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MOLEcafé

„Just my two cents“ – Social Payment im Web

#03 2010 / Martin Fritz

Vom Fluch und Segen neuer Bezahlsysteme für KulturarbeiterInnen unter digitalen Bedingungen

Die Musikindustrie hat es schon vor Jahren zu spüren bekommen: Digitale Güter lassen sich ohne Verlust des Gebrauchswerts beinahe kostenlos kopieren, über das Netz verbreiten und konsumieren. Dieses Glück der passionierten DownloaderInnen, die für Musik nicht mehr bezahlen wollen, steht dem Glück der ProduzentInnen und VertreiberInnen von Kulturgütern, für ihre Arbeit Bares zu sehen, freilich diametral entgegen. Denn wo alles im Überfluss vorhanden ist, funktionieren Bezahlschranken nämlich nicht mehr – die verdammten UserInnen holen sich ihr Zeug dann einfach woanders her.

Mit immer besseren Bildschirmen, die auch für ein angenehmes Lesen längerer Texte geeignet sind (und natürlich dem ganzen E-Book-Reader- und Tablet-Kram), stellt sich dieses Problem auch ganz normalen WissensarbeiterInnen, also tendenziell allen, die am Computer sitzen, um irgendwelche Texte zu erstellen. Und so verwundert es nicht, dass derzeit einige Dienste im Netz für Aufsehen sorgen, die mit dem Versprechen antreten, genau das Problem lösen, dass einerseits ProduzentInnen im Netz ihre Penunzen zusammenkriegen und zweitens Inhalte trotzdem frei zugänglich bleiben.

Am bekanntesten ist dabei derzeit Flattr  (übrigens von Peter Sunde gegründet, der auch die Download-Suchhilfe The Pirate Bay betrieb), ein Kunstwort aus „Flatrate“ und „flatter“, also schmeicheln, bei dem UserInnen einerseits eine monatliche Flatrate festlegen, die sie für Inhalte im Netz ausgeben möchten und andererseits bei allem Content, den sie im Netz anbieten, einen Flattr-Button installieren können. Die Verteilung des Zasters funktioniert nun so: Klickt ein/eine UserIn im Monat auf nur einen Button („flattert“ also den Inhalt, der dem Knopf zugeordnet ist), bekommt der die gesamte Summe, die er/sie monatlich ausgeben wollte (z.B. einen Euro). Klickt er/sie jedoch auf hundert Buttons, bekommen alle hundert geflatterten Items ein Hundertstel seiner/ihrer Flatrate (wenn die ganze Flatrate ein Euro war also einen Cent). Durch den geringen Aufwand (nur ein Klick) sollen so auch kleinste Bezahlvorgänge komfortabel möglich werden – gewissermaßen ein freiwilliges Dankeschön für gute Inhalte, das die Dankenden wenig kostet und den Bedankten doch in Summe einiges einbringen kann. Der derzeit zweitbeliebteste Dienst Kachingle funktioniert in etwa gleich, nur dass hier ganze Seiten und nicht etwa ganz spezifische Blog-Postings durch Klicks belohnt werden.
Die Vorteile für ProduzentInnen und KonsumentInnen (und alle jene, die beide dieser Rollen annehmen und im Netz die Mehrheit stellen dürften) liegen aus Sicht der BefürworterInnen dieser „Social Payment“ genannten Systeme auf der Hand: Niemand muss für etwas im Vorhinein bezahlen, was sich im Nachhinein vielleicht doch als nutzlos erweist. Zieht jedoch jemand großen Nutzen aus einem Text im Netz, ist er/sie vielleicht gern bereit, freiwillig seine/ihre Anerkennung auch finanziell zum Ausdruck zu bringen – und Dienste wie Flattr oder Kachingle machen dies unkompliziert möglich. Und genau diese Belohnung, so die Theorie weiter, macht das Bereitstellen von neuem Inhalt im Netz wieder möglich und sinnvoll. Voilà: Das Geschäftsmodell für das Publikationsmodell des Web 2.0: Publish now, filter later.

Kritischere Stimmen weisen hingegen darauf hin, dass ein gar nicht so geringer Teil des Geld-Kuchens doch wieder beim Bezahlsystem selbst hängen bleibt (die Flattr-Server und die ganzen Mini-Überweisungen kosten am Ende halt doch was, auch wenn das Flattr-Button-Klicken noch so einfach ist) oder fragen nach datenschutzrechtlichen Aspekten – denn die Daten darüber, welche Sachen mir persönlich gut genug gefallen haben, dass es mir Geld wert war, sind ja kommerziell nicht uninteressant.
Ein weiterer Einwand gegen Social Payment liegt im Zweifel, ob die angenommene ausgewogene (um nicht „gerechte“ sagen zu müssen) Verteilung zwischen den UserInnen wirklich in dem Sinn funktioniert, dass guter Content belohnt wird, oder ob nicht am Ende (wie im echten Leben) der Teufel doch wieder auf den größten Haufen scheißt. Da bei Flattr angezeigt wird, welcher Beitrag wie oft geflattert wurde, lässt sich genau das leicht überprüfen und die ersten Zahlen scheinen dieser Befürchtung recht zu geben: Während z.B. der Webauftritt der Berliner taz ein nicht zu geringes Zubrot für die beliebte linke Tageszeitung via Flattr erwirtschaftete und die Postings in Blogs, die soundso alle lesen (wie Bildblog oder Spreeblick) ebenfalls häufig in den Flattr-Charts aufschienen, mussten sich DurchschnittsbloggerInnen eben mit wenigen Cents begnügen, wenn ihnen nicht ein Zufallshit gelang (aber wer könnte damit schon vorausschauend haushalten).
Denkbar wäre ferner, dass sich nach einer Eingewöhnungsphase der UserInnen (die derzeit vor allem Meta-Reflexionen zu Flattr hoch belohnen) durch die Transparenz der Bezahl-Dienste auch der umgekehrte Effekt des „Wer schon hat, dem wird gegeben“ einstellen könnte: Eine sinnvolle Überlegung könnte ja auch sein, gezielt noch selten geflatterte Sachen zu unterstützen und dafür bei einem schon 99 mal geflatterten Beitrag eher zu knausern, auch wenn der/die AutorIn des Beitrags gerade mit meinem hundertsten Flattr-Klick sich die Butter aufs Brot auch noch leisten hätte können.
Generell sind Gesamt-UserInnenzahlen von Social-Payment-Diensten derzeit ohnehin noch so gering (sonst würde ein Artikel wie dieser auch wenig Sinn ergeben), dass es vielen nicht übertrieben scheint, die obigen Zahlenspiele schlicht damit zusammenzufassen, dass sich derzeit ohnehin nur ein kleiner Haufen an Early AdopterInnen und BloggerInnen gegenseitig Peanuts hin- und herschieben – wie sich das entwickeln wird, ist selbst mittelfristig sehr schwer abzusehen.
Abgesehen vom Verteilungsproblem (das im Übrigen noch weitaus pingeliger diskutiert wird: Ist z.B. ein Video in einem Blogbeitrag eingebunden, ist dann der/die VideoautorIn zu flattern oder der lustige Kommentar im Blog dazu?) besteht aber noch eine grundsätzlichere Skepsis: Begibt sich nicht, wer unter seinen Blogpostings Flattr-Knöpfe anbringt, doch wieder in eine Art KundInnenverhältnis mit den LeserInnen? Verleitet Flattr so zu Gefälligkeit („wenn ich xy schreibe, bekomme ich viele Flattrs“), die der Unabhängigkeit von Blogs entgegen läuft? Zerstört eine Aufforderung zum Zahlen (die der Flattr-Button letztendlich ist) nicht doch die Ungezwungenheit der Kultur des Sharens, die das Web 2.0 zu dem gemacht hat, was es ist? Ist Flattr funktionierende Schenkökonomie oder deren Gegenteil? Oder sind das alles zu idealistische Einwände und Flattr nur das geringere Übel im Vergleich zu Werbung? Denn ganz ohne Marie läuft das Web 2.0 ja auch nicht – Server zu betreiben und Zeit, um Texte schreiben zu können, zu haben, braucht halt doch Kohle, die irgendwo herkommen muss.
Ob und wie sich Dienste wie Kachingle und Flattr also durchsetzen werden, ist derzeit alles andere als geklärt. Unbestritten ist aber, dass im Netz derzeit grundlegende Fragen entschieden werden, von wem und wie Kulturgüter bezahlt werden können, sollen oder müssen sowie was Begriffe wie Urheberrecht, Copyright oder geistiges Eigentum im digitalen Zeitalter noch heißen können (und es bestünden da ja auch noch diverse andere Zugangsweisen wie Creative Commons oder Sozialismus, um nur zwei willkürliche Beispiele zu nennen). Was auch immer dabei rauskommt, es bleibt spannend. Denn Informationen wollen frei sein, unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise ist das aber nur möglich als free as in speech und nicht als free as in beer.