Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Techno Tirol

#03 2010 / Albrecht Dornauer

Anfang der Neunzigerjahre breitete sich von der Stahlstadt Detroit das Technofieber über den Planeten aus. Und da Tirol sich ebenfalls auf diesem Planeten befindet, liefen auch hierzulande bald einmal elektronische Beats über Lautsprechersysteme im ganzen Land.

Allgemein gesehen entwickelte sich Techno parallel an verschiedenen Orten des Erdballs und war anfänglich der Überbegriff über mehrere Arten elektronisch produzierter Musik. Deutsche Avantgarde wie Kraftwerk, Yello oder andere Synthesizer basierte Neue Deutsche Welle Bands, elektronische Popmusik wie z.B. Depeche Mode, EBM (Electric Body Music) mit Vertretern wie Front 242 oder Nitzer Ebb, aber auch Industrial mit beispielsweise Cabaret Voltaire und Throbbing Gristle oder der von europäischer Musik stark geprägte Detroit Techno wurden unter dem gemeinsamen Deckmantel „Techno“ wahrgenommen und zusammengefasst. Detroit war damals als Zentrum der US-amerikanischen Autowirtschaft ein Symbol einer hoch technologisierten Stadt, die auf Grund düsterer Zukunftsszenarien und Krisen dem Verfall preisgegeben war. Man schien sowohl das „gerade“ Hämmern und Dröhnen der Fabriken als auch die Kälte und melancholische Zukunftslosigkeit in den düsteren elektronischen Beats wiederzufinden. Bald wurde der Begriff Techno weltweit verwendet, wenn es darum ging, im Moment zu feiern und zu tanzen, anstatt am Grübeln über das Morgen zu verzweifeln.

So vielseitig die Einflüsse international waren, die zur Begründung der Techno-Kultur führten, so vielseitig waren sie auch in Tirol.  Die tiefsten Wurzeln der DJ Kultur in Tirol führen zurück zur Cosmic- und Afro-Szene der frühen Achtziger.  „Hätte man damals auf das Dach eines jeden Hauses, in dem zwei Plattenspieler und ein Mischpult standen, ein rotes Licht montiert, wäre Innsbruck ein Lichtermeer gewesen“, erinnert sich Martin Wazac, allseits bekannt als DJ Waz. Als sich in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre der Space Disco Cosmic Sound immer mehr in Richtung Panflöten-Afro samt Micky-Maus-Stimmen entwickelte, suchten einige der DJs nach neuer Inspiration in anderen Musikrichtungen. „Ich wurde von einigen fast als Nestbeschmutzer gesehen, als ich der Afro-Gemeinde den Rücken zukehrte“, erzählt Robert Ennemoser, der sich bis zu seinem Umstieg zu elektronischer Musik bereits mit einigen Produktionen in der Szene einen guten Namen als DJ und Produzent gemacht hatte. Beide, DJ Waz und DJ Enne, verbindet ein ähnlicher Werdegang vom Cosmic DJ über Acid House bis zum Techno. Acid House, das sich von Chicago aus ab 1985 Platz in DJ-Sets der internationalen Clubs erspielte, war einer der direkten Vorgänger von Techno. Ab 1987 in Europa, gab es auch in Innsbruck ab 1988 einige Veranstaltungen (Z6, aber auch im Kongresshaus), die erstmals elektronische Tanzmusik im Bereich von 118-135 bpm (beats per minute) spielten. Wenn auch die Blütezeit von Acid House auf in etwa drei Jahre begrenzt war, so legte die Subkultur unter dem Logo des fröhlichen gelben Smilys den Grundstein für vieles, was Anfang der Neunziger gemeinhin als Rave bezeichnet wurde.

In Zeiten, in denen das Internet nicht existierte und Trends nicht per Facebook, Twitter oder einer Flut an überall aufliegenden Musikmagazinen verbreitet wurden, brauchte es fast wie im Mittelalter Reisende, die die Neuigkeiten aus fremden Ländern verbreiteten. Im Falle von Techno waren diese Reisenden die mobilen Soundsysteme, die gerade in England sehr verbreitet waren.
„The only good system is a sound system“, war das Motto der Musiknomaden, die nach altem jamaikanischen Vorbild, sich mit ihrem Equipement dort niederließen, wo sich ein geeigneter Platz für eine „Free Party“ fand: In Fabriken, leerstehenden Hallen und Ruinen oder als Open Air, es wurde stets unangemeldet gefeiert. 1989/90 kam mit Spiral Tribe, einer dieser englischen Musikkarawanen, der Techno nach Österreich. In Wien gab es eine lebendige Szene rund um Christopher Just und das Mainframe Kollektiv, die regelmäßig in der alten Industriearchitektur-Kathedrale Gasometer veranstalteten.
Nach Tirol gelangte die Kunde der stampfenden Beats in etwa um die gleiche Zeit, gebracht allerdings von anderen Reisenden, den Ski-Touristen. „Ich war in Sölden als DJ auf Saison arbeiten, als mir irgendwann Gäste aus Frankfurt eine Kassette zusteckten und meinten, ich solle das mal spielen“, erzählt DJ Enne über seinen Erstkontakt mit Techno. Auf Grund seiner vom Cosmic und Afro gut ausgebildeten Mix-Fähigkeiten wurde er bald von den Frankfurter Gästen eingeladen, selbst einmal DJ-Gast in Frankfurt zu sein. Da es in Innsbruck damals keine Techno-Platten zu kaufen gab, reiste Enne bereits zwei Tage vor dem Auftritt an, um sich mit genügend frischem Material einzudecken. Es sollte nicht der letzte Auftritt in der Stadt am Main gewesen sein, und bald nach seiner Rückkehr begann er Techno in Innsbruck populärer zu machen.

Im März 1992 war es dann soweit, nach einigen kleinen Partys mit lokalen DJs fand im damaligen Areal des Hauses am Haven (heutiges Hafen Areal am Innrain) Tirols erste Techno-Party Leave The Planet mit internationalen DJs statt. Die Gäste: Sven Väth und DJ Hell, damals noch als DJ G-Hell. Aus heutiger Sicht ein unfassbares und vor allem unbezahlbares DJ-Booking für damals 500 Gäste. Das Haven-Gebäude eignete sich auf Grund seiner etwas dezentralen Lage perfekt, um den Anforderungen einer Technoparty gerecht zu werden: Industrieruine, wenige Nachbarn und die Möglichkeit, von der Polizei ungestört bis zu Mittag des folgenden Tages zu feiern.

Innsbruck war aber nicht der einzige Fleck auf der Tiroler Landkarte, an dem sich das Technofieber auszubreiten begann. Kufstein und das Zillertal hatten 1993 veranstaltungsmäßig gleichviel zu bieten wie die Landeshauptstadt. Da das Publikum vom Angebot noch nicht so übersättigt war und die Zahl der Rave-Nächte im gesamtdeutschen Sprachraum gering war, gab es einen ausgeprägten Partytourismus. Regelmäßig kamen Besucher aus Bayern, der Schweiz, aber auch aus Wien angereist, um sich in Tirol die Nächte um die Ohren zu schlagen. Die eingeladenen DJs der Unterland-Raves waren damals wie heute keine Unbekannten, wie beispielsweise DJ Rock, Chris Liebing, Thomas Schumacher, Pascal F.E.O.S. oder Roberto Q. Ingram. Die Gagen betrugen bereits in frühen Zeiten stattliche Beträge von 1000 Mark, steigerten sich bald aber auf 3000-4000 Mark – ein auch nicht zu unterschätzendes Risiko für die Veranstalter.

In Kufstein waren es die Brüder Siegfried und Ludwig Richter, die mit ihrem Verein Raveline zur Förderung der Technokultur für den Aufbau einer Szene und Veranstaltungen in Kufstein, Kirchbichl, Westendorf oder Wörgl sorgten. Auch veranstalteten sie, bevor im Zillertal der Bundesstraßen-Tunnel für den Verkehr freigegeben wurde, einen der wenigen Tiroler Tunnelraves. Im Zillertal selbst stellte der aus der EBM (Electric Body Music) kommende DJ Orbiter alias Hermann „Heppa“ Prinoth die treibende Kraft dar, die hinter der Organisation regelmäßiger Club-Nächte in der Blue Box und dem Notti Divine stand. Höhepunkt stellten zwei Outdoor-Raves auf 1700 Höhenmetern dar. Für die Veranstaltungen lieh Heppa die 24KW-Soundanlage in Deutschland, da in Tirol zu der Zeit niemand ein solches Lautsprechersystem anbot.
„Eigentlich stattete die Firma nur Arena-Rockkonzerte à la
 Nazareth aus, per Sattelschlepper wurde dann alles ins enge Tal gebracht.“ Leider waren beide Termine Regentage, dennoch kamen 500 Gäste und der finanzielle Verlust hielt sich in Grenzen. Möglich wurde vieles durch gute Kontakte zu den Plattenläden Shark’s Records in Rosenheim und Tom Novys Münchner Laden Recordstore. Beide Ladenbesitzer halfen stets bei Bookings, sorgten für Nachschub an frischer Musik und halfen den Unterländern auch bei Promotion und Vernetzung.
„Man kann aber sagen, dass der Austausch zwischen Tirol und München auf Augenhöhe passierte. Hiesige DJs waren gern gesehene Gäste in München, da sie vor allem gut mixen konnten. Auch wenn man aus einer Kleinstadt kam, hatte man nie das Gefühl, von der Münchner Szene herabgewertet zu werden“, so DJ Waz, der bei fast allen Partys in den Anfangszeiten der Tiroler Techno-Geschichte im Einsatz war. Genauso wenig gab es in der Szene Underground oder Overground. Auf Partys spielten die DJs Techno, House oder Trance hintereinander, ein Musikmix der heutzutage auf drei Floors aufgeteilt ist. Jeder hatte sein Publikum. Vertreter des tranceartigen Technos, der sich bald in Richtung Goa entwickelte,waren beispielsweise die Brüder Jon und Harry Brando (eigentlich Brandl), DJ Smoke und Gerry Schlechter. Die Goa-Community wuchs bald auf eine stattliche Größe und verselbstständigte sich in Form vieler Partys in und um Innsbruck.

Die Szene wurde allgemein breiter,  und je mehr Leute aktiv sind, je mehr Partygäste und Partymaterial es gibt und je mehr man damit Geld verdienen kann, desto eher kommt der Punkt, von dem an nicht mehr alles freundschaftlich abläuft. Der zweite Schub für die Szene kam 1994-96. In der Universitätsstraße (heutige Burgtaverne Steakhouse) eröffnete mit dem Boing Innsbrucks erster reiner Technoclub. DJ Foolzpeed, auch bekannt als Hiphop- und Reggae-DJ Danman, hatte 1994 als 13-Jähriger einen regelmäßigen Sonntagnachmittag-Rave im damaligen Utopia (heute Weekender Club). Sein Vater Egone Scoz (siehe Seite 10), der als Künstler und Plattenverkäufer in der Soundstation arbeitete, versorgte seinen Sohn stets mit den neuesten Gabber- und Thunderdome-Produktionen und ermutigte ihn zu einer DJ-Karriere.
Umtriebig war auch Hannes Baumann aka DJ Baumeister H. Seit jeher ist er damit beschäftigt, für Partys besondere Locations zu adaptieren. 1996 veranstalte er mit Freunden wie DJ Waz oder DJ Oranshee einige legendäre Rave-Partys im Unterbau der Fahrbahn der Autobahn auf Höhe des Innsbrucker Westbahnhofs – authentischer London Rave Flair in Innsbruck. 
Die umstrittenste Persönlichkeit der Innsbruck Techno-Szene war auf jeden Fall der aus der Afro-Szene kommende Andreas Possard aka H.Posse, der wertgeschätzt wurde für die Bookings der damals größten DJ-Namen in die Tiroler Provinz, aber gleichermaßen auch kritisiert für gnadenloses Überplakatieren anderer Veranstaltungen sowie den Versuch, sich den ganzen Techno-Kuchen zu schnappen. Unzählige Partys gehen über die Jahre auf H. Posses Konto, vom Hafen bis zum Instinct Club. Nach einem gerichtlichen Streit mit Hafen-Pächter Schmid verließ Possard Innsbruck und ist seither als DJ international gut gebucht. Teil der Techno-Szene sind und waren sie alle und ihnen sowie dem generellen technischen Vorschritt ist es zu danken, dass es heute Techno an allen Ecken und Enden der Stadt gibt.