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»Von dem Zeitpunkt an war ich eher ein Regimekritiker als ein Kunstkurator.«

Anfang des Jahres verließ Stefan Bidner den Kunstraum Innsbruck. Barbara Pflanzner und Simon Welebil trafen den Kurator in Wien und sprachen über schlummernde Potentiale, den politischen Unwillen in Tirol und warum er mit Anfang 40 nochmal zum Direktor musste.

Sie waren insgesamt sechs Jahre lang im Kunstraum Innsbruck als Kurator tätig. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Im Prinzip war es eine sehr gute Zeit. Man hat die Möglichkeit gehabt, eigene Ideen zu entwickeln und zu realisieren, in einer ganz engen Zusammenarbeit mit Künstlern und Künstlerinnen. Vielleicht kam das Ende ein bisschen zu schnell, aber es war auch die politische Situation ausschlaggebend. Insgesamt schaue ich sehr positiv zurück.

Mit welchem kuratorischen Auftrag haben Sie Ihre Arbeit im Kunstraum begonnen?
Die Vorgaben waren im Prinzip das Budget: mit wenig Budget doch ein anspruchsvolles Programm zu gestalten. Vorgaben hat es in dem Sinn nicht gegeben, eher meine Vorlieben. Diese Freiheit habe ich zugestanden bekommen. Ich hab das immer gesehen wie ein verlängertes Wohnzimmer – man ruft ein paar Freunde an und kreiert was zusammen. So ist das Prinzip des Kunstraums aufgebaut gewesen.

Wie sehen Sie die Situation für zeitgenössische Kunst in Tirol?
Ich denke, ich spüre wieder eher einen Rückschritt in Richtung Tradition und Sport und es fehlt der politische Wille oder überhaupt ein Politiker, der dieses Potential der zeitgenössischen Kunst erkennen könnte oder erkennen möchte.

War die Situation noch besser, als Sie die Leitung des Kunstraums übernommen haben?
Es war anders. Es gab so eine Aufbruchstimmung. Die Künstlerschaft hat sich neu formiert. Die Taxisgalerie hat mit Silvia Eiblmayr ein Profil geschaffen. Kleinere Vereine sind gegründet worden, es ist etwas passiert. Letztendlich stehen dahinter immer sehr engagierte Menschen, die irgendwie das Bedürfnis haben, etwas zu verändern und etwas zu machen. Von offizieller Seite wird nur so viel gegeben, dass man es halt irgendwie machen kann. So lange das Engagement da ist, werden solche Dinge auch überleben. Viele Sachen werden wieder verschwinden, dann kommen wieder neue.
Ich denke, man sollte sich auch nicht immer auf dieses öffentliche Subventionssystem hinausreden. Die Zeiten sind einfach anders geworden und man wird auch andere Quellen anzapfen müssen. Das ist in Innsbruck einfach sehr schwierig, aber nicht unmöglich. Man kann nur hoffen, dass von den offiziellen Stellen, aber auch von Bürgern und Bürgerinnen, die im Prinzip auch mithelfen könnten, ein Umdenken stattfindet. Es geht nicht um Riesenbeträge, es geht um ein bisschen Unterstützung auch von deren Seite. Ich glaube, wenn ein breiteres Forum geschaffen würde oder wenn verantwortungsbewusstere Bürger sagen, okay, wir verstehen jetzt nicht alles, aber wir verstehen, dass es wichtig ist und unterstützen es, das würde schon reichen. Ich glaube, es könnte eine Kettenreaktion auslösen. Man muss ja nur mal rüber zu den Nachbarn schauen, bei Bregenz hat das funktioniert. Vor zehn Jahren waren die Bürger und Bürgerinnen genau so intolerant, wie sie überall waren. Nur hat sich das wirklich geändert, weil der eine oder andere Politiker das mitgetragen hat und weil es eine starke Kulturszene gab und weil man das Potential dort eben erkannt hat. Jetzt hat eine 30.000-Einwohner-Stadt sicher mehr Kulturoutput als Innsbruck oder andere Städte in der Dimension. Das ist ein Paradebeispiel. Und auch in Vorarlberg gibt es ein schönes Schigebiet und Wandergebiet und es gibt einen wunderschönen See. Die haben das einfach erkannt. In Tirol gibt es kein Kulturleitbild oder Ähnliches. Das wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung. Dass man endlich mal erkennt, was da für ein Potential brachliegt.

Warum hat die zeitgenössische Kunst in Tirol mit so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen?
Ich glaube, es ist eine gewisse Bildungsfrage. Kultur und Kunst hatten immer gewisse Feindbilder. Das ist historisch bedingt. Und gerade Politiker sind ein bisschen vorsichtig gegenüber Kunst- und Kulturleuten. Denen trauen sie nicht ganz, das verstehen sie nicht ganz. Das ist das Dilemma. Man kann das mit einem Generationsproblem vergleichen. Eine gewisse Generation hat Angst vor der Jugend. So ähnlich kommt mir das oft in der Kunst vor. Das ist zu verrückt, das ist zu unreif. Solche Dinge bekommt man dann in irgendeiner Diskussion vorgeworfen. Man wird in diesem Sinne oft nicht ernst genommen. Wenn man das auf die Bildung runterbricht: in Vorarlberg ist die Situation für zeitgenössische Kunst besser, dort gibt es aber nicht einmal eine Universität. Eine Universität ist kein Garant für ein Bildungsbürgertum, keineswegs. Es kann ja auch ein Vorteil sein, wenn man keine Universität hat, weil die eigenen Leute sich dann bewegen müssen. Aber in Bregenz war das alles vor über zehn Jahren nicht anders. Das war genauso ein verschlafenes Städtchen, genauso konservativ und im Prinzip allergisch gegen Kunst. Es hat ja tolle Projekte gegeben, „Kunst in der Stadt“ war so eine Reihe, wunderbare Aktionen, aber da hat man auch gemerkt, wie intolerant die Bürger teilweise sind, dieselben Bürger, die jetzt händeklatschend den FLATZ groß hochfeiern. Diese Bürger haben wenigstens eine Entwicklung gemacht, ich bin mir sicher, die haben jetzt ein besseres Leben. Und jeder kapiert jetzt: die Stadt profitiert von der zeitgenössischen Kunst.
Sie haben im Kunstraum sehr viele internationale Künstler präsentiert.

Inwiefern wurden Tiroler Künstler und Künstlerinnen im Kunstraum gefördert?

Es hat immer wieder Ausstellungen gegeben, z.B. diese „ca. 1000 Quadratmeter Tiroler Kunst“ im ehemaligen Kaufhaus Tyrol. Da haben wir über 70 Künstler Tiroler Provenienz gezeigt. Ich glaub, es war ein anderer Anspruch im Kunstraum, weil man Positionen gezeigt hat, die gerade am Absprung sind, die vielleicht auch schon etabliert sind oder etabliert werden. Ich denke, es war auch legitim, weil nicht so viel in diese Richtung gezeigt worden ist. Dass man jetzt nur Tiroler Künstler zeigt: Erstmal leben auch nicht mehr so viele Künstler vor Ort und das mit diesen Nationalitäten ist nicht mehr zeitgemäß. Interessant ist der Blick auf den österreichischen Raum im internationalen Kontext.

Trotzdem doch noch die Frage: Wie sehen Sie das Potential Tiroler KünstlerInnen?
Wir können die Frage auch auf die österreichische Kunstszene ausweiten. Über diese Dinge habe ich mir in letzter Zeit viele Gedanken gemacht, vor allem für das 20er Haus (gehört zum Belvedere; Ausstellungsraum für österreichische Kunst von 1945 bis heute im internationalen Kontext, Anm. d. Red.). Es fehlt einfach ein Haus, das Künstler, die in Österreich arbeiten, in den internationalen Kontext stellt. Das wäre ganz, ganz wichtig. Ich denke, es liegt speziell in der Eigenverantwortung der großen, offiziellen Museen, dass man mehr Raum schafft. Das Potential ist da.

Sehen Sie dann eher die größeren Häuser in der Pflicht diese Künstler herauszubringen, zu etablieren, zu zeigen?
Ja, klar. Die haben ein anderes Potential. Ein Kunstverein hat einen anderen finanziellen Background wie ein großes Haus und ich bin schon der Meinung, dass die Bundesmuseen mehr tun sollten, um die österreichische Kunst in einen internationalen Kontext zu bringen. Ein Austausch mit den größeren Häusern in Deutschland oder Frankreich wäre ganz wichtig. Wir leben jetzt im EU-Raum.

Warum ist es so schwierig, dass sich mehrere Häuser zusammentun und z.B. sowohl spanische Künstler in Österreich zeigen wie umgekehrt, dass wir diesen europäischen Raum mehr nützen?
Ihre letzten Monate im Kunstraum waren von einem Streit über Subventionskürzungen geprägt, der sich auf eine persönliche Ebene zwischen Ihnen und der damaligen Innsbrucker Bürgermeisterin Hilde Zach verlagert hat. Wie sehen Sie diesen Konflikt im Rückblick?
Rückblickend sehr problematisch. Einfach weil einem professionellen Politiker nicht passieren darf, dass er eine emotionale Ebene erreicht und es sehr persönlich nimmt. Diese Diskussion geht ja schon zwei Jahre zurück. In der Tiroler Tageszeitung ist einmal ein Interview mit mir abgedruckt worden, wo ich nicht die besten Worte gewählt habe. Ich habe einfach die Kulturpolitik schwer kritisiert, das wurde mir übel genommen. Die Folge war, dass ich ins Bürgermeisteramt zitiert worden bin. Ich hatte so ein Déjà-vu wie „ich geh jetzt zum Direktor“. Und mir wurde wortwörtlich gesagt: „So geht’s nicht, Herr Bidner.“ Von dem Zeitpunkt an war ich eher ein Regimekritiker als ein Kunstkurator.
Das hat sich dann im Jänner dieses Jahres zugespitzt, wo wir diese Performance mit FLATZ gemacht haben, die medial ziemlich breitgetreten worden ist und wo sich die Frau Bürgermeisterin disqualifizierend geäußert hat. Sie hat das mit den Erdbebenopfern in Haiti verglichen und gesagt, dass sie diese Selbstverstümmelung überhaupt nicht billigt, schon gar nicht im Kunstkontext. Daraufhin hat sie dann die ganzen Geldmittel eingefroren. Ich hab zu diesem Zeitpunkt ein Angebot bekommen vom Belvedere in Wien, war aber ursprünglich skeptisch. Schließlich habe ich mich doch entschlossen, den Job anzunehmen, Tirol zu verlassen und den Kunstraum aufzugeben. Ich war keine Woche weg und das Geld ist wieder geflossen. Es war also sicher auch etwas Persönliches, eine persönliche Abrechnung, die ich im Nachhinein wirklich bedauere.

Sie haben im März an eine der größten Kulturinstitutionen Österreichs, das Belvedere, gewechselt. Arbeitet es sich in Wien leichter?
Man muss dazu sagen, dass ich nicht mehr dort bin. Ich war ganz andere Strukturen gewöhnt und kann einfach menschlich nicht mit Museumsstrukturen. Es ist etwas zu „verbeamtet“, aber die Strukturen sind so. Man hat aber die Freiheit zu sagen: „Das ist doch nicht meins.“ Aber ich bin in freundschaftlicher Verbindung mit dem Belvedere und es wird auch so sein, dass ich in Zukunft die eine oder andere Ausstellung als Gastkurator tätige.
Ob es leichter ist in Wien? Es ist natürlich größer, hat natürlich einen ganz anderen Output, aber auch eine ganz andere Reibung. Ich denke, es gibt ein sehr großes Potential mit den Menschen, die hier vor Ort sind und ich hoffe, dass es mir in Zukunft auch gelingen wird, diese Kräfte zu bündeln. Das ist meine Idee, nicht nur als freier Kurator tätig zu sein, sondern auch wieder eine Plattform zu schaffen, die auch ein sehr kommunikativer Ort werden soll. Das ist etwas, was ich gerne mache und was ich auch gut kann: eine sehr intensive Arbeit mit Künstlern und Künstlerinnen zu betreiben, fernab vom Musealen oder vom kommerziellen Galeriebetrieb. Das könnte gerne so eine Mischung werden, dass man sich wieder besinnt auf mehr Solidarität unter den Künstlern und Künstlerinnen. Das versuche ich hier jetzt in den Griff zu bekommen. Und wenn das nicht klappt, dann: This country is too small for me.