Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

„Der Urväter Weisheit geronnene Substanz“ anhand von bäuerlichem Weiterbauen

Vom Einfamilienhaus bis zur Bettenburg, von der Liftstation bis zum Biobauernhof, der Typus des „Tiroler Bauernhauses“ ist die mit Abstand am häufigsten realisierte Gebäudeform in unseren Breiten der Alpen. Dabei gibt es gar keine gemeinsame Grundform des Tiroler Bauernhauses. Unzählige Bauformen finden sich im ganzen Land, Gebäudetypen, deren Form streng an äußere Bedingungen geknüpft war. Mit der Emanzipation von der Landwirtschaft verschwanden in den letzten Jahrzehnten viele geschichtsträchtige Hofanlangen. Sie wurden geschliffen und Gemeinden landauf und landab verloren ihr Gesicht. In den letzten Jahren ist aber auch ein gegenläufiger Trend zu beobachten. Eine sensible Wiederentdeckung alter Höfe und Ställe und ein kreatives Weiterdenken der alten Substanz kommen immer mehr in Gang.

Stallgeschichten
Nicola Weber

Gaden, Schober, Stadel, Wälderhaus oder Tablet heißt der Stall je nach Region in den Alpen. Als Archetypus ist er Symbol für die alpine Landwirtschaft und wesentliches Element dörflicher Strukturen und wird mit deren dramatischer Veränderung zum Abbild des Wandels, zum nostalgischen Erinnerungsträger und zum Objekt neuer Begehrlichkeiten. Ein Stall wurde einst geschaffen für eine bestimmte Zeit, einen Ort und eine Lebensweise, die sich fest in die Architektur eingeprägt haben. Er ist eng verwoben mit der Lebensgeschichte von Familien und Gemeinschaften, ist persönliches und kollektives Gedächtnis. Die Erforschung des Stalles ist auch die Erforschung ländlicher Siedlungstypologien und der räumlichen Entwicklung ganzer Regionen. Das Vorarlberger Architekturinstitut vai hat die Evolution des Stalles in den Regionen Graubünden, Vorarlberg und Südtirol in einer eigenen Ausstellung mit dem Titel Der nicht mehr gebrauchte Stall nachvollzogen.

Noch bis in die späten 1950er Jahre gab der Stall ganz einfach den Tieren und bäuerlichen Tätigkeiten Raum, zeugte aber auch von materieller Not und sozialer Enge. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam der Fortschritt in den Alpenraum, dafür aber mit voller Wucht und allen Konsequenzen. Die vielfältigen Formen der Ställe wurden dem Fortschritt angepasst. Die Stallmoderne war angebrochen, Rationalisierung und Intensivierung der Landwirtschaft haben den „Normstall“ hervorgebracht und damit Ortsbild und Landschaft grundlegend verändert. Im Ensemble mit der Halle für den Maschinenpark und der Überdachung für die plastifizierten Heuballen hat der Stall den Bezug zum Dorf verloren. Mit dem Geländewagen erreicht man ihn sowieso, auf maschinengerecht verbreiterten Feldwegen.
Besonders radikal hat sich der Stadel im Südtiroler Vinschgau gewandelt. Die landwirtschaftliche Gewinnmaximierung durch die „Apfelrevolution“ hat dort die klassische Landwirtschaft umgekrempelt. Der traditionelle Getreide- und Maisanbau wurde von ertragreichen, niederstämmigen Apfelkulturen abgelöst. Statt den Stadeln stehen hier nun die riesigen Lagerhallen der Genossenschaften und verbreiten das Flair einer Gewerbezone.
In anderen Tälern hat der Tourismus die Modernisierung initiiert. In Gröden etwa stehen die Reste bäuerlicher Baukultur wie Museumsobjekte im Dorfkontext. Schmuck sanierte Ställe und Stadel müssen sinnentleert den Schein der heilen alpinen Welt für die Gäste wahren.
Die Geschichte des Stalles muss aber nicht mit Beklemmung enden. Heute wird der Stall in vielfältiger Weise wiederentdeckt. Stallutopien aller Art tauchen auf, die das Wesen und Potenzial der Stallvergangenheit erkennen und kreativ weiterdenken.
Die Ausstellung im vai dokumentiert viele solcher Beispiele, vom landwirtschaftlichen Klosterhof im Graubündner Disentis bis zum stillen Lecher Kulturraum Allmeinde mit Jazzkonzerten und Artist-in-Residence-Programm, von der Idee einer Whisky-Destillerie im Vinschgau bis zum denkmalgeschützten Wälderhaus in Schwarzenberg, das zum Angelika-Kaufmann-Museum wurde, vom Bregenzer Architekturbüro Dietrich | Untertrifaller sensibel und respektvoll modernisiert. Auch das Wohnen im ehemaligen Stall, das seine ganz eigenen Tücken hat, wird thematisiert. Im positiven Fall entsteht gute, sensible Architektur in den verlassenen Volumen, im negativen Fall pervertiert der Stall zum sündteuer ausgebauten Feriendomizil mit Jagdzimmer und perfektem Rasen davor, zur reinen Hülle für Erlebnistourismus oder zu einer Lifestylelocation.
Neben ambitionierten Einzelinitiativen sind es immer öfter auch überregionale Projekte und Strategien mit Weitblick, die dem Stall zu neuem Leben verhelfen. Gemeinden und Talschaften tun sich zusammen, um Konzepte und Visionen für das alpine Siedlungsgebiet zu entwerfen, wie das Projekt KLIM im Montafon, die Gemeinschaft Regio Bregenzerwald oder ein Süd-Osttiroler Gemeinschaftsprojekt zum Thema „Baukultur und ländlicher Raum“.
Der Stall steht im Kleinen für große Fragen: Wohin wird sich der alpine Siedlungsraum bewegen? Bleibt er Heimat- und Lebensraum für die ansässige Bevölkerung, wird er zum Landschaftspark, zur Freizeitarena für die Stadt oder mehr und mehr zur Brache?

Die Wanderausstellung Der nicht mehr gebrauchte Stall ist bis 07. Mai im vai zu sehen, ab Juni im Engadiner Samedan und ab Herbst in Meran.

Stallutopien
Von David Schreyer

Das Brizerhaus der Familie Bliem-Köll in Ramsau im Zillertal ist ein Musterbeispiel für die Restaurierung und Umgestaltung eines Bauernhauses. Bei dieser Instandsetzung, die 2004 abgeschlossen wurde, wurden radikale Schnitte und feinfühlige Eingriffe geschickt kombiniert.

Die Ausgangslage: ein ererbter Hof bestehend aus Wirtschafts- und Wohngebäude, beides baufällig, und weil die Bauten direkt am Erdreich stehen, mit feuchten Außenwänden; als Ensemble schön, wichtig für das allgemeine Ortsbild, und weil die Familiengeschichte der Bauherrschaft eng mit dem Hof verbunden ist, war schnell klar, dass die Anlage, besonders der Wohnbau, erhalten werden sollte. Für das Kramsacher Höfemuseum wäre der Hof zu wenig speziell gewesen, wie Martin Feiersinger, der Architekt, der mit der Revitalisierung der Anlage betraut wurde, meint. Für seine Aufgabe ein Vorteil, weil er so unbefangen, sachlich an die Aufgabe herantreten konnte. Bauherrschaft und Architekt zogen an einem Strang.

Das Wohngebäude sollte in seiner ursprünglichen Form bleiben. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass diese Entscheidung einen Kraftakt erforderte. Die Außenwände aus Holz waren im Laufe der Jahre enorm in Mitleidenschaft gezogen worden und mussten im Erdgeschoss durch neues Mauerwerk ersetzt werden. Um diese Maßnahme durchführen zu können, mussten die oberen Geschosse auf Stützen gestellt werden Nach diesem Eingriff wurde die Erscheinungsform des alten, feingliedrigen Baus wiederhergestellt, mit Ausnahme der Holzblockwand im ersten Obergeschoss. Um den Bau aufzuwerten, hatte man früher nämlich die für damalige Verhältnisse ärmlich anmutende Holzfassade hinter weißem Kalkputz versteckt. Von eben diesem wurde sie wieder befreit.
Im Inneren gab es lediglich funktionale Veränderungen. Die steile Treppe wurde durch ein flacheres Exemplar ersetzt, die Raumaufteilung an die Anforderungen der neuen BewohnerInnen angepasst. Küche und Bad wurden erneuert, einige Türen wurden versetzt. Der Dachboden, einst als Lagerraum genutzt, wurde entrümpelt und in einen großzügigen Einraum verwandelt. Ihm wurde keine Nutzung zugeordnet. Durch seine Größe steht er im direkten Gegensatz zum kleinteiligen Raumzuschnitt der restlichen Geschosse. Der Bau, in dem schon Eltern und Großeltern aufwuchsen, wurde so für folgende Generationen erleb- und nutzbar gemacht.
So feinfühlig die Aufwertung des Wohnteils vor sich ging, nach dem Motto „Erhalten was sich erhalten lässt“, so radikal fiel der Schnitt im Falle des angebauten Wirtschaftsteils aus. Denn die Rahmenbedingungen für ein Wirtschaftsgebäude hatten sich im Laufe der Jahrzehnte auch im hinteren Zillertal massiv verändert. Die Landwirtschaft spielt nur mehr eine untergeordnete Rolle. Wer hier leben will, muss sich mit dem Tourismus arrangieren, kann ihn aber auch mit gestalten. Die Bauherrschaft entschied sich für Letzteres. Für das grobschlächtig ausgeführte und sehr desolate Stallgebäude gab es keine Verwendung mehr, es sollte geschliffen und durch einen mit Ferienwohnungen gefüllten Neubau ersetzt werden. Das Größenverhältnis zwischen Bauernhof und Stall war stimmig, auf eine Vervielfachung der Gebäudekubatur wurde im Sinne der Gesamterscheinung des Ensembles verzichtet. Eine durchaus untypische Maßnahme, üblicherweise steht ja die Maximierung der vermietbaren Flächen bei ähnlichen Entscheidungen im Vordergrund.
Martin Feiersinger hatte den Baukörper und das Verhältnis der beiden Baukörper zueinander vor der Schleifung des Stalls eingehend studiert. So kam er unter anderem zum Schluss, dass ein Neubau ohne vorstehende Balkone auskommen musste, Loggien erfüllen denselben Zweck. Zudem ermöglichen sie eine minimalistische und unauffällige Fassadengestaltung. Wie überhaupt die Gestaltung dieser Fassade mehrfach bemerkenswert ist. In Form seiner Bretter lebt nämlich der alte Stall noch in der Außenhaut des neuen Wirtschaftsbaus weiter. Die neue Fassade gibt vor, alt zu sein. Das jahrelange Warten auf das Ergrauen der Bretter konnte mit vorhandenem, zudem kostenlosem Material verkürzt werden.
Des Weiteren sind alle Öffnungen für Fenster und innenliegende Balkone mit Schiebeelementen verschließbar. Elemente, die natürlich das Geschehen im Inneren des Baus für Passanten ablesbar machen, die aber auch und vor allem an einen Stall erinnern. Eine bewusste Irritation, die die BetrachterInnen mit der wirtschaftlich notwendigen Neuinterpretation des landwirtschaftlichen Nutzbaus konfrontiert.

Das Bauvorhaben, das sowohl Bauherrschaft als auch Architekt mit viel Kopfzerbrechen beschäftigte, muss als Glücksfall bezeichnet werden und sollte mit all seiner Einfachheit und seiner Raffiniertheit Schule machen. Auch weil sich die Marke Tirol dann nicht vor einer Neudefinition seiner Klischeebilder fürchten müsste.   


baukultur am land. Der Baukultur am Land und der Zukunft des Dorfes im Speziellen widmet sich seit Anfang des Jahres auch das aut. architektur und tirol mit dem Themenschwerpunkt Ins Land eini schaun. In zahlreichen Veranstaltungen werden praktische Fallbeispiele aus österreichischen Gemeinden diskutiert und das Phänomen Dorf auch aus der wissenschaftlichen Perspektive beleuchtet. Parallel zur Mitte April anlaufenden Ausstellung des Südtiroler Architekten Walter Angonese und des Künstlers Manfred Alois Mayr finden Diskussionen und Vorträge statt, unter anderem mit Architekt Hermann Czech, Ex-Landesumweltanwalt Siegbert Riccabona oder Jürg Ragettli, ehemaliger Präsident des Graubündner Heimatschutzes. Im bekannten nimm3-Format werden Strategien für die Siedlungsentwicklung im ländlichen Raum vorgestellt.

1 Adolf Loos