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MOLEcafé

Kunst zwischen Farben, Formen und Krisenintervention

#03 2010 / Isabella Krainer

Sabine Linser leistet Beziehungsarbeit. Baut Künstlerinnen auf, Ateliers um und Vorurteile ab.

Sabine Linser spricht gerne über ihre Arbeit. Während andere Politik machen, Fahrkarten kontrollieren oder Konzerne leiten, setzt die Innsbrucker Mal- und Gestalttherapeutin durch die künstlerische Begleitung von Frauen mit intellektueller Beeinträchtigung und psychiatrischer Diagnose berufliche Akzente. Als Projektleiterin der integrativen Ateliergemeinschaft Kunst und Drüber gehört die Überwindung bürokratischer Hürden zwar zum Tagesgeschäft, das Herzstück ihrer Tätigkeit sieht die energiegeladene Tirolerin aber in der intensiven Auseinandersetzung mit sorgsam ausgewählten Themen und Werkstoffen. Wie man sich das kreative Schaffen zwischen Farben, Formen und Krisenintervention vorstellen kann, beschreibt die Maltherapeutin als nachhaltig angelegten Prozess, der die Künstlerinnen „nicht nur gezielt fördern, sondern in ihrem ganzen Potential herausfordern und zum Bestmöglichen hinführen soll“. Derzeit besteht die Künstlerinnengruppe aus fünf Frauen. Da jede ihre eigene Geschichte erzählen will, sprechen die individuell gestalteten Fotografien, Collagen, Filzobjekte, Kurzfilme, Malereien oder Plastiken von der „Lust am Sein“ ebenso wie von der „Verzweiflung, die ein Leben am Rand der Gesellschaft“ mit sich bringen kann. Bei näherer Betrachtung kristallisiert sich allerdings, so Linser weiter, stets eine „ungeheure Spontaneität und Üppigkeit“ im ästhetischen Zugang der Frauen heraus, die den phantasievoll aufbereiteten Arbeiten die Handschrift jeder einzelnen Künstlerin verleihen. Ob die Frauen mit Lernschwierigkeiten oder Psychiatrieerfahrung lesen und schreiben können, ist für Sabine Linser nicht wichtig. Dass man sie als Künstlerinnen und emanzipierte Persönlichkeiten „ernst nimmt“, dafür umso mehr. Ein Grundsatz, dem sich auch Maria Peters (bildende Künstlerin), Ulla Speckle (Psychologin, Filzerin) und Karin Flatz (Künstlerin, Verantwortliche für das aktuelle Trickfilmprojekt) verpflichtet fühlen.
Neben der gezielten Förderung kreativer Fertigkeiten, wie dem Papierschöpfen, dem Siebdruck oder der Herstellung von Schmuckstücken aus Glas und Metall, bieten die Mitarbeiterinnen des feministischen Kunstkollektivs auch Seminare und Workshops mit gesellschaftspolitischem Hintergrund an. Warum das so ist, leitet sich von der leicht zu erklärenden, aber schwer zu verstehenden Tatsache ab, dass Menschen mit physischen oder psychischen Schwierigkeiten diskriminiert werden. Die gemeinschaftsstärkende Wirkung zivilgesellschaftlich elementarer Fähigkeiten zur Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität sollte sich zwar längst in einem breiten, gesellschaftlichen Diskurs  verortet haben, für Sabine Linser bestätigt sich der Verdacht jedoch zu oft, dass „die soziale Kompetenz vieler verantwortlicher Stellen und wirkmächtiger Institutionen nach der Schulpflicht junger Leute mit Lernschwierigkeiten oder psychiatrischer Diagnose aufhört“.
Ein Grund mehr, der die Malerin selbst zum Pinsel greifen lässt. Ihre persönlichen Werke beschreibt sie als „gruselig“. Kunst als „Chance zur Aufarbeitung“. Was in Künstlerinnen vorgehen kann, die Gefahr laufen, im männerdominierten Metier belächelt oder gar außen vor gelassen zu werden, weiß sie aus eigener Erfahrung. Wie es sich anfühlt, auf erfolgsversprechende Jobs verzichten zu müssen, „weil sie ja schwanger werden könnten, Fräulein“, auch. Und dass der „Stellenwert kreativen Schaffens“ hier zu Lande zwar vielerorts propagiert, im selben Atemzug aber auch kaltschnäuzig „heruntergemacht“ werden kann, beobachtet die Tirolerin seit Jahren.
Heimischen Nachwuchskünstlerinnen rät sie, sich „Wege zu suchen und festzuhalten“. Den Entschluss, selbst Künstlerin zu werden, fällte Sabine Linser mit zwölf. Die Entscheidung, es auch zu bleiben, trifft die Malerin seither jeden Tag aufs Neue.