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MOLEcafé

Alles unerlöste Geschichten

#04 2011 / Christine Frei

Ein Erfahrungsbericht aus der Schreibwerkstatt Macht|schule|theater

„Das ist eine wahre Geschichte.“ – Das steht in ziemlich krakeliger Schrift am Fußende eines Zettels, von denen sich mittlerweile an die Hundert auf meinem Schreibtisch angesammelt haben. Von letzten November bis Februar 2011 war ich über mehrere Stunden in zwei Klassen eines Innsbrucker Gymnasiums, einer Neuen Mittelschule und zuletzt auch noch im Hauptschulkurs des BFI, um dort wahre Geschichten zu sammeln. Eigentlich sollte es eine Schreibwerkstatt sein – im Rahmen des bundesweiten Projektes Macht|schule|theater, an dessen Ende ein Theaterstück steht, das die SchülerInnen unter der Regie und Leitung von Konrad Hochgruber vom Westbahntheater selber spielen werden. Ein Stück über Alltagsrassismus, soziale Ausgrenzung, Mobbing. Das ist die inhaltliche Vorgabe.

Eine Schreibwerkstatt in der regulären Schulzeit stellt dich als Autorin freilich vor das unlösbare Dilemma, zwischen Noten und Prüfungsdruck einen Schreib- und Reflexionsprozess zu initiieren, der ständig vom 50-Minuten-Arbeitstakt diktiert wird. Zugleich ist klar: Alles, was ich in diesen 50 Minuten nicht auf Papier ergattere oder über Gespräche erfahre, bleibt ein Enigma. Jetzt sitze ich also über Dutzenden von Zetteln und tauche übers Abtippen wieder in die oft nur angedeuteten Geschichten zwischen den Zeilen ein.
Und ich höre ihre Glaubenssätze: „Die Opfer sind selber schuld. Weil sie einen schwachen Charakter haben. Weil sie einfach alle nerven.“ Und Ratschläge: „Die Opfer sollten sich anpassen lernen.“ Sie sagen mir: sich mit Opfern einzulassen, sei gefährlich. Man könnte der nächste sein. „Die Opfer“ – so sehr ich mich auch bemühe, ihnen zu sagen, wir sollten sie als Betroffene bezeichnen, um sie nicht weiter zu stigmatisieren –, das Wort scheint in ihrem Inneren wie in Stein gemeißelt.

Spätestens wenn ich die Klassen bitte, sich in Gruppen zusammenzuschließen, bleiben jedes Mal ein bis zwei SchülerInnen übrig, mit denen ganz offenkundig niemand arbeiten möchte. Einmal meinte ein Junge, sichtlich peinlich berührt, dass ich dadurch die AußenseiterInnen der Klasse aufgedeckt hätte: „Ich habe es Ihnen doch gesagt, teilen Sie uns ein. Das funktioniert sonst nicht.“ „Wieso?“, will ich wissen. Das sei einfach so, das könne man nicht ändern. Ich frage nicht nach den „TäterInnen“. Sie kommen von selber, wenn ich in den Kleingruppen nachhake. Sie erzählen mir freimütig, dass sie mitgemacht haben.
Andere lassen ihre Mitwisserschaft in ihren Texten durchblicken. Es sind grässliche Szenen, die in Klos beginnen und sich im Internet fortsetzen. In manchen Texten haben sie das Opfer erst hinterher ein wenig retuschiert.
Meist geht es dabei um körperliche oder charakterliche Eigenschaften, die eine Ausgrenzung – da sind sie sich fast durchwegs einig – sowohl erklären als auch rechtfertigen. „Die sind einfach überflüssig“, erklärt mir einer. Überflüssig? Diese gedankenlos aggressive Sprache erschreckt mich. Irgendwann drängt sich mir ein Bild auf. Das sind alles unerlöste Geschichten. Und niemand da, der sich dieser Geschichten annimmt. Denn auch darin sind sie sich einig: „Lehrer helfen am wenigsten.“ Und plötzlich ist da ein Zettel, der mir dies bestätigt: „Sie (die Mobber) zerstören den anderen – aber eigentlich zerstören sie sich selbst. Ihr Selbstbewusstsein ist nur oberflächlich.“

Einmal frage ich die SchülerInnen: „Was soll das Stück denn bewirken?“ „Am Ende soll das Publikum wissen, wie es in der Schule zugeht. Die Erwachsenen haben ja keine Ahnung. Und die Betroffenen sollen merken, dass sie nicht allein sind.“ Und eine – ja, es gibt auch lichte Momente –, die aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen Sozialpädagogin werden möchte, fügt noch kämpferisch hinzu: „Man darf die Arschlöcher nicht gewinnen lassen.“ Was gibt es dem noch hinzuzufügen.