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MOLE schafft Raum für Architektur

MOLEs Architekturseite wird, anders als üblich, Architektur nicht beschreiben. Viel mehr wird sie versuchen die Diskussion über diese anzuregen. Nicola Weber und David Schreyer versetzen sich dazu in entgegen gesetzte Extrempositionen. Den Anfang macht ein Projekt, das keinen/keine BewohnerIn Innsbrucks kalt ließ: Die Revitalisierung der Maria-Theresien-Straße bei gleichzeitiger Neuerrichtung des Kaufhaus‘ Tyrol. Unzählige Diskussionen machten das Bauvorhaben bereits vor dem Spatenstich zum Stammtischthema.
Schließlich entwickelte mit David Chipperfield ein echter Stern am Architekturhimmel den nun realisierten Baukörper. Etwas ruhiger lief der Wettbewerb zur Revitalisierung der „Prachtstraße“ ab. Jedoch sehen ExpertInnen und Laien auch nach Fertigstellung des Projekts verschiedenste Bedürfnisse unerfüllt.

Pro >>
Oder: den Umständen entsprechend
David Schreyer

Innsbruck hat es wieder,  sein Kaufhaus Tyrol. Es ist keine wirtschaftlich widersinnige Sehenswürdigkeit geworden, sondern ein vom Zeitgeist dominiertes Warenhaus, eine dem Konsum dienende Attraktion. Man darf davon ausgehen, dass das von David Chipperfield und Dieter Mathoi Architekten geplante Warenhaus wirtschaftlich auf gesunden Beinen steht. Die gestalterischen Rahmenbedingungen stimmen jedenfalls. Das Bauwerk ist attraktiv und wird von einer revitalisierten Maria-Theresien-Straße, erdacht von AllesWirdGut-Architekten, gerahmt.

Das Gesamtkonzept von Innenstadtkaufhaus und revitalisierter Prachtstraße möchte ich vom Stadtrand aus diskutieren. Die vielen letzten Jahre, in denen das altehrwürdige Kaufhaus Tyrol schwächelte, wurden im Osten und Westen der „Weltstadt“ fleißig genutzt, um riesige Einkaufszentren zu errichten. Mehr Konsumbaracken denn je verstellen hier heute das Inntal, von Verdichtung und Kompaktheit keine Spur. Diese Platzverschwendung wird nochmals unverständlicher, wenn man bedenkt, dass vor allem Platzmangel dazu führt, dass die Tiroler Landeshauptstadt bei den Preisen für Wohnraum zu den teuersten Flecken Österreichs zählt.

Das neue Kaufhaus Tyrol stellt ein Gegenmodell zur Platzverschwendung dar. Konsum wird hier vergleichsweise flächensparend betrieben. Der neu geschaffene Baukörper ergänzt die ebenfalls dem Einkaufen gewidmete Innenstadt zum einen dadurch, dass er wie ein Magnet unentwegt Kauflustige anzieht, zum anderen, weil die elegante Kubatur große Flächen für noch größere Handelsketten zur Verfügung stellt. Mehr als das so in Schwung gebrachte Stadtzentrum können nun auch die flächenfressenden Einkaufsdörfer an den beiden Stadtenden nicht bieten.

Das neue Kaufhaus Tyrol hat ein Gesicht, eine einfache Struktur reißt das Innenstadtensemble aus seinem Tiefschlaf. Recht großzügig wirkt der Innenraum des Bauwerks auf seine BesucherInnen. Viele Rolltreppen bequemen das Flanieren. Architektur-TouristInnen wird eine Vielzahl von Blickwinkeln auf diese neue Einkaufswelt ermöglicht.
Verlässt man diesen Mikrokosmos durch das Hauptportal, steht man auf der Straße, jedoch nicht ganz. Die Maria-Theresien-Straße ähnelt nun einem Platz, welcher die Innenstadt um eine öffentliche Ruhezone erweitern könnte. Die Tram wurde umgeleitet und der Kabelsalat entfernt. So gibt es das Bild von Annasäule und Nordkette ohne überirdisches Leitungsmaterial nun auch real und nicht nur auf retuschierten Postkarten. Goldene Mülleimer laden dazu ein, sämtlichen Unrat aus den Jackentaschen zu entfernen. Ein neuer Brunnen setzt einen Reiz, sich in Innsbrucks größtem Gastgarten zu entspannen.

Zwar wird das Kaufhaus Tyrol wohl nicht so oft bestaunt werden wie der Schiefe Turm von Pisa, aber jedenfalls bist du fesch geworden, mein Innsbruck!


 << Contra
Oder: Sind wir jetzt urbaner?
Nicola Weber

Praktisch fertig gestellt   und bereits heftig frequentiert ist sie, unsere alte Dame in der Innenstadt, doch wohin steuert Innsbruck mit Projekten wie dieser ordentlich aufgeräumten Flaniermeile mitsamt ihrem strahlenden neuen Kaufhaus? Welches Gesamtbild wird da Schritt für Schritt erzeugt und wessen Bedürfnissen soll es genügen? Bei aller Wertschätzung für zeitgenössische Stadtgestaltung, Innsbruck läuft Gefahr, zur angepassten Herzeigestadt für TouristInnen zu werden und immer weniger zum Nährboden für kulturelle Vielfalt und Identifikationsobjekt für seine BewohnerInnen. Die cleane Aufgeräumtheit verdrängt eine Atmosphäre der Urbanität, die für eine lebenswerte Stadt unentbehrlich ist.

Eine Freundin aus Deutschland, nach mehreren Jahren wieder zu Besuch in Innsbruck, meinte beim Bummel durch die Maria-Theresien-Straße, die Stadt sei richtig schick geworden. Schick, was für ein Urteil – für nicht wenige ein Kompliment für ihre Stadt, für mein Empfinden das Todesurteil für Vielfalt, Kreativität, Individualität. Schick, das heißt Ballerinas und Seidenhalstuch, heißt Bars im Zebrano-Look und cremeweißer Flokati. Glatt, sneak, aufgeräumt. Schick sind Städte wie München und Mailand, aber die sind wenigstens so groß, dass das weniger Schicke daneben auch noch Platz hat. Das Schicke, das Ordentliche und Aufgeräumte entspricht dem Mainstream, läuft aber dem Konzept des Vielfältigen, Offenen und langfristig Identitätsbildenden entgegen.   Es ist ja nicht so, dass wir unsere neue Flaniermeile nicht lieben dürften, so wie die WienerInnen die Kärntnerstraße lieben, oder den Graben, die Touristenmeilen eben, die unseren persönlichen Alltag nicht allzu sehr tangieren. Aber Innsbruck ist so klein, dass das Schick-Image alles einfärbt, die Un-Schicken entmutigt, das Improvisierte – per se der Erzfeind des Aufgeräumten – zu Tode saniert, bis es ins Bild passt. Es zieht Shopping-, keine KulturbesucherInnen an und liefert damit den vermeintlichen Beweis, dass es ein funktionierendes Konzept ist, das zu finanzieren sich lohnt. Daraus entsteht ein Gefühl, das mich beim Flanieren durch die Altstadt und Innenstadt Innsbrucks immer wieder beschleicht: Die Stadt gehört den TouristInnen.
Sicher ist Innsbruck in vielerlei Hinsicht auf seine Gäste angewiesen. Für die Innenstadt heißt das: Die vorweihnachtlich anreisende Italienerklientel muss eingefangen und auf die wenigen relevanten Straßenzüge gelotst werden. Hier wird investiert und mehr und mehr nimmt das ganze Stadtbild   ein gefälliges Touristen- und Einkaufsimage an – von Politik und InvestorInnen aufgebaut und gefördert. Die InvestorInnen bestimmen zunehmend die Stadtentwicklung – eine bedenkliche Verschiebung von Zuständigkeiten. Aber gelingt es, mit einem Kaufhaus und einer Prachtstraße Identität – auch für die BewohnerInnen – zu generieren?  Wenn PolitikerInnen und InvestorInnen von Urbanität sprechen, meinen sie meist einen geplanten und kalkulierten Stadtraum, durch den sich BewohnerInnen und BesucherInnen auf vorgegebenen Pfaden bewegen und organisierte Erlebnisse verabreicht bekommen. Abweichungen sollen möglichst ausgeschlossen werden. In erster Linie wird der/die StadtbenutzerIn als KonsumentIn eingeplant, der Stadtraum wird damit zum kontrollierten Konsumraum und Urbanität zum Marketinginstrument.  Das ist es nicht, was ich mit Urbanität meine!

Urbanität ist eine Grundstimmung, ist eigentlich unsichtbar. Urbanität ist Stadtkultur. Sie passiert von selbst, wenn der Boden bereitet ist. Mit Urbanität ist eine Lebensweise gemeint, die von Offenheit gegenüber dem Fremden, gegenüber kultureller und intellektueller Innovation geprägt ist, die experimentelle Lebensstile zulässt und an Entwicklungsprozessen, nicht nur an Ergebnissen, interessiert ist, auch bei der Stadtentwicklung. Problematisch für PolitikerInnen, TouristikerInnen und Werbeleute: Man kann das Flair der Urbanität nicht so einfach per Marketingstrategie entwickeln und über steigende Umsätze bestätigen, weil es in erster Linie mit dem Alltagsleben der StadtbewohnerInnen zu tun hat. Das wird in Innsbrucks Stadtplanung aber gegenüber dem kurzzeitigen Erlebniswert für den/die StädtetouristIn vernachlässigt. Die Ansprüche der konsumierenden BesucherInnen beeinflussen politische Entscheidungen stärker – so hat man das Gefühl – als das Bedürfnis nach kultureller Identität der BewohnerInnen.

Die Theresienstraße ist aufgeräumt worden. Gut so, aber musste das Aufräumen bis ins kleinste Detail gehen? Bis hin zur Platzierung des Würstelstands? „Im Rahmen halten, festlegen, steuern“ war offensichtlich die Devise, eine die sich übrigens auch am angrenzenden Sparkassenplatz in geradezu plakativer Form manifestiert hat: züchtige „Gastgartenschiffchen“ weisen eine womöglich überbordende Gemütlichkeit in ihre Schranken. Stadtnischen weichen Präsentationsflächen, Ordentlichkeit unterbindet Undefiniertheit.  Urbanität ist eine Grundstimmung, die in der Luft liegende Möglichkeit zur Veränderung. Sie ist das Zulassen von Vielfalt, das Einlassen auf Unvorhersehbares, der Mut zu unkonventionellen Strategien in der Stadtentwicklung. Sie schafft Rahmenbedingungen, die kreatives Potential binden. Innsbruck kann mehr sein als Shoppingmetropole und Sportgerät.

Dazu muss es aber Kultur in zeitgenössischer Form bis in den Stadtraum schaffen und dort die Alleinherrschaft des Shoppingimages brechen. Eine Großinvestition wie das neue Bergiselmuseum wird da wohl keinen Beitrag leisten, wohl aber sehr viel finanzielle Mittel binden, die woanders fehlen werden.