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MOLEcafé

Die neuen magischen Kanäle

#04 2011 / Martin Fritz

Warum Social Bookmarking die wichtigste Web-2.0-Anwendung überhaupt ist (oder zumindest eigentlich sein sollte)

Für einen Artikel zum großen Themenfeld Web 2.0 für Leute, die sich nicht soundso tagtäglich damit auseinandersetzen, scheint sich aktuell anderes aufzudrängen: Sei es nun die Enthüllungsplattform Wikileaks, sei es die Rolle von Sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook bei den Freiheitsbestrebungen im arabischen Raum oder sei es der Dauerbrenner Urheberrecht im Netz – all das mutet eher so an, als illustriere es die gesellschaftlichen Umwälzungen besser, die durch die neuen Informationstechnologien gerade geschehen. Allen genannten Beispielen ist  jedoch gemein, dass bei ihnen primär ein Aspekt des Netzes im Vordergrund steht, der im leicht albernen Begriff „Mitmachweb” gut gefasst wird: Dass ins Internet eben tendenziell alle NutzerInnen hineinstellen können, was sie eben möchten – ganz egal, ob BotschafterInnendepeschen, AugenzeugInnenberichte vom Tahrir-Platz oder Musikvideos (und natürlich auch Katzenbilder, Wrestling-Ergebnisse oder Rezepttipps, um auch unspektakulärere Beispiele zu nennen).
Welche positiven oder negativen Auswirkungen dies im Einzelnen auch immer haben kann, eine Folge ist unbestreitbar: Es gibt im Netz sehr, sehr viel mehr, als irgendjemand rezipieren kann. Antworten auf dieses Problem sind also vielleicht noch grundlegender als die Diskussion von Einzel-phänomenen, wie etwa ob Wikileaks nun den Journalismus bedroht und ob das wünschenswert wäre oder nicht. Es geht um die Organisation unüberschaubarer Wissensbestände und in diesem Bereich ist, wie im Folgenden hoffentlich klar werden wird, Social Bookmarking eine der ältesten, simpelsten und zugleich wirkmächtigsten Lösungen überhaupt. Trotzdem verbergen sich diese erstaunlicherweise im Mainstream-Web-Bewusstsein immer noch knapp unter der Aufmerksamkeitsschwelle.

Extensions of (Wo)Men. Was aus dem Viel-zu-Vielen, das das Netz zu bieten hat, relevant ist, ist ja für jede/n unterschiedlich. Die präzise Mischung, die mich interessiert, aus x Teilen Katzenbildern und y Teilen Tahrir-Neuigkeiten zusammenzufinden, ist die Domäne von Suchmaschinen, deren Evolution zu immer exakteren und personalisierteren Formen ein Thema für sich ist (auf das wir unten  zurückkommen werden).
Sobald ich jedoch 100 gute Katzenbilder gefunden habe, stehe ich auf einer höheren Ebene erneut vor demselben Problem, nämlich wie ich mit dem unüberschaubaren Vielen umgehen soll, das ich doch gern mal wiederfinden würde.
Schon die frühen Browser boten dafür die Möglichkeit, Lesezeichen abzuspeichern, wie man es von Dateien gewohnt war: In hierarchisch geordneten Ordnern und Unterordnern. Es liegt auf der Hand, dass bei einer entsprechend großen Anzahl von Links (1.000 Katzenbilder) wie entsprechender Uneindeutigkeit, in welchen Ordner Links gehören (Bilder von Katzen am Tahrirplatz), Unübersichtlichkeit die Folge ist. Habe ich noch dazu im Büro und zuhause einen Computer mit dort gespeicherten Lesezeichen, ist das Chaos perfekt.

Social Bookmarks lösen dieses Problem. Die verschiedenen Anbieter (z.B. delicious oder diigo) unterscheiden sich in einzelnen (meist vernachlässigbaren) Zusatzfeatures, das Grundprinzip ist stets gleich: Nachdem ich mir einen Account erstellt habe, kann ich Bookmarks online, auf einem eigenen Profil, speichern. Ein zweiter Vorteil: Auch das Einordnen in starre Ordner entfällt. Statt dessen kann ich Tags vergeben, also frei wählbare Schlagworte. Die Vorteile liegen auf der Hand: Erstens kann ich auf diese Lesezeichen von jedem ans Netz angeschlossenen Computer aus zugreifen (nie wieder im Büro gespeicherte Katzenbilder zuhause nicht mehr finden) und zweitens befreien die nichthierarchischen Tags mich von der Last, Links nur an einer Stelle speichern zu müssen (die Katze vom Tahrir-Platz findet sich unter dem Tag „Katze“ ebenso wie unter dem Tag „Tahrir“). In einem Bücherregal können Bücher nur an einer bestimmten Stelle stehen, in der digitalen Welt besteht dafür keine Notwendigkeit mehr.
Die Vorteile dessen zeigen sich umso deutlicher, je intensiver ich es nutze: Ein delicious-Account, in dem tausende Links unter hunderten Kategorien gespeichert sind, kann zu einer Auslagerung von Gedächtnisleistung führen, die fast intelligent wirkt. Egal, um welches Thema es geht: Ich weiß zwar nicht mehr, was ich dazu schon alles gelesen habe, aber mein delicious-Account weiß es (und noch dazu weiß er, was damit assoziativ zusammenhängt, z.B. Katzen und Ägypten).

Sharing is Caring. Ist Social Bookmarking also schon bei der Benützung als Einzelperson ein schier unschlagbares Werkzeug, zeigt sich seine wahre Qualität darin, was ihm zu seinem Namen verhilft: die soziale Dimension. Der wahre Clou von Diensten wie delicious steckt nämlich darin, dass alles, was ich dort speichere, von allen NutzerInnen gesehen werden kann und vice versa (Schmuddelseiten können als „private“ der Öffentlichkeit verborgen werden). So kann ich mit einem einfachen Link auf meine gesamte Katzenbilder-Sammlung verweisen (vgl. die Linksammlung zu diesem Artikel unten), oder ich kann, anspruchsvoll geworden, auch nachschauen, wer außer mir mein Katzenbild vom Tahrir-Platz gespeichert hat. Finde ich nun eine Userin X, die mein Bild gespeichert hat, kann ich davon ausgehen, dass deren sonstige Links für mich hochinteressant sein werden (wer interessiert sich schon für so eine Kombination?) – allen voran die, die mit „Kitty“ und „Egypt“ getaggt sind.

Grundsätzlich ist also alles bei Social-Bookmarking-Services nach dreierlei Größen durchsuchbar: Nach Tags, nach Items (also gespeicherten Links) und nach Personen. Da alle diese Größen zusammenhängen, sind damit komplexe und spezielle Recherchen anstellbar (es lassen sich leicht weniger abstruse Beispiele denken: Wen würde nicht interessieren, wer aller mit welchen Schlagworten die eigene Lieblingsseite gespeichert hat?). Aber nicht nur das Suchen in einem riesigen Korpus fremder Bookmarks, auch ganz gezielte Kooperation ist so möglich. Stellt eine Schulklasse, Zeitungsredaktion oder Kochgruppe gemeinsame Recherchen zu einem speziellen Thema an, muss sie sich nur auf einen Tag einigen und alle haben die Ergebnisse aller stets übersichtlich am Schirm.

Serendipity Folksonomy. Mittels Social Bookmarking legt also ein Kollektiv von NutzerInnen gewissermaßen eine zweite Bedeutungsschicht über das Netz, macht die Spuren der alltäglichen Benutzung des Netzes für alle sichtbar, nutzbar und durchsuchbar. Die von echten Menschen vergebenen Tags sind ja um einiges aussagekräftiger als die von nur algorithmengetriebenen Suchmaschinen ermittelten Ergebnisse. Dabei macht es auch nichts, wenn verschiedene Menschen für die gleichen Dinge verschiedene Schlagworte verwenden – durch die große Menge von NutzerInnen finden sich trotzdem Überschneidungen, setzen sich allmählich besonders treffende Tags durch. Von meinem egoistischen Antrieb (ich will gute Katzenbilder finden und sie später auch wiederfinden) profitieren so alle (es gibt Metadaten, die auf gute Katzenbilder hinweisen).

Es lässt sich natürlich trefflich über die tatsächliche Intelligenz dieses Schwarms streiten (führt er nur dazu, dass am Ende alle dieselben Katzenbilder anschauen oder bildet er wirklich eine Metaebene über dem Netz?). Andererseits braucht es nur wenig Phantasie, darin eine Chance des fundamentalen Umbruchs in Wissensordnungen überhaupt zu sehen, die in der digitalen Welt eben nicht mehr in hierarchischen Taxonomien bestehen, sondern neue, rhizomatische, dezentrale Ontologien hervorbringen, die immerhin einem Umstand gerechter werden als starre Kategorien: dass eigentlich immer schon alles Vermischtes war, eben zugleich Katze und Tahrir-Platz. Wenn Yahoo trotz anders lautender Gerüchte delicious nicht abdreht, können Sie dort nachfühlen, wie fundamental ein so basales Prinzip wie Social Bookmarking alles ändert. Web 2.0 bedeutete einmal das, und nicht das Sammeln von Tieren auf Farmville.