Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Wenn ich groß bin, werd' ich Künschtlerin

#03 2010 / Evelin Stark

Kinder an die Macht

„Die Welt gehört in Kinderhände“ - so heißt es in Herbert Grönemeyers Lied „Kinder an die Macht“ aus den 1980er Jahren, in dem er dem Trübsinn abschreibt und die kindliche Genialität besingt. Diese kindliche Genialität, genauer gesagt die künstlerische Genialität von Kindern, liegt dem Verein Kinder- und Jugendkunstschule Tirol am Herzen, der vor eineinhalb Jahren gegründet wurde. Diesen Herbst startet der Verein in der „Bäckerei“ in der Innsbrucker Dreiheiligenstraße mit einem Kursangebot, das es so in Tirol noch nicht gegeben hat. Evelin Stark hat für MOLE Ricarda Kössl, eine der Mitbegründerinnen des Vereins, dazu befragt.

Den Verein „Kinder- und Jugendkunstschule Tirol“ gibt es seit Anfang 2009. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, so etwas in Tirol ins Leben zu rufen? Wer hat den Verein gegründet?
Ricarda Kössl: Monika Abendstein (Architektin, Architekturvermittlerin) hatte die Idee schon vor vier Jahren. Sie hat das Konzept entwickelt und uns, sprich: Andrea Baumann (Künstlerin und Kunstvermittlerin), Dorothea Bouvier-Freund (Kunsttherapeutin, Kunstvermittlerin), Helene Schnitzer (Kunstvermittlerin) und meine Wenigkeit, Ricarda Kössl (Architektin, Architekturvermittlerin), eingeladen den Verein „Kinder- und Jugendkunstschule Tirol“ zu gründen und mitzuarbeiten. Die Idee kam von Moni, inspiriert wurde sie durch diverse Kunstschulen in Skandinavien und Deutschland. Hier gibt es dieses Konzept der Kunstvermittlung als außerschulische Einrichtung schon sehr lange.

In der MOLE 01 (Okt. 2009) gab es bereits einen kleinen Artikel über euer Projekt. Darin ist von Plänen die Rede, in Tiroler Schulen einzelne Projekte durchzuführen. Konntet ihr eure Pläne durchsetzen? Was genau wurde gemacht? Wie war die Resonanz von Seiten der Schulen und vor allem der SchülerInnen?
Die mobile Form der Kunstschule gibt es nun seit einem Jahr. Wir konnten letzten Herbst gemeinsam mit der ARGE interkultureller Gemeinschaftsgarten und der Nachmittagsbetreuung der Praxisvolksschule Wilten ein Gemeinschaftsprojekt starten, die Entwicklung, Planung und den Bau eines Naturspielplatzes im nun eröffneten interkulturellen Garten in Wilten, Innsbruck. Das Projekt fand großen Anklang bei allen Beteiligten: Kindern, Eltern des Gartens und Kindern der Nachmittagsbetreuung.
Die Finanzierung dieses Projektes erfolgte über vier verschiedene Geldgeber. Wir wussten bis zum Schluss nicht, ob alle Gelder genehmigt werden. Diese Unsicherheit in der Finanzierung war Anlass, dass wir im Mai dieses Jahres beschlossen haben die „Kunstschule  klein“ zu starten. Die Stadt Innsbruck und das Land Tirol bewilligten uns vorerst einmal Gelder für das kommende Jahr. Somit haben wir zumindest das nächste Jahr in der Tasche.

Ab Herbst startet die Jugendkunstschule Tirol mit einem eigenen Programm in der Alten Bäckerei in Innsbruck. Was wird angeboten? Warum wurde dieser Ort gewählt?
Ab 12. Oktober 2010 wird die Kunstschule mit Standort in der Bäckerei starten. Das heißt zwei Werkstatteinheiten mit jeweils zwei Altersgruppen pro Woche. Die vier Werkstätten werden hintereinander im Schuljahreszyklus angeboten. Wir werden mit der Design-Architekturwerkstatt starten, um für unsere Schule Möbel, diverse Nützlichkeiten und Unnützliches zu bauen. Im Anschluss kommt die Materialwerkstatt. Im Sommersemester wird dann das Programm der Malwerkstatt und der neuen Medien stattfinden.
Die Bäckerei und ihr Konzept haben uns von Anfang an sehr angesprochen. Die Räumlichkeiten eignen sich auch sehr gut, speziell die alte Halle für Ausstellungen und für gröbere Arbeiten. Ich denke, durch diese Kooperation haben wir die Chance bei einer neuen Kunst und Kulturfabrik mitzumischen, also eigentlich die Kinder.

Wie geht man denn vor in der Arbeit mit Kunst und Kindern – werden gemeinsam (Bau-)Pläne gezeichnet? Haben Kinder eine Vorstellung davon, welche Materialien geeignet sind bzw. wie viel man wovon benötigt, damit das Geplante auch funktionsfähig wird?
Dadurch, dass wir mit dem Möbelbau für unsere Schule beginnen, werden wir mit den Kindern anfangs ein Konzept erstellen, wie z. B. unsere Arbeitsabläufe funktionieren, welche Möbel für die Kunschtschule notwendig und wichtig sind, wir kurbeln einen kreativen Prozess an, unter dem Motto „form follows function“. Wir werden in erster Linie mit Skizzen arbeiten, welche von den Kindern z.B. 1:1 nochmals aufgezeichnet werden. Das stärkt das räumliche Vorstellungsvermögen und wirft gleichzeitig neue Fragen in den Details auf.
Räume, die von Kindern gestaltet werden, stelle ich mir vor wie ein Schlaraffenland aus Tiermöbeln und Lutschercouchen.

Hast du schon eine Idee, wie das bei euch aussehen könnte?
Kinder haben meist eine sehr konkrete Vorstellung, welche Materialien geeignet sind. Sie gehen jedoch oft den klassischen Weg, ohne vielleicht manchmal ums Eck zu denken und dadurch eine bessere Lösung zu finden. Bei diesem Punkt sind wir als Architekturvermittlerinnen wiederum gefordert, ihnen diese Möglichkeiten zu zeigen. Da die Design- und Architekturwerkstatt insgesamt nur sieben Mal stattfinden wird, werden wir den Bau der Möbel über zusammensetzbare Module entwickeln, welche auch mehrere Funktionen haben können. Da wir unsere Möbel in der Bäckerei nach jedem Werkstattnachmittag verräumen sollen, müssen es mobile und vielleicht auch klappbare Möbel werden.

Als Leiterin der Design- und Architekturwerkstatt wirst du den Kids ja auch einiges beibringen. Wie unterscheidet sich die Kunstvermittlungspädagogik vom bei uns üblichen Frontalunterricht?
Das erste und wichtigste Ziel unsere Schule und auch für mich ist: Lust auf Design und Architektur zu machen. Spaß am Begreifen und Entwickeln von eigenen Ideen sollte im Vordergrund stehen. Da wir eine außerschulische Einrichtung sind und Noten bei uns keine Rolle spielen, haben wir die Chance, Denkprozesse der Kinder zu aktivieren, die im Schulalltag keinen Platz haben, so dass z.B. Experimentieren und Fehler ein wichtiger Bestandteil von kreativen Denkprozessen sind!