Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Alpine Psychedelia

#04 2011 / Albrecht Dornauer

Die Welt befreite sich. Die 1968er-Studentenbewegung, der Summer of Love, die Flower-Power überall, die Beatles, die Stones, Sex, Drugs & Rock’n’Roll, die sexuelle Revolution, die Jugend rebellierte an allen Ecken und Enden der Welt und der Gesellschaft. Ende der 1960er Jahre gingen politische wie auch popkulturelle Umwälzungen Hand in Hand die Straße in Richtung mehr Freiheit hinab und machten auch vor Tirol nicht halt.

Anders als von dem von Falco propagierten 1980er-Jahre-Motto „Wer sich dran erinnern kann, war nicht dabei“ gibt es aus dem vorhergegangenen Jahrzehnt sehr wohl MusikerInnen, die die Geschehnisse ihrer Jugend noch genau rekonstruieren können. Inspiriert wurden die „jungen Wilden“ damals von den Schallplatten der großen Bands dieser Welt, die auch in den Plattenläden Innsbrucks, wie beispielsweise dem am Sparkassenplatz gelegenen Tarfusser, erhältlich waren. Pink Floyd, die Rolling Stones, Emerson, Lake & Palmer oder Jethro Tull öffneten der Jugend auch hierzulande die Ohren und motivierten sie dazu, selbst die elektronischen Gitarren in die Hand zu nehmen.

Die wertvollsten Platten der Tiroler Musikgeschichte
Durchsucht man das Internet nach Spuren der lokalen Szene Tirols Anfang der 1970er Jahre, so sind die Informationen spärlich gesät.
Zwei Bands tauchen jedoch immer wieder auf: Isaiah aus Innsbruck und Klockwerk Orange aus Landeck/Zams. Diese beiden Bands waren die einzigen, die den Meilenstein eines Plattenvertrages schafften, wohlgemerkt bei keinem kleinen Label. – Sie veröffentlichten jeweils ein Album beim Österreichableger des Columbia Broadcasting Systems, kurz CBS. Ein Label mit Weltruf und Format. Aber wir schreiben immer noch die 1970er Jahre, was bedeutet, dass auch ein Label, das weltweit Platten veröffentlicht, trotzdem keinen weltweiten Vertrieb für die bei ihnen unter Vertrag stehenden Bands zu bieten hat. Die Platten wurden in geringen Auflagen von tausend bis zweitausend Stück gepresst und größtenteils regional verkauft. Heute genießen diese Platten hohen Wert bei Sammlern über den ganzen Globus. Die Klockwerk Orange LP wechselt bei eBay regelmäßig für sechshundert Euro den Besitzer, eine Kopie des Isaiah Albums bringt VerkäuferInnen immerhin noch die Hälfte.

Wer waren die Leute hinter diesen obskuren Bands, die die wertvollsten Platten der Tiroler Musikgeschichte veröffentlichten? Hinter Klockwerk Orange stand mit Hermann Delago ein Musiker, der in verschiedensten Bandkonstellationen und Genres der Tiroler Musikwelt bis heute erhalten geblieben ist. Nach den Psychedelic Years der 1970er heuerte er während seines Studiums in Innsbruck bei den Viller Spatzen an, um dann später seine eigene Combo Delago zu gründen. Heute arrangiert er Pop für Blasmusikkapellen, komponiert Neue Weltmusik mit den Stars seiner Zweitheimat Indonesien und hat es mittlerweile auf nahezu dreitausend Live-Auftritte gebracht. Bevor er Klockwerk Orange zusammen mit seinen Landecker Kollegen Guntram Burtscher, Markus „Wak“ Weiler und Wolfgang Böck gründete, spielte er in seiner ersten Band Satisfaction Of The Night an der Seite des heutigen Landeshauptmanns Günther Platter. Die „Milchshake-Band“, wie Delago seine erste Buben-Band im zarten Alter von dreizehn bis sechszehn nennt, hatte aber bereits verschrobene Nummern von Pink Floyd im Programm und begeisterte die Jugend des Tiroler Oberlandes.

Als Klockwerk Orange noch ganz frisch war,  flatterte ihnen ein Werbezettel eines gewissen Franz Koch ins Haus, der sein neues Aufnahmestudio in Elbigenalp bewarb. Franz Koch gründete kurz darauf sein eigenes Label Koch Records, das jahrelang als größter Volksmusikproduzent die Platten der Zillertaler Schürzenjäger und der Kastelruther Spatzen verlegte. Koch Records aus Tirol gründete übrigens in den 1980er Jahren einen US-Ableger, der wiederum für Veröffentlichungen des Wu-Tang Clans, von Public Enemy oder 2Pac verantwortlich zeichnete. Aber das ist eine andere Geschichte. Franz Koch war damals am Anfang seiner Karriere und so kam es, dass die Schüler rund um Delago 1974 all ihr Erspartes zusammenkratzen und für 17.000 Schilling ihre LP Abrakadabra aufnahmen.

Veröffentlicht wurde das Album erst ein Jahr später. Kontakte zum Label Bellaphon, damaliges musikalisches Zuhause von heimischen Größen wie Wolfgang Ambros, fruchteten nicht, und so fuhr Hermann Delago mit den Aufnahmen unter dem Arm nach Wien, läutete ohne Termin bei CBS an und fuhr kurz darauf mit einem Plattenvertrag in der Tasche wieder retour nach Tirol. „Richtig entwickelt haben wir uns eigentlich erst nach der Aufnahme“, erinnert sich Delago im Gespräch. „Wir haben eigentlich zuerst aufgenommen und dann erst richtig spielen und variieren begonnen.“ Klockwerk Orange existierte von 1974-77 und absolvierte an die zwanzig Konzerte, ohne jedoch jemals den Tiroler Raum zu verlassen. „Für die Konzerte haben wir uns immer einiges einfallen lassen. Wir wollten immer Trockeneisnebel, der am Boden über die Bühne zieht, aber das gab’s damals nirgends. Also warfen wir Unkrautsalz und Mehl in einem Kübel zusammen und zündeten das unter der Bühne an. Der Effekt war der gleiche, aber aus heutiger Sicht war es eigentlich sehr gefährlich und giftig obendrein“, erzählt Delago über Teile der damaligen Bühnenperformance. Eine ausgeklügelte Lichtshow und Dia-Projektionen sorgten dafür, dass Klockwerk Orange definitiv eine der spektakulärsten Bands der damaligen Zeit war.

1977 zog es Bandleader Delago, nachdem er kurzzeitig in Reinhold Bilgeris erster Vorarlberger Band Clockwerk gespielt hatte, zum Studium nach Innsbruck, womit das Ende der Landecker Band besiegelt war. Das Innsbrucker Pendant zu Klockwerk Orange hieß Isaiah und Delago stieg ein Jahr vor deren Auflösung in die Band ein. Isaiah war seit 1971 das gemeinsame Projekt einiger Studenten, die neben der Universität ernsthaft an einer Karriere als Musiker arbeiteten.
Frontsänger und Querflötist Gerd Raabe war der Leader der Band, unterstützt von den Mitmusikern Hans Gasser, Edu Weber, Hubertus Nolte, Walter Reschauer und dem US-Amerikaner Michael Bornhorst. Anders als Klockwerk Orange schafften Isaiah mit ihrem an Jethro Tull erinnernden progressiven Jazz-Rock den österreichweiten Durchbruch. Sie tourten mit Nazareth und Man durch Österreich und spielten etliche Solo Gigs im gesamten Bundesgebiet, wie auch auf Festivals vor bis zu 9.000 BesucherInnen. „Ich kam aus Deutschland von einem Job zurück und erfuhr aus der Zeitung, dass wir gerade auf Tour sind“, erinnert sich Hans Gasser, während Edu Weber ergänzt: „Naja, damals war es eben nicht leicht, jemanden im Ausland zu erreichen. Das mit der Tour ging sehr schnell und weil wir Hans nicht erreichten, stellten wir innerhalb von ein paar Tagen unser gesamtes Programm um und gingen auf Tour.“ Auch Auftritte im Fernsehen, etwa in Peter Rapps Jugendsendung Spotlight, zählten zu den Höhepunkten der Bandkarriere. Isaiahs Debüt-LP wurde ebenfalls vom Österreichableger von CBS veröffentlicht, auch wenn sich das Majorlabel eigentlich ein poppigeres, tanzbareres Album gewünscht hätte. Nach Abschluss ihrer Studien löste sich die Studentenband schließlich 1978 auf. Heute ist Edu Weber der Einzige der Band, der noch musikalisch aktiv ist.

 … und die restliche Szene Isaiah waren damals die Stars der Szene, bei weitem aber nicht die einzige Band, die die Bühnen Tirols bespielte. Fennymore, die leider ihr fertiges Album nie veröffentlichten, Abu El Mott, die Arrows, Purple Haze, Perpetuum Mobile, Amon Ra oder Plasma (mit Klockwerk Oranges’ Markus Weiler) waren andere Combos der Zeit, von denen es allerdings kaum noch Audiomaterial gibt. Eine der ersten Bands Innsbrucks war Jacks-Of-All-Trade-And-Masters-Of-None, (englisch für „Hans Dampf in allen Gassen und Meister des Nichts“) die bereits 1969 von Emerson, Lake & Palmer beeinflussten Rock spielten. Die Folgeband war Vacuum, die als große Talente des Jazz-Rock galten. Schlagzeuger und Kopf der Bands war Heinz Fechner, der sich ab 1972 auf Film spezialisierte und jahrelang als Chefregisseur des ORF-Landesstudios Tirol arbeitete. Zentrum der Aktivitäten war die damalige MK (Marianische Kongregation am Jesuitenkolleg) unter der Leitung von Pater Sigmund Kripp. Das zugehörige Kennedy Haus in der Sillgasse war als größtes Jugendzentrum Europas Anlaufstelle für eine Vielzahl junger Leute und schuf unter anderem Proberäume und Platz für Wochenendkonzerte. Der Amtskirche um Bischof Rusch war der progressive Zugang ein steter Dorn im Auge. Ende 1973 spitzte sich der Konflikt zu und Pater Kripp wurde schließlich abgesetzt. Die Innsbrucker Szene zerstreute sich, die meisten Konzerte fanden ab nun im Stadtsaal statt.

Interessant erscheint, dass damals in den Bezirken Tirols, im Vergleich zur Innsbruckzentrierung heutzutage, viel mehr passierte und auch deren Bedeutung für die Gesamttiroler Szene höher war. Neben Landeck gab es auch in Schwaz rund um die Gruppe Trust eine aktive Musikszene. Äußerst aktiv war auch die Osttiroler Szene rund um den späteren Tom Pettings Herzattacken-Frontmann und Ö3-Disco Inferno DJ Eberhard Forcher. Jährlich gab es in Lienz ein Stelldichein verschiedener österreichischer Rockbands, das Free Festival, das erstmals 1972 mit einem Hauch von Woodstock stattfand. Es war allerdings nur ein Hauch und was in Osttirol sonst noch alles passierte, ist sowieso (noch) eine andere Geschichte …