Kraftfeld. Es war der Mythos von Pop als Synonym für Jugend, Dissidenz und Fortschritt, auf den sich egone eingelassen hat, jener Mythos, so hat es Tom Holert in Mainstream der Minderheiten verkürzt, der immer noch die Geschichte des jungen Mannes erzählt, der zu einer Gitarre greift, eine Band gründet und Musik spielt, die die Gemeinschaft der Erwachsenen provoziert. Aber diese dissidente Authentizität, so wissen wir seit den 1960er Jahren, dauert nur einen kurzen Moment, dann vereinnahmt die Unterhaltungsindustrie das eben gehörte. Egone versuchte stets die Dissidenz am Köcheln zu halten. Als Person wie als Künstler stand er für eine Gegenkultur, die auch in Tirol, zwar leicht verspätet, aber doch in den 1970ern zu greifen begonnen hatte. Mehr der Einzelkämpfer in der Tradition der Beatniks als der politische Agitator sind seine Zeichnungen auch als ein poetischer Aufstand der Zeichen gegen etablierte Lebensstile zu sehen und wie in den amerikanischen Graffitis als Statement: Ich bin hier. Bei ihm: Innsbruck, ich bin hier.
Wenn es ein System gab, gegen das sich egone wandte, war es der Kunstbetrieb selbst. In ironischen Kommentaren etwa in seinen Künstlerporträts von Alberto Giacometti, Bruce Nauman, Jim Dine und Hermann Nitsch oder seiner Frage „IS IT THE PICTURE OR THE PAINTER HANGING IN THE GALLERY?“, stellt er dem herrschenden Kunstbetrieb die Intensität des Künstlerlebens entgegen. In Ausstellungen unter anderen auch am österreichischen Kulturinstitut in New York, im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum oder bei Terenashi Chemical Industries in Osaka, dem Erzeuger seiner bevorzugten Guitar Oil Pastellkreiden, hat er sich immer auch als Person eingebracht. Sein Werk war ohne die Figur egone nicht denkbar, wie er selbst auch umgekehrt zu seinem Werk gehörte. Kunst und Leben war bei ihm untrennbar miteinander verbunden. Wie eng diese Verbindung war, bewies ein Blick in seine Wohnungen. Peter Weiermair hat diese mit dem Merzbau Kurt Schwitters’ verglichen und treffend „als ein Labyrinth der Ab- und Ausschweifungen“ und als „Fluchtburg“ bezeichnet.
Jedenfalls wird hier der ganze Popkosmos egones sichtbar, der private Fundus gesammelter Dinge aus der Populärkultur, von Schallplatten, allerhand Collectables bis zu Büchern und Plastikspielzeug.
Comics, Graffitikunst und Popmusik sind also jene Konstanten, die egones Zeichenkunst wie seine Malaktionen geprägt haben. Als Popartist, als der er sich immer verstanden hatte, hat er aus seiner sehr komplexen Wahrnehmung heraus ein System von Zeichen entwickelt, das es ihm ermöglichte, seine reale wie mediale Umwelt zu kommentieren – und diese Umwelt war für ihn, und darin war er wohl der Romantiker, das Popuniversum. Es gilt dazu Novalis’ Definition des Romantischen: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten gebe, so romantisiere ich.“ Das hat schließlich auch die Pop-Art gemacht. Wenn sie in ihren Anfängen etwa mit der englischen Independent Group auch noch mehr die Schönheit alltäglicher Dinge forcierte, brachten die späten 1960er Jahre doch auch eine Zusammenführung romantischer Prinzipien mit einer kommerziellen Kultur.

Mit der Herausgabe von Plakateditionen, mit Malaktionen wie der ÖBB-Wagonbemalung 1992 oder der Wandbemalung im Kunstpavillon der Tiroler Künstlerschaft gemeinsam mit dem Jazzsaxophonisten Joe Malinga, aber vor allem mit seinen subversiv-poetischen Zeichnungen auf schwarzem Tonpapier, diesen schnellen Notizen, zornigen wie ironischen Anmerkungen zu privaten und gesellschaftlichen Glücksmomenten wie Katastrophen, war egone eine belebender Geist in der Stadt. Ein geistreicher Kommunikator und Illustrator seiner Lebenszeit, zu der eine umfassende Dokumentation noch aussteht.