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MOLEcafé

Schmelzende Hoffnung

#03 2010 / Eveline Stark

Der Tiroler Regisseur Ernst Gossner beschäftigt sich in seinem neuen Dokumentarfilm Global Warning mit den Konsequenzen der globalen Erwärmung, allerdings blickt er in eine ungewohnte Richtung: in die Vergangenheit. Auf den Gletschern Nord- und Südtirols schmilzt langsam das Eis, und darunter tauchen Spuren des Ersten Weltkrieges auf. Auch dieser Krieg war damals ein globales Thema und barg für viele die Hoffnung in sich, Machtverhältnisse zu verschieben und Unabhängigkeit zu schaffen. Nun tauchen in einer erneuten Krisenzeit Relikte aus dieser Zeit auf, die daran erinnern lassen, dass jeder Krieg und jede Krise Spuren hinterlassen, die sich – wie die globale Erwärmung – nicht so einfach einfrieren lassen. Im Gespräch mit MOLE reflektiert Regisseur Ernst Gossner über seine Gedanken und Erfahrungen im Zuge der Recherchen zu seinem Film, der bald in Kino und Fernsehen zu sehen sein wird.

Wie lange arbeitest du schon an der Idee diesen Film zu machen, was hat dich dazu bewegt, und wie erträglich war die Arbeit?
Ernst Gossner: Als die Okkupation des Irak durch die amerikanischen Streitkräfte begann, war ich angeekelt von der offensichtlichen Hybris und von der amerikanischen Öffentlichkeit, der das nicht vollkommen egal war, aber die es im Prinzip hingenommen hat. Ich hab angefangen zu recherchieren und mich immer mehr gefragt, warum wir eigentlich Krieg führen.
Die Arbeit war großartig. Es ist mein erster Dokumentarfilm und die Arbeit ist völlig unterschiedlich zu einem narrativen Spielfilm. Viel mehr ein Prozess, der in diesem Fall drei Jahre gedauert hat, und die Geschichte hat sich in dieser Zeit mehr als einmal verändert.
Das Thema von GLOBAL WARNING ist sehr spannend – in einer Zeit der Finanzkrise, der politischen und industriellen Konflikte, tauchen Spuren des Ersten Weltkrieges auf. Welche Parallelen ziehst du zwischen damals und heute, im Film und für dich persönlich?
Es gibt viele Parallelen: So wie 9/11 schockierte auch die Ermordung des Habsburger Thronfolgers die Öffentlichkeit. So wie die Kriegserklärung Österreichs vorgab ein Verteidigungsakt zu sein, war auch in den folgenden Kriegen dieser Welt immer Teil der Kriegspropaganda des Angreifers, dass es sich um pure Verteidigung handle. So wie die Ursachen des 1. Weltkrieges Machterhaltung/erweiterung bzw. industrielle Gier waren, sind diese nach wie vor Ursachen heutiger Kriege.

Es gab bestimmt Momente, in denen du persönlich berührt, schockiert oder entsetzt warst. Kannst du ein Beispiel nennen?

Berührend waren die Momente auf dem Tukettjoch in den Südtiroler Bergen, als ich auf 3500 Meter in einer alten Stellung des 1. Weltkrieges stand, die soeben aus dem Gletschereis hervorkam. Zwischen den Holzbrettern steckte noch das grüne Moos, das sie zur Wärmedämmung verwendeten. Und neben dem Ofen lagen die noch völlig intakten und scharfen Granaten, bereit wieder verwendet zu werden. Komisches Gefühl, dies alles inmitten einer sonst unberührten Gletscherbergwelt zu finden. Ein absurdes Bild von Natur und Krieg.

In einem ZIB2-Interview wird gesagt, dass du planst, einen Hollywoodthriller zum Thema globale Erwärmung und Krieg zu machen. Gibt es da schon konkrete Pläne?
Ja. Wir sind derzeit dabei einen internationalen Spielfilm aus diesem Thema zu entwickeln. Mal schaun...

Ernst Gossner ist Filmemacher aus Tirol. Vor seinem Studium am American Film Institute in Los Angeles war er als Schauspieler in Österreich, Deutschland und Italien tätig. Sein erster Langspielfilm, South of Pico (2007), ein Drama, das in Los Angeles spielt, hat international auf Filmfestivals Preise abgesahnt, unter anderem den Publikumspreis des Internationalen Film Festivals Innsbruck, das er 2008 eröffnete. Der Film wird bald in den österreichischen Kinos laufen. Gossner lebt in Los Angeles, Wien und Innsbruck. Global Warning ist sein erster Dokumentarfilm.