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MOLEcafé

VERortung im Raum

#03 2010 / Simon Welebil

Friedrich Biedermann stellt bei der EXPO in Shanghai seinen Displacer aus, und allen Schneebällen. 

ChinesInnen, die Schneebälle werfen. Das ist das Bild, das uns vom österreichischen Auftritt bei der Expo 2010 in Shanghai in Erinnerung bleiben wird. Dass mit Friedrich Biedermanns Medienskulptur Displacer auch zeitgenössische Kunst auf der Expo präsentiert wurde, ist an vielen spurlos vorübergegangen. Die Berichterstattung über die Expo kam kaum aus den Wirtschaftsseiten raus. Dort konnte man über die Größe der Pavillons lesen (der österreichische Pavillon war übrigens einer der kleinsten), die Wirtschaftskontakte, die österreichische Unternehmen knüpfen konnten, mit wem der Bundeskanzler und seine Delegation die Hände schüttelten, dass eine Volksmusikkapelle im Pavillon aufgetreten ist, und eben auch, wer aller Schneebälle geworfen hat. Da hilft auch nicht, dass Biedermann in der Aussendung der APA noch vor den Schneebällen erwähnt wird. Im Buhlen um mediale Aufmerksamkeit hat er gegen die Schneebälle verloren. Die sind eben greifbarer als moderne Skulpturen.

In den Pavillons der anderen Länder und Unternehmen weiß man das anscheinend, dort wurde auf zeitgenössische Kunst gleich ganz verzichtet. Nur im österreichischen Pavillon wird die Kunst in die nationale Leistungsschau, die die Weltausstellung darstellt, miteinbezogen. Die Frage, warum sich denn ausgerechnet Österreich mit der Hereinnahme eines Künstlers aus dem Fenster lehnt und seinen Auftritt nicht nur am Geschmack der Masse ausrichtet, ist berechtigt.
Verantwortlich für die Teilnahme Biedermanns auf der Weltausstellung sind die ArchitektInnen von SPAN, die gemeinsam mit Zeytinoglu den österreichischen Pavillon entworfen haben. Die Zusammenarbeit von Biedermann und SPAN reicht schon länger zurück, sowohl konzeptuell, von ihrem Raumverständnis, als auch von ihrer Arbeitsweise passen sie gut zusammen. Sowohl der Medienkünstler als auch die ArchitektInnen, generieren ihre Entwürfe komplett am Computer. Das Design des Pavillons und die Skulpturen Biedermanns entstehen am Bildschirm. Ihre Arbeiten ergänzen sich perfekt.

In Shanghai ist Biedermann so zu seinem bisher größten Publikumserfolg gekommen. Bereits zwei Monate nach seiner Eröffnung zählte der österreichische Pavillon über eine Million BesucherInnen, bis zum Ende am 31. Oktober werden es wohl drei Mal so viel sein. Doch nicht alle von ihnen konnten die Arbeit Biedermanns sehen. Sein Displacer war im Vorraum des VIP-Bereichs platziert und somit „nur“ jener Tausendschar mit VIP-Pässen vorbehalten. Die Exklusivität hält sich in Grenzen.

BesucherInnen, die es eilig haben, alle Pavillons zu sehen, mögen die Skulptur nur als eine PowerPoint-Präsentation wahrnehmen. Dabei sind Beamer und Bilder das Einzige, was eine PowerPoint-Präsentation und die Arbeit Biedermanns gemeinsam haben. Meterlang winden sich weiße PMMA-Glasfaserkabel durch den Raum und verbinden mehre Beamer mit Objektiven. Die Kabel sind in einer eigens für den Raum entworfenen Form berechnet und angeordnet, Biedermann bezeichnet das als „Malerei mit PMMA-Fasern“, nur dass das Bild eben im Raum entsteht. Der Computer wird dabei zum Pinsel.

Die Bilder, die in Shanghai durch den Displacer gejagt werden, Fragmente aus den Bildern der Fassaden, stammen aus dem Mediencontent des Pavillons. Der Displacer wird somit zum „Kleinhirn des Pavillons“, der das prozessorientierte Entwerfen auf den Punkt bringt und in diesem Raum vernetzt. Die Bilder kommen aber nicht in derselben Form auf den Wänden an, wie sie von den Beamern ausgeschickt werden. Sie werden über die einzelnen Stränge der Glasfasern aufgesplittet. Innerhalb der Skulptur werden sie zuerst sichtbar, die PMMA-Fasern beginnen zu leuchten und geben die Information weiter. Die Skulptur ist nicht nur das Kleinhirn, sondern auch das Herz des Pavillons, sie pulsiert und zieht die BetrachterInnen in ihren Bann. Biedermann bringt damit die vierte Dimension, die Zeit, in die Skulptur herein.
Die Information erscheint während ihrer Übertragung in den Fasern wie eine Flüssigkeit, die sich erst in der Projektion wieder verfestigt. Neun Optiken kreieren ein neues Bild auf den Wänden des Raumes. Das Bild, das hier erscheint, hat mit seinem Ausgangspunkt nicht mehr viel zu tun, das reale Bild wurde aufgeteilt und abstrahiert. Zwischen realem Raum und der zweidimensionalen Projektion wird die Skulptur im Raum etabliert. Sie schafft eine neue Raumatmosphäre, neue Raumbilder. Der Displacer generiert andauernd neue Räume.

Diese Räume fallen je nach Ausstellungsort anders aus. Der Displacer existiert in seiner Form immer nur für den Moment, die Skulptur ist nicht fixiert. In Shanghai hatte sie, passend zur Architektur, eine straffe Form, nach dem Ende der Weltausstellung kommt sie vielleicht wieder der Form näher, die sie bei ihrer Premiere in Dornbirn hatte. Beim Leuchtenfabrikanten Zumtobel, der Biedermann die teuren Hightech-Materialien zum Experimentieren zur Verfügung stellt, wurde der Displacer von einem anderen Mediencontent gespeist und wurde zu einer Hommage an den niederländischen Maler Piet Mondrian. In jedem neuen Raum formt sich die Skulptur völlig neu, hier war sie lockerer angeordnet. Form und Inhalt passen sich dem Raum an, immer unter der Prämisse, ihn aufzubrechen.

Die Fragen, wo man im vorhandenen Raum fiktive Räume aufmachen kann, wo sich diese manifestieren und zeigen können, sind nicht nur für diese Arbeit zentral, sondern ziehen sich durch fast alle Arbeiten Biedermanns, etwa durch sein Projekt Spacelense: Inspiriert von den Spezialeffekten in Ridley Scotts Film Blade Runner projiziert Biedermann Bilder auf eine Wand aus 60 Ventilatoren. Das zweidimensionale Bild wird von den Ventilatorenblättern praktisch zerschnitten, und es entsteht ein holographischer Effekt, der einen neuen Raum eröffnet. Zusammen mit dem Wind und dem Lärm der Ventilatoren zieht er die BetrachterInnen in Bann.

Biedermann will das Publikum in seine Arbeiten hineinziehen, will mit seinen Skulpturen Spannung erzeugen und Neugierde wecken. Beim Displacer funktioniert das über das Pulsieren und das Ausspeien der Bilder, bei Spacelense über das holographische Bild, in Rayplayer lässt er Wörter und Sätze auf die Silhouette der BesucherInnen regnen, in einem aktuellen Projekt will er sie durch den Raum vibrieren lassen und bei The Self beginnt ebendieser zu kippen – zwar nur in der Projektion, doch fühlt sich diese real genug an, um Übelkeit hervorzurufen. Für Biedermann muss seine Kunst intellektuell wie auch physisch erfahrbar sein.

Das erreicht er auch, indem er Empfindungen aufnimmt, sie aus ihrem ursprünglichen Kontext löst und sie woanders wieder einsetzt. In einer aktuellen Arbeit dient ein Alltagsgegenstand als Träger der Emotion. Biedermann verbaut auf der Suche nach dem perfekten Raum überdimensionale Geo-Dreiecke der Wörgler Firma Aristo zu einer Skulptur von 1,6 Metern Länge und 1,3 Tonnen Gewicht. Die Halbkreise der Geo-Dreiecke ergeben eine Möbiusschleife. Die Skulptur ist so groß, dass sie im Ofen einer Großbäckerei „gebacken“ werden muss. Später soll sie auf Wiesen aufgestellt werden und ein Instrument zur „Vermessung der Welt“ darstellen. Durch die Größe ist die Skulptur noch aus hunderten Metern Entfernung sichtbar, bei der Annäherung verschieben sich die Dimensionen und die Umwelt wird neu wahrgenommen. Die Frage nach den Beziehungen, die den Raum (er)schaffen, nach der Neuinterpretation von Raumkorrelationen zieht sich durch Biedermanns Arbeiten, die eingesetzten Materialien wechseln.

Friedrich Biedermanns Arbeiten, die von einem flexiblen, veränderbaren Skulpturbegriff geprägt sind, lohnen einen genaueren Blick. Lange wird es nicht mehr dauern und Friedrich Biedermann wird, wie seine riesigen Geo-Dreiecke, nicht mehr zu übersehen sein.

INFO
Friedrich Biedermann, Jahrgang 1975, wuchs in Hopfgarten im Brixental auf und machte, bevor er sich für die Kunst entschied, eine Lehre im familieneigenen Elektrotechnikbetrieb. Mit 19 Jahren wurde er an der Universität für angewandte Kunst in Wien angenommen und studierte in der Klasse von Brigitte Kowanz. Sie verhalf ihm auch nach Ende seiner Studienzeit 2002 zu einem Lehrauftrag an der Angewandten, wodurch Biedermann noch intensiver an seinen Projekten arbeiten und sie technisch wie auch inhaltlich vorantreiben konnte. 2008 verabschiedete sich Biedermann schließlich von seinem Lehrauftrag, um sich auf seine eigenen Produktionen konzentrieren zu können.