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Neue Zugänge zur Bildung

#03 2011 / Ulrich Lobis

Es gibt wenige Themen, die derzeit so im Mittelpunkt von Debatten stehen wie Bildung. Einen guten Überblick dazu verschafft ein neu erschienener Sammelband.

Mit seiner Theorie der Unbildung hat der österreichische Vorzeigeintellektuelle Konrad Paul Liessmann eine viel beachtete, wenngleich äußerst düstere Bestandsaufnahme der aktuellen Bildungssituation vorgelegt. Allerdings bot sein Buch weniger Lösungsvorschläge, als vielmehr einen Nachruf auf das, was er als die Bildung im eigentlichen Sinn sah. Als eine Antwort auf den Bildungspessimismus versteht sich der Sammelband Formen der Bildung: Einblicke und Perspektiven, der von der jungen Salzburger Philosophin Martina Schmidhuber herausgegeben wurde.

14 Beiträge beschäftigen sich damit, was Bildung heute bedeutet und in welche Richtungen der Begriff erweitert werden kann oder auch soll.
Ein paar Artikel sollen hier kurz vorgestellt werden: Im eröffnenden Beitrag gibt Liessmann selbst einen Überblick über die verschiedenen Bildungsbegriffe in der Philosophie, vor allem bei Humboldt und Nietzsche. Mit der Frage, was humanistische Bildung eigentlich ist und worin deren gedankliche Voraussetzungen bestehen, beschäftigt sich der Philosoph Michael Zichy. Spannend für die Geisteswissenschaften ist der Beitrag der Historikerin Lena Oetzel, die am Beispiel der historischen Disziplinen zeigt, dass solche       Fächer zum einen Erkenntnisse für die Gegenwart bringen, zum anderen aber auch eine Menge an Lustgewinn.
 
Unter den weiteren Beiträgen ist jener des Theologen Franz Gmainer-Pranzl hervorzuheben. Er fordert eine Erweiterung des Bildungsbegriffs zur Interkulturalität hin, nicht zuletzt auch um den eigenen Standpunkt besser zu verstehen und letztlich auch zu   relativieren. Den üblichen Rahmen der Grundsatzdebatte um den Bildungsbegriff sprengen die Beiträge des Psychologen Bernhard Schwaiger, der den Zusammenhang von Bildung und Emotion aufzeigt, sowie der Sozialwissenschaftlerin Gabriele Pöhacker, die sich der Frage von Bildung für Menschen mit Behinderung annimmt. Martina Schmidhuber widmet sich der Frage nach der Identität und zeigt, dass Bildung auch der Schlüssel zu Selbstbestimmung in der personalen Identitätsbildung ist.

Was dem Buch fehlt, ist ein Kapitel über die Verbindung von Bildung und gesellschaftlich-politischem Agieren. In Grundsatzfragen jedoch hilft es, einen Überblick über die aktuellen Herausforderungen, die sich in der Debatte stellen, zu erlangen. Es kann all jenen LeserInnen empfohlen werden, die, sei es beruflich oder privat, mit Bildungsaspekten zu tun haben, aber auch jenen, die sich nach der Lektüre der resignativen Theorie der Unbildung nach neuen Perspektiven umsehen wollen.

Martina Schmidhuber: Formen der Bildung: Einblicke und Perspektive. Wien: Peter Lang Verlag 2010. ISBN 978-3631593332