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Kunst im öffentlichen Raum

Zur Bedeutung des Diskurses um das Öffentliche

Öffentlicher Raum? Von autonomen Skulpturen über temporäre Projekte, Stadtmöblierungen, Gestaltung von Plätzen, kommunikativen und sozialen Interventionen bis zu Sound- und Lichtinstallationen ... All dies wird unter dem Begriff „Kunst im öffentlichen Raum“ subsumiert. Die Bandbreite reicht vom künstlerischen Produkt bzw. Objekt bis hin zur künstlerisch-urbanen Praxis.
Wenn der öffentliche Raum das Aktionsfeld dieser Kunst ist, so hat die Frage nach dem „öffentlichen Raum“ Brisanz. Handelt es sich um einen Raum oder sind nicht vielmehr unter diesem Überbegriff verschiedene Räume zu verstehen: öffentliche, halböffentliche, mediale? Der Rückzug des Staates aus ökonomischen und gesellschaftlichen Bereichen geht mit einer Privatisierung und Kommerzialisierung öffentlicher Räume einher. Soziale Heterogenität, Konflikte und Dissens sind in halböffentlichen und öffentlichen Räumen meist unerwünscht. Parallel mit Überwachung und sozialer Ausgrenzung und diese unterstützend läuft ein Prozess der Ästhetisierung und Gentrifizierung von kommerziell wichtigen Stadträumen ab. Öffentlichkeit ist genau wie Raum plural zu denken: Mediale Öffentlichkeit, Teilöffentlichkeit, Gegenöffentlichkeit ... Öffentlichkeit ist ein diskursives Prinzip, abhängig von gesellschaftlicher Teilhabe und bestehenden Machtverhältnissen und hat immer mit Ein- und Ausschluss zu tun.

„Damit ist keineswegs gemeint, Demokratie bestünde in einem fröhlichen Patchwork der Öffentlichkeiten. Demokratie bedeutet vielmehr, daß der Konflikt um die Frage, welche Öffentlichkeiten als politisch legitim toleriert werden und welche nicht, nicht von vornherein – etwa durch Rekurs auf ein quasitranszendentales Ideal kommunikativer Vernunft – automatisch schon entschieden ist.“ 1

In Zusammenhang mit Kunst im öffentlichen Raum ist Öffentlichkeit nicht nur räumlich zu verstehen, sondern in erster Linie eine Konstruktion, eine Haltung. „Öffentlich, das heißt eine Sphäre der Kritik, der Diskussion, der Beteiligung. Öffentlichkeit ist nicht per se vorhanden, sondern muss hergestellt werden. (…) Im 17. Jh. wird öffentlich mit dem Gemeinwohl einer Gesellschaft gleichgesetzt, während privat privilegiert, später dann geheim bedeutet. In der Kunst geht heute damit eine Anspruchshaltung einher, die den sozialen, historischen und architektonischen Umraum des jeweiligen Ortes thematisiert.“2

Entwicklung ...  Historisch betrachtet ist es das 20. Jahrhundert, in dem die Kunst die für sie vorgesehenen Räume wie Museen, Kunsthallen und Galerien ebenso wie das Feld des Privaten verlässt. Das Ideal der Autonomie der Kunst wird – zumindest teilweise – aufgegeben. Kunst ist hier nicht Atelierkunst, sondern (kuratierte) Auftragskunst oder auf Eigeninitiative von KünstlerInnen basierendes Projekt.
Die russischen Konstruktivisten stellten 1917 eine Kunst vor, die direkten Einfluss auf die Lebensumstände der Bevölkerung nehmen und die Trennung von Kunst und Leben aufheben wollte. Futuristen, Dadaisten und Surrealisten drangen mit ihren Aktionen in den Stadtraum vor. Nach 1945 waren es vor allem die Situationisten, Aktionisten und FluxuskünstlerInnen, die im öffentlichen Raum agierten.
In den 1970er und 1980er Jahren verband sich das aus dem Minimalismus kommende Ortsverständnis mit einem konzeptuellen Vorgehen. Nicht nur die materiellen und räumlichen Gegebenheiten eines Ortes wurden reflektiert, sondern auch die gesellschaftspolitischen Bedingungen. Ab den 1990er Jahren verstärkt sich dieser Ansatz. KünstlerInnen thematisieren Sexismus, Aids, Rassismus, Nationalismus, Globalisierung usw. im öffentlichen Raum. Beispiel für aktivistische und interventionistische Kunstpraxis dieser Jahre ist das Projekt Park Fiction3, bei dem KünstlerInnen in einem langen Prozess (nicht als punktuelles Event) in die Planung eines Stadtviertels eingriffen.
Im deutschsprachigen Raum war Kunst im öffentlichen Raum institutionell lange Zeit eng mit Kunst am Bau verknüpft. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die 1934 von den Nationalsozialisten eingeführte Praxis der Kunstförderung durch Kunst am Bau weitergeführt.
Während in Deutschland (beispielgebend die Stadt Hamburg) und den Niederlanden bereits Anfang der 1980er Jahre Kunst im öffentlichen Raum von der Bindung an Kunst am Bau gelöst wurde, erfolgte dies in Österreich erst 1996 durch das Land Niederösterreich4 mit einem eigenen Fördermodell. Neben Niederösterreich haben in der Zwischenzeit auch Wien und die Steiermark eine zeitgemäße Basis für diesen Bereich geschaffen.
In Tirol wird dieses Feld durch einen bzw. zwei nicht abgesicherte, vergleichsweise gering dotierte Wettbewerbe abgedeckt. Trotz mehrerer Initiativen verschiedener Gruppierungen wie der plattform kunst~öffentlichkeit5 und der Tiroler Künstlerschaft zur Initiierung eines Diskussionsprozesses und zur Schaffung geeigneter Strukturen scheint es daran von Seiten der Kulturpolitik kaum Interesse zu geben. Dazu passt, dass im neuen Kulturfördergesetz 2010 der Begriff Kunst im öffentlichen Raum nicht einmal erwähnt wird.
Möglichkeiten ...  Nicht Stadtbehübschung und Landschaftsmöblierung zur Imagepolitur von Städten und Regionen, nicht Gentrifikationshilfe für Spekulanten, nicht naiver Ersatz für Public Welfare sind die Forderungen an Kunst in öffentlichen Räumen, sondern gängige ästhetische Konventionen in Frage zu stellen, sich typischer Repräsentationsfunktion und Selbstreferenz zu entziehen, Konflikte offenzulegen und diese auch zu provozieren.
In diesem Sinn – und doch reflektierend, dass, „Kunst im öffentlichen Raum nie nur kritisches Instrument, sondern letztlich immer auch Teil des exklusiven, segmentierenden und privatisierenden Unterfangens ist“6 – hat sie die Möglichkeit, Instrument für konkrete gesellschaftspolitische  Auseinandersetzungen zu sein.