Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Literatur

#3 2010 / Robert Prosser

BRAND —  REDE

und verbrenn mir nicht die Finger an den Säurebecken der Fabrik, in einer der unzähligen Hallen verschwinden Eisenplatten in schwarzgrün galliger Flüssigkeit, um den Arbeitsverlauf entsprechend mit Kupfer beschichtet nach Tagen wieder herausgeholt zu werden und bis dahin schluckweise verinnerlichter Kodex, vielmehr abgestumpftes Werken, fleißiges Wirren, einkaserniert in dümmlichem Stolz keine Eigenarten, bloß Kraft beweisend pünktlich in den Pausen stilles Kauen, das Brot zwischen Zähnen zermahlen, und graugewandet die kratzende Arbeitermontur von Säure bespritzt eingeschobene Drecksspritzer derbe Witze aus Mundversperrungen durchgekommen, und der Körper, eigentlich ausgemergelt, wird im Alkoholdunst geballt nur durch stolze Oberflächlichkeiten aufrecht gehalten, blätternd durch Tageszeitungen dem Pin-up-Mädchen ein Kommentar angedichtet, samt Hasstiraden auf Politiker diedaoben raunzt es in der Kammer immer wieder und wieder und wider den Ausblick auf Säurebecken, heißgewölbten Fabrikshallen, die darin aufgestaute Sommerhitze ist nicht zu ertragen, aber dennoch die Zähne zusammenbeißen und somit Ausdauer beweisen als beste Eigenschaft ist all die Sprache nichts als ein Skeletthaufen, von Vorurteilen durchklappert wie Stechkarten Löcher stanzen, um da hindurch den nächsten Vollrausch zu erblicken, die Zeiten in Minuten genau darauf notiert schreiben Monat für Monat die Maschinen schwarze Zahlen, aber das Sprechen ist nichts denn eine Marionettenbewegung, hastige Reaktion, weil am Schnürchen jedes einzelnen alle gemeinsam ziehen ein Gruppenruck //  
als Diktat ist ein jeder stolz auf den Wehrdienst, auf unbezahlte Überstunden und Schwarzarbeit am Wochenende, der Körper ist bloßes Werkzeug, folgt Anweisungen und nach der Schicht allesamt in die Gemeinschaftsdusche eingezwängt, verstecktes Blinzeln und Spähen auf andere Schwänze, und niemand will erkennen, wie die Körper älter werden, aufdunsen und mehr und mehr gesoffen wird, nicht nur, um damit zu prahlen, vielmehr, weil der Geist noch Regung zeigt und sich gewisse Niederlagen nicht einfach ohne weiteres schlucken lassen, ich meine, wie verletzlich sind wir denn trotz allem, Ängste vor Krankheit, Einsamkeit lassen sich nicht verdrängen, selbst wenn sämtliche Frauen Schlampen sind und die alten Arbeiter den Jüngeren deren Bettgeschichten neiden, bloß noch plappern von erfickten Heldentaten, und die Jungen nichts andres vermögen, als vom Puff zu erzählen. Kaum ist einer weg, zerreißt sich der Rest sein Maul hinterm Rücken das Fingerzeigen die Beschimpfungen in Vereinen organisiert, Musikkapellen, Feuerwehr ermöglichen zusätzliche Identifikation, falls nötig, lässt sich eine ganze Person aus Dorf- und Vereinszugehörigkeit basteln,
mit Arbeitsfleiß verschönert, und die Jugend verlangt natürlich nach Aufbegehrung, missachtet jedoch den Regeln entsprechend im Endeffekt nur die Geschwindigkeitsbegrenzung auf Landstraßen was sonst außer durchgefeierte Wochenendnächte oder zur Wochenteilung auf in die Großraumdisko 50cent kostet die Nacht billigfuselig in nachreifenden Mündern zu stumpfsinnigem Lallen verkommen. Den möglichen Inhalt an Traum und Hoffnung konsequent rausgekotzt, in Zeltfesten angepisst, sich rausgeprügelt, und das Sprechen: bloßes Zitieren, bis zur Fußnote kommen die wenigsten, nehmen höchstens den Umweg über andere Drogen, wechseln vom Alkohol, zur andren Wahrheitsseite der Doppelmoral, durch Bongrauch hinweg zu Ecstasy, Koks und erscheinen montags wieder dienstbereit klappern Stechkarten als Bestätigung der Pflichterfüllung denn wir dulden nichts andres schaut in der Gemeinschaftsdusche in den Spiegel, neben mir nackte Arbeiter und betrachte mir die Gesichter, abgestumpft vom Staub, Masken eines geregelten Lebens, wie rausgehämmert, kein Fühlen, nur die Krusten ein wenig aufgeritzt, sodass Augen, Mund bloße Löcher sind, eingestanzt von Staub Funken röten Augen, wie vom letzten Rausch brutal verklärt. Ein kleines Alkoholdepot besitzen die meisten, um auch unter der Arbeit einen Spiegeltrunk zu wagen, aber immerhin: wir dulden nichts andres als uns selbst immer dieselbe alte Leier //  
kaum zu glauben wie die Köpfe damit infiltriert werden, bis jeder mal im Rausch einen Absturz hat, um sich schlägt und schreit und weint Tobsuchtsflucht Gläser Scheiben einschlägt, auf die engsten Freunde drischt ein letzter Impuls ist das Verlangen nach Änderung ein Krallen am Ich, das, unter Arbeitszeit und Rauch nicht mehr anwesend, sich notgedrungen zur Faust ballt und Ausraster werden hingenommen ein Rundenzahlen später ist’s vergessen, doch manchmal bricht im Schnaps zuviel Erniedrigung aus, spricht tief in sich versteckte Wahrheiten ins totbleiche Gesicht rasender Rausch der Alltagsgärung, säuerlich monoton trüb als Schriftzug überm Autoheck prangt der Stolz der Jugend jage nicht, was du nicht erlegen kannst als jägermeisterliches Geweih über den Ärschen der Mädchen, weiterwildernd durchs Gewirr der Landjugend, ihre Bälle und Bettgeschichten und in Regalen die aufbewahrten Unternehmensgeschenke der Betriebsfeiern, Ferngläser, Taschenmesser mit eingraviertem Fabrikemblem, die Arbeiter zu binden, auf der Gehaltsstufe nach oben wankend im Grölen der Feierlichkeiten Gläser gehoben nachgeschenkt, da sich im Bierschaum zum Glück niemand erkennen kann, inmitten aufkeimender Verzweiflungstaten trägt im Grunde ein jeder einen gestreckten Mittelfinger in sich, denn der Gestank der Fabrik bleibt auf der Haut, lässt sich nicht abwaschen.