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MOLEcafé

In Berührung mit den Fragen der Zeit

#03 2010 / Martin Varano

Seit 2001 präsentiert das Theater am Saumarkt mit den Tangenten eine Programmschiene, die regelmäßig gesellschaftlich relevanten Fragestellungen nachspürt.

Es kann in Feldkirch/Vorarlberg schon einmal vorkommen, dass man den Kulturtheoretiker Klaus Theweleit ein paar Töne am Klavier improvisieren hört oder mit dem Philosophen Otfried Höffe in eine Debatte über unterschiedliche Facetten der Demokratie gerät. Denn die Genannten sind zwei von zahlreichen renommierten ReferentInnen, die über die Tangenten ins Theater am Saumarkt eingeladen wurden, um dem Publikum eine Auseinandersetzung mit wesentlichen Fragen der Gegenwart in Form von Vorträgen mit anschließender offener Diskussion zu ermöglichen. Und es geschieht nicht selten, dass nach dem offiziellen Programmteil die begonnenen Gespräche im Foyer, auf der Straße oder bei einem anschließenden Essen, zu dem jede/r mitgehen kann, weitergeführt werden.

Gegründet wurden die Tangenten 2001 von der Feldkircher Buchhändlerin Regina Zink in Zusammenarbeit mit Peter Bilger, Richter beim unabhängigen Finanzsenat, und Walter Müller, Lehrer an der Mehrerau in Bregenz. Das  Ziel war und ist – wie der Begriff Tangenten andeutet – die Berührung mit wesentlichen Fragen der Zeit.

Die erste Veranstaltung fand 2001 zum Thema Lebenskunst statt und präsentierte unter anderen den namhaften Philosophen Wilhelm Schmid als Vortragenden. Für Peter Bilger, zugleich Obmann des Theaters am Saumarkt, ist es wichtig, für jede Veranstaltung zumindest eine in ihrem Bereich und auch darüber hinaus bekannte Person zu gewinnen – denn das Publikum achtet gleichermaßen auf Inhalte wie auf klangvolle Namen. „Denn natürlich“, so Bilger weiter, „besteht der Anspruch ein breites Publikum zu erreichen, ohne aber eine reine Promishow zu sein.“ Die Auswahl des Programms und der Vortragenden erfolgt über Themen, die sich die TangentenmacherInnen durch intensive Lektüre gründlich erarbeiten. Regina Zink knüpft die Kontakte zu den entsprechenden Personen und gestaltet für jeden Abend einen Büchertisch mit Publikationen der Vortragenden.
Der Umstand, dass Vorarlberg über keine eigene Universität verfügt, schafft die notwendige Nische für die Tangenten. Und die ReferentInnen, die meist forschend oder lehrend im akademischen Umfeld tätig sind, empfinden es immer wieder als höchst anregend, mit einem Nichtfachpublikum zu diskutieren. Das intellektuelle Klima in Vorarlberg schätzt Bilger grundsätzlich nicht schlechter ein als in größeren Städten mit eigenen Universitäten. „Das Grundproblem in Österreich ist allerdings, dass es in den Medien generell keine Intellektualität gibt und ein beinahe intellektuellenfeindliches Klima im Land herrscht.“ Dafür existiere eine rege und lebendige Gegenkultur, die auch entsprechend subventioniert werde. Problematisch sei, dass viel vom intellektuellen Geschehen in Vorarlberg in Einzelorganisationen zerfalle, die zwar jede für sich gute Arbeitleisteten, aber an keinem Punkt zusammengeführt würden.
Mit ihrem Anspruch, ein breites Publikum erreichen zu wollen, sind die Tangenten auch in direktem Austausch mit Schulen und ermöglichen es SchülerInnen, mit den Vortragenden in eigenen Vormittagsveranstaltungen in Diskussion zu treten. Und für LehrerInnen sind die Abende sogar als Fortbildung anrechenbar.

Für die Zukunft der Tangenten gibt es konkrete Pläne. Die Homepage soll zu einem Diskussionsforum ausgeweitet werden und mit Texten und Hörbeispielen aus den Vorträgen eine tiefere Auseinandersetzung ermöglichen. Auch soll ab 2011 jährlich zusätzlich ein mehrtägiges Symposion stattfinden, bei dem eine Fragestellung von verschiedensten Seiten beleuchtet wird. Gestartet wird voraussichtlich im kommenden Frühjahr mit dem Thema Identität.

Einzelne Anekdoten über die zahlreichen Vortragsabende möchte Peter Bilger nicht herausgreifen, da jeder seinen eigenen Reiz habe – und weil es im neunjährigen Bestehen der Tangenten auch einfach zu viele gebe. Allerdings, so Bilger, sei es eine Superpanne für die VeranstalterInnen, wenn geplante Vorträge nicht stattfinden. Einmal sei es passiert, dass ein Abend ausfallen musste, weil alle Vortragenden kurzfristig abgesagt hatten – sinnigerweise bei einer Veranstaltung zum Thema Tod.