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MOLEcafé

Das Verschwinden der Sicherheit

#04 2011 / Ulrich Lobis

Der Bunker – Geschichte einer vergessenen Denk- und Raumform

Bunker, oder allgemeiner Schutzräume, sind im vergangenen Jahrzehnt sukzessive aus der Wahrnehmung der Öffentlichkeit verschwunden. Dabei ist das Thema den meisten keineswegs vollkommen fremd. Bei Gesprächspartnern, die in den 1980er und 1990er Jahren Häuser gebaut haben, merkt man relativ schnell, dass zu dieser Zeit Schutzräume schlicht eingeplant werden mussten – als ein „notwendiges Übel“.
Niemand hatte eine große Freude damit, aber um der Wohnbauförderung willen benannte man einen Raum als „Schutzraum“ und stattete ihn annähernd als solchen aus. Dabei ging es keineswegs um einen im wahrsten Sinn des Wortes „bombensicheren“ Raum, sondern in erster Linie um einen mit dickeren Mauern umbauten Ort, wobei für größere Gebäude verschärfte Bedingungen galten. Allerdings sind diese Vorschriften seit längerer Zeit nicht mehr in Kraft und somit nur mehr insofern relevant, als dass die damaligen Einbauten noch bis heute in vielen Häusern zu finden sind.
Dass man heute keine Bunker mehr baut, hat sicher viele Gründe und hängt mit mehreren verschiedenen anderen Vorgängen zusammen. Der vermutlich wichtigste Grund ist die Auflösung einer klassisch militärischen Bedrohung, wie sie etwa im Kalten Krieg bestanden hat. Heute scheint es so, als würde man von AKWs keine wirkliche Gefahr mehr ausgehen sehen, wie noch unmittelbar nach Tschernobyl – der Technik und Wissenschaft wird wieder mehr und neu vertraut. Einer der wichtigsten Faktoren dürfte aber darin liegen, dass eine neue Bedrohung eine alte verdrängt hat. Heute fürchten wir insbesondere den Terrorismus in all seinen verschiedenen Ausprägungen. Waren die postapokalyptischen Filme der 1980er und 1990er Jahre von einer atomar verseuchten Welt geprägt, in der sich eine Handvoll Überlebender zurechtfinden musste, so ist heute der Terrorist jener, der unsere Sicherheit als Einzelner, ohne Interkontinentalrakete oder Luftwaffe, bedroht. Die heutigen Filmhelden kämpfen nicht mehr gegen eine Armee oder einen Staat, sondern jagen Terroristen, von denen Vernichtung droht.

Vielheit der Formen. Bunker als zivile Schutzräume sind eine Erfindung des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist zwar möglich und sicher auch legitim, Vorläufer zu finden, sie beispielsweise in eine Linie mit einem Bergfried oder einer Fliehburg zu stellen, dann wäre es aber nötig, sowohl zeitliche als auch funktionale Differenzen auszublenden.
Kontinuierlicher ist die Entwicklung des militärischen Bunkers. Die Übergänge von Trutzburgen zu Festungen, von Blockhäusern zur Maginot-Linie lassen sich gut nachvollziehen. Gigantischen Ausmaßes war schließlich der sogenannte „Atlantikwall“, die kolossale Verteidigungslinie der Nazis zur See hin, dessen Auswirkung auf die Menschen und ihre Wahrnehmung der französische Philosoph und Architekt Paul Virilio in seinem Buch Bunker-Archäologie untersucht hat.
In erster Linie denkt man beim Bunker an den Tiefbunker. Allerdings konnte man im städtischen Raum oft nicht in die Tiefe gehen und musste sogenannte Hochbunker bauen, die oft auch noch für die Flugabwehr verwendet wurden, wie z.B. die Flaktürme in Wien. Gebaut wurden Luftschutzbunker in großem Stil erstmals ab dem Zeitpunkt, ab dem durch die Luftwaffe eine Gefährdung für die Bevölkerung weit hinter den militärischen Linien ausging. Man kann hier durchaus sagen, dass das Entstehen der Bunker mit einer Veränderung des klassischen Schlachtfeldes zusammenhängt. Mit der Technisierung des Krieges kamen dann vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Atomschutzbunker dazu, zu denen mehr oder weniger auch der in den privaten Häusern gebaute Schutzraum zählt.

Entwicklung am Beispiel Innsbruck. Die Situation in Innsbruck unterscheidet sich von vielen anderen, vor allem deutschen Großstädten. Wie etwa Horst Schreiber in Arnold Konrads Buch Luftschutzstollen aus dem Zweiten Weltkrieg beschreibt, standen den BewohnerInnen Innsbrucks im Jahr 1943 nur Deckungsgräben und Löschwasserbehälter zur Verfügung. Die Ursache dafür bestand darin, dass man lange an die Überlegenheit der deutschen Luftwaffe glaubte und Tirol als wenig „luftgefährdet“ einschätzte. Weiters wollten die lokalen Kader keine Verschlechterung der Stimmung riskieren, und am Ende wurde aufgrund der knappen Ressourcen den kriegsrelevanten Belangen der Vorzug vor dem Schutz der Zivilbevölkerung gegeben.
Erst ab Anfang 1944 begann man – dafür umso hektischer – in Innsbruck Luftschutzräume zu schaffen. Um das hohe Tempo durchhalten zu können, wurden hauptsächlich Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene eingesetzt. Dabei wurden die Luftschutzräume nicht direkt in der Stadt gebaut, sondern man grub rund um das Zentrum herum Luftschutzstollen.
Insgesamt wurden 21 Stollen gebaut, wobei der Großteil auf der nördlichen Talseite liegt. Insgesamt hätten ca. 30.000 Menschen in den Stollen unterkommen können, was ungefähr ein Drittel der damaligen Innsbrucker Bevölkerung ausmachte.
Die Stollen existieren zum Teil heute noch, was sich in der jüngeren Vergangenheit insofern bemerkbar machte, als das Erdreich immer wieder nachgab und sich Löcher im Boden auftaten. Die Ursache dafür war, dass man die Stollen teilweise nicht in massives Gestein oder mit Beton baute, sondern nur mit Holz und in weichen Grund. Nach dem Krieg wurden die Stollen unterschiedlich genutzt, beispielsweise als private Lager oder als Ort zur Champignonzucht. Trotz oder vielmehr wegen dieses Vorgehens beim Luftschutz starben in Innsbruck während des Krieges ca. 500 Personen durch Bomben.

Bunker nach 1945. Abgesehen von den Schutzräumen in den Privathäusern gibt es in Innsbruck keine öffentlichen Schutzräume für größere Menschenmassen. Die meisten derartigen Räume werden im Normalfall anders genutzt – in Schulen als Garderoben oder in Gebäuden wie der Klinik als Tiefgarage.
Auch die militärischen Bauten haben in Österreich nie jene Dimension erreicht, die sie zum Beispiel in der Schweiz innehaben. Dort wurden nicht nur Kommando- oder Sanitätsbunker gebaut, sondern auch zahlreiche Festungsanlagen, die tief in den Berg eingegraben wurden. Relativ leicht finden sich Berichte zu weitläufigen Anlagen, die für die aktive militärische Verteidigung gebaut wurden und meist bis in die 1990er Jahre in Funktion waren. Auch im Bereich der zivilen Schutzräume ist die Schweiz einzigartig. Was die Kapazitäten angeht, konnte das Land beispielsweise im Jahr 2006 mehr als der gesamten Schweizer Bevölkerung, umgerechnet 110%, Schutz bieten. In Österreich dürfte in etwa nur ein Drittel der Bevölkerung Zugang haben.
Die gewaltigen Ausmaße des Schweizer Schutzdenkens lassen sich auch an einzelnen Projekten ablesen. So wurde der Sonnenbergtunnel auch als ein Schutzraum für 20.000 Personen gebaut. Über dem Tunnel war im Berg in sieben Stockwerken von einer Großkantine bis zu einem dreistöckigen Spital alles zu finden. Allerdings wurde der Sonnenbergtunnel immer mehr zurückgebaut und existiert nunmehr als „normaler“ Tunnel.

Situation heute. Mit ziemlicher Sicherheit erfüllen nur mehr die allerwenigsten Schutzräume ihren ursprünglichen Zweck. Die meisten dürften inzwischen zu Hobbyräumen oder Zwischenlagern für verschiedenste Dinge geworden sein. Dies ist zwar grundsätzlich kein Problem und durchaus sinnvoll, aber häufig dürfte eine Reaktivierung fast nicht mehr möglich sein.
Das Verschwinden der Schutzräume ist sicherheitstechnisch kein Problem, sondern wird durch neue Konzepte ersetzt. Man versuche nicht mehr durch Verordnungen von oben herab die Sache zu regeln, sondern das Verantwortungsbewusstsein direkt bei den Menschen zu stärken und sie vermehrt zum Selbstschutz zu motivieren, so Marcel Innerkofler, Leiter der Landeswarnzentrale. Von der behördlichen Seite her geht es vielmehr um Informationen und logistische Leistungen im Sinne von Messungen, Prognosen und Anleitungen, wie man sich in der jeweiligen Situation am besten schützen kann. Denkbare Maßnahmen gehen je nach Szenario vom Wechsel der Kleidung bis hin zum Aufenthalt in Kernräumen. Im Worst-Case-Szenario wird heute eher auf Evakuierung gesetzt als darauf, sich in einem Schutzraum einzuigeln.

Mit den Bunkern „verlieren“ wir eine Ausprägung von Sicherheit, die uns in den letzten Jahrzehnten immer fremder geworden ist. Analog zur Transformation des Schutzraums in einen Hobbyraum suchen wir auch gar nicht mehr so sehr nach Sicherheit wie nach Zerstreuung. Möglicherweise wollen wir Gefahren gar nicht mehr sehen, da sie uns unausweichlich geworden sind. Der beste Schutz, den wir in Zukunft haben können, ist nicht mehr der Wall nach außen, sondern ein gutes Miteinander.

Erwähnte Daten über den Stollenbau in Innsbruck stammen aus: Konrad Arnold (Hrsg.): Luftschutzstollen aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Beispiel Innsbruck. Von der Geschichte zur rechtlichen und technischen Problemlösung in der Gegenwart. Innsbruck 2002.
ISBN 978-3-7065-1819-2

Info
Luftschutzstollen in Innsbruck
Baubeginn: Jänner 1944
- geplant: 11.332 Stollenmeter
- realisiert: 8.901 Stollenmeter
- 13 Stollen auf der nördlichen Talseite
- 8 Stollen auf der südlichen Talseite
- Kapazität: ca. 30.000 Personen
- längster Stollen: „Stollen Nr. 16“,
- Innstraße, 1.470 m,
- Kapazität: 4.000 Personen   
- kürzester Stollen: „Stollen Nr. 17“, Mühlau-Kirchbichl, 105 m,
- Kapazität: 225 Personen