Medium für kulturelle Nahversorgung Tirol
MOLEcafé

Die Entzifferung der Grabsteine

#04 2011 / Simon Welebil

Mit Texten von Heiner Müller forscht ein künstlerisches Kollektiv nach den Spuren des Totalitarismus in Osteuropa.

Zwölf Minuten waren das Ziel. Zwölf Minuten der Improvisation mussten möglich sein, bevor Staats- und Sicherheitsorgane einschritten. Improvisationen in weißer Kleidung, mit blauen Stoffbahnen und mit Texten von Heiner Müller, auf Plätzen und öffentlichen Orten in Städten des ehemaligen Ostblocks – in Bratislava, Lemberg, Kiew oder Minsk – auf einer Reise nach Wolokolamsk.

Wolokolamsk liegt etwa zweitausend Kilometer von Berlin entfernt, einhundertzwanzig Kilometer vor Moskau. Hier wurde im Herbst 1941 der Vormarsch der deutschen Wehrmacht in der Sowjetunion gestoppt. Der Wendepunkt in einem Krieg, den der Dramatiker Heiner Müller als Ausgangspunkt für die Entwicklung des deutschen Sozialismus genommen hat. Von diesem Punkt aus hat er versucht, in fünf Kurzdramen, der Wolokolamsker Chaussee I-V, den Weg des deutschen Sozialismus nachzuzeichnen. Mit ihren „Grabsteinen“ stellte er die Geschichte der DDR dar, von ihrer Geburt aus dem „Großen Vaterländischen Krieg“ über den niedergeschlagenen Arbeiteraufstand in Berlin 1953 bis zum Prager Frühling 1968, der durch sowjetische Panzer sein Ende fand. In einer Reise von den Vororten Moskaus nach Berlin erforschte Müller den Realsozialismus in der DDR als eine Geschichte des Totalitarismus.

20 Jahre nach der Implosion der Sowjetunion und dem Ende des Realsozialismus in Europa knüpft ein Theaterkollektiv an die Untersuchungen Heiner Müllers an. Seit 2006 spürt die Gruppe Konfiguration Jenseits des Todes (KJDT) dem Gesamtwerk des Dramatikers nach, in wechselnden Personenkonstellationen um die TirolerInnen Melanie Hollaus, Andreas Pronegg und die in Wien geborene Katharina Burger. In den Ländern des ehemaligen Ostblocks verfolgt KJDT die Spuren des Totalitarismus nun weiter. Heiner Müllers „Reise“ drehten sie dafür um, Wolokolamsk sollte nicht ihr Ausgangspunkt, sondern ihr Ziel sein. In der einmonatigen Reise hat KJDT jeden Tag den Text Heiner Müllers improvisiert, ob im Zug oder im öffentlichen Raum. Die KünstlerInnen waren an Orten, wo die Schrecken des Zweiten Weltkriegs noch spürbar waren, wie in Auschwitz, oder schon nicht mehr, wie in Babij-Jar nahe Kiew, wo Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes 1941 mehr als 33.000 Juden ermordeten. Der Totalitarismus in Osteuropa nimmt seinen Ausgang auch im Völkermord des Zweiten Weltkriegs. Seine Spuren fanden sie nicht nur in den Grabsteinen in Form von Denkmälern oder den monumentalen Architekturen osteuropäischer Städte, sondern auch gegenwärtig in der Einschränkung von persönlicher Freiheit und der Freiheit der Kunst. Die Lage der freien KünstlerInnen in den Nachfolgestaaten der UdSSR ist nicht nur wirtschaftlich prekär.  
Häufig ist die freie Kunstszene auch politischen Repressionen ausgesetzt. KJDT bekam das selber zu spüren. Ihre Improvisationen mussten häufig unterbrochen werden, weil Sicherheitsorgane die Performances nicht duldeten. Eine zufällige Parallele mit der Vergangenheit bildete den Abschluss ihrer Reise: Durch die Waldbrände um Moskau war die Stadt eingeschlossen wie 1941 von der deutschen Wehrmacht.

Mit der Umkehrung der Reise wollte KJDT auch auf die tiefgreifenden Veränderungen aufmerksam machen, die den Osten Europas in den letzten Jahrzehnten erfasst haben. Statt eines undurchdringlichen Eisernen Vorhangs sind die Grenzen zwischen Ost- und Westeuropa nun offen, zumindest für Warenströme. Der wirtschaftliche Austausch ist aber ziemlich einseitig und die „alten“ europäischen Staaten profitieren davon. Dem Osten wurde die Rolle des Wachstumsmarkts für das westliche Industrie- und Finanzsystem zugeteilt, die er brav zu erfüllen hat. Dieses Ungleichgewicht sollte seine Fortsetzung nicht auch auf kultureller Ebene finden. KJDT kooperierte mit verschiedensten mittel- und osteuropäischen KünstlerInnen, um einen künstlerischen und ästhetischen Austausch zu forcieren.

Gemeinsam arbeiteten sie an den hämmernden Blankversen der Wolokolamsker Chaussee I-V. Die Texte sind keine klassischen Dramen, sondern eher episch referierte Szenen und erzählte Ereignisfolgen. Das Stück schreie gerade nach neuen Inszenierungsweisen, heißt es etwa bei Hans-Thies Lehmann. KJDT übertrug Ansätze aus dem Stück in ihre Reise und deren Organisation. In den Stücken gibt es etwa keine Rollenzuschreibungen, es spricht aber auch keine Einzelperson. Ein Kollektiv spricht die Verse. Diesem kollektiven Ansatz entsprach bei KJDT eine tägliche Neuverteilung von Rollen und Arbeitsaufgaben für die Inszenierung der Wolokolamsker Chausseen.

Schon früh im Planungsstadium haben sie sich Gedanken darüber gemacht, wie die Stücke Heiner Müllers inszeniert und ihre zentralen Fragestellungen nach dem Verhältnis von Recht und Anarchie, von Struktur und Zufälligkeit, von Reglement und Abweichung herausgearbeitet werden können. Zentral dabei war immer auch die Art der Notation der Inszenierung. Ob in einer Partitur, wie sie der Haller Komponist Günther Zechberger vor Reiseantritt angefertigt hat, oder auf Video-, Foto- und Audioaufnahmen. Die Differenzen zwischen den unterschiedlichen Notationssystemen herauszuarbeiten, ist ein Kernstück der Arbeit.

Erste Ausschnitte aus dem Material, das KJDT auf der Reise nach Wolokolamsk gesammelt hat, wurden zum Jahreswechsel unter Einbeziehung des Publikums in einer Werkschau im Palais Kabelwerk präsentiert. Protokolle, Körperstudien, Ausschnitte aus Audio- und Videoaufnahmen sollten dabei kein in sich abgeschlossenes Kunstwerk bilden, sondern eine rhizomatische Produktionsplattform, die wuchert und wächst. Bis zum Herbst 2011 soll das Riesenmaterial, das auf der Reise gesammelt wurde, neu montiert werden und analog zu den fünf Teilen der Wolokolamsker Chaussee an fünf Spielorten in Wien mit den fünf Schwerpunkten Architektur, Performance, Komposition, Öffentlicher Raum und Neue Medien gezeigt werden.

Danach soll das Notationsmaterial wieder weiterwandern, um es zu transformieren und neu zu erfinden, denn letztgültige Interpretationen gibt es nicht. Wie Stationen auf einer Reise werden nur temporär Inhalte fixiert, um sie beim Aufbruch wieder verflüssigen zu können.