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MOLEcafé

Beruf: Musiker Standort: Tirol Bühne: überall

#04 2011 / Martin Varano

Viele träumen davon, aber nur wenige schaffen es, von ihrer Musik zu leben. Der Tiroler Geiger Thomas Riesner erzählt, worauf es dabei ankommt.   

Eigentlich hat es Thomas Riesner nie darauf angelegt, Musik zu seinem Beruf zu machen, obwohl er schon im zarten Kindergartenalter begonnen hat, Geigenunterricht zu nehmen. Der gebürtige Vorarlberger spielt derzeit bei zwei Tiroler Formationen: einmal bei Puke, die nach ihrer Eigendefinition dem Publikum mit „Power-Folk“ einheizen, einmal bei der Band Dornenreich, die sowohl mit einer Black-Metal-Show als auch in einer akustischen Variante mit Gitarre, Geige und Gesang die Bühnen erobern.

Supporten, Supporten, Supporten. Insbesondere mit Dornenreich ist es Riesner gelungen, weit über die österreichischen Landesgrenzen hinaus in Europa bekannt zu werden. Aktuell touren Dornenreich mit ihrem neuen Album Flammentriebe im Gepäck im April 2011 von Polen nach Deutschland und von den skandinavischen Ländern nach London und Frankreich. Die Frage, welche Rolle der Standort Tirol für eine Band auf dem Weg zu überregionaler Berühmtheit spielt, beantwortet Riesner ebenso verblüffend wie einfach: „Gar keine!“ Denn erstens befänden sich die Plattenfirmen sowieso zumeist in anderen Städten, und zweitens komme es vor allem darauf an, soviel wie möglich unterwegs zu sein und sich jeweils vor Ort eine Fan-Basis zu erspielen. „Die einzige Münze, die du hast, ist Bekanntheit, Veranstalter können dir nichts schenken!“, hält der Musiker, der auch an einer Tiroler Musikschule unterrichtet, seine Erfahrungen fest. Für Riesner gibt es keine Alternative zu konsequentem Touren. Die einzige Möglichkeit am Anfang der Karriere sei es, als Support-Act mit anderen Bands unterwegs zu sein. „Viele Bands zerbrechen an diesem Punkt, da sie die Notwendigkeit, als Support-Act aufzutreten, nicht checken. Auch ist es für viele unangenehm als Support immer an zweiter Stelle hinter der Hauptband zu sein.“ Aber bekannt wird eine Band anfänglich primär dort, wo sie gespielt hat. Weiters bietet, so Riesner, eine Tour die Möglichkeit, seine CDs unter interessiertes Publikum zu bringen. Wichtig sei es, ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Grundstimmung auf einer Tour herrsche, um realistisch einzuschätzen, ob es für die Band Sinn macht an diesen Ort als Headliner zurückzukehren. Auch müsse man ein geschicktes Händchen bei der Auswahl der zu supportenden Bands beweisen, um beim Publikum wirklich punkten zu können. Viele Bands, die auf „falschen“ Touren mitfahren, laufen Gefahr, ihre ursprüngliche Vision zu verlieren, nach Riesner neben dem Songwriting die Quintessenz einer Bandexistenz. Um als Support-Act erfolgreich zu sein, braucht es neben der richtigen Tourwahl vor allem zwei Dinge, nämlich Zeit und ein gewisses finanzielles Geschick: Zeit, um überhaupt on the road sein zu können, das Gespür im Umgang mit Geld, um wenigstens kostendeckend ohne Minus zu fahren, denn eine Support-Tour ist für unbekannte Acts gewöhnlich nicht ausfinanziert, Reisekosten und Unterkunft müssen aus eigener Tasche bezahlt werden. Neben dem Unterwegssein ist nach Riesner Vernetzung mit anderen Bands und mit der Musik-Journaille ein immens wichtiger Bestandteil, um als Band öffentlich präsent zu sein und an wichtige Informationen – beispielsweise über Plattenfirmen – zu gelangen.

Lieber Musik als Jus. Dass Thomas Riesner begonnen hat, seine eigene Musik von einer privaten Leidenschaft über das Mastern von CD-Produktionen befreundeter Bands zu einem Beruf zu machen, ist einem Zufall geschuldet. Denn bevor der Musiker die praktischen Seiten des Business kennen und beherrschen gelernt hat, wählte er ursprünglich einen „konventionelleren“ Weg zum Verdienst seines Lebensunterhalts, indem er sich für ein Jura-Studium inskribierte und sein Geld als Angestellter im Casino verdiente. „Aber Jus war frustrierend, weil vor allem Machtfragen im Mittelpunkt stehen und nicht Gerechtigkeit. Und die Arbeit im Casino hatte keinen tieferen Sinn, weil es dort immer nur um Geld geht.“ Eines Tages begleitete Riesner einen befreundeten Musiker beim Vorspielen im Konservatorium auf der Geige. Erst als er dort gefragt wurde, bei wem er denn sein Instrument studiere, drängte sich die Möglichkeit eines Geigenstudiums in sein Bewusstsein und wurde schließlich Realität.

Solides Handwerk, intuitives Schaffen. Musik hat für Riesner zwei Aspekte, einen handwerklichen und einen schöpferischen, bei dem es um das reale Machen von Musik geht. Bühnengeiger wie Riesner gibt es im popkulturellen Bereich nicht viele: „Ein Bühnengeiger muss sauber spielen und braucht ein gutes Feeling. Er muss sich zurücknehmen können, da die Geige ansonsten alles dominiert. Man muss verstehen, zwischen Begleitung und Melodie zu wechseln und wann es angebracht ist, im Hintergrund zu bleiben. Die Geige nicht nur als Schmuck, sondern als integralen Bestandteil einer Band einzusetzen, erfordert bewusstes Songwriting und Arrangement.“
Privat hört Riesner kaum die Musikrichtungen, die er mit Dornenreich oder Puke spielt. Vor allem Jazz hat es ihm angetan, da er dort gelernt habe, wie wichtig die Interaktion mit den anderen Bandmitgliedern sei. Sein Ziel sei es, intensiv und mit vielschichtigen Spannungsverläufen zu komponieren. Bei Dornenreich betont er den zentralen Aspekt der kompositorischen Arbeit und welchen Wert er auf durchkomponierte (ein Terminus technicus für MusikerInnen) Stücke legt, was vom Zugang her wirklich „old style“ sei und sich etwa bei Schubert finde. Dem Songwriting nähert sich Riesner vor allem intuitiv, er richtet sich dabei nach den eigenen Interessen und nicht danach, was massentauglich scheint. Die intensive Arbeit hat sich für den Tiroler Musiker gelohnt. Die bisher größten Konzertereignisse erlebte er mit Dornenreich beim Wave Gotik Treffen in Leipzig und beim Summerbreeze-Festival. Und auch über solche Bühnenerlebnisse hinaus hat sich Riesners Entscheidung, als Musiker zu leben, als die richtige erwiesen:
„Ich bin frei, mich intensiv mit Dingen zu beschäftigen, die mich interessieren.“